Lesen hilft!

Nun gibt es keine Ausflüchte mehr à la: „Ich lese ja gerne, aber ich habe leider keine Zeit!“ Viele Menschen haben gerade sehr viel Zeit. Also: Tauchen Sie ein in die Welten, die sich zwischen zwei Buchdeckeln verbergen. Sie werden sehen: Das ist ungeheuer spannend. Und denken Sie daran: Die meisten Bielefelder Buchhandlungen sind telefonisch erreichbar, beraten und liefern Bücher auch nach Hause!

Anne Tyler: Der Sinn des Ganzen

22 €, Kein & Aber

Und plötzlich ist alles anders. Dieses Gefühl dürften momentan sehr viele Menschen nachvollziehen können. Micah Mortimer wirft jedoch nicht die Corona-Krise aus der Bahn, sondern das Auftauchen seines vermeintlichen Sohnes und der Wunsch seiner Freundin bei ihm einzuziehen. Er liebt Gewohnheiten, Selbstgespräche und eine ordentliche Wohnung. Der Tagesablauf genauestens getaktet, alles an seinem Platz. Damit ist Micah einer der typischen Helden der amerikanischen Autorin. Ein wenig seltsam und verschroben, ein liebenswerter Einzelgänger, der doch das Potenzial hat, über seinen Schatten zu springen. Feinfühlig und mit viel Humor beschreibt Anne Tyler, wie die „Katastrophe“ in Micahs Leben einbricht. Zumindest für die LeserInnen ein Kontrollverlust der unterhaltsamen Art.

Matthias Politycki: Das kann uns keiner nehmen

Hoffmann & Campe, 16,99 €

Politycki, den Weltreisenden unter den deutschen Gegenwartsautoren, hat es diesmal nach Afrika gezogen, genauer: nach Tansania zum Kilimandscharo, dem touristischen Traumziel. Seine Protagonisten können nicht gegensätzlicher sein: hier Hansi aus Hamburg, ein schüchterner, reservierter Mensch, dort Tscharlie, ein Bayer, großmäulig und aufdringlich. Mit seiner Mischung aus Urbayrisch, Englisch und Suaheli sprengt der Tscharlie alle gängigen Grenzen des politisch Korrekten – derb, dominant, bisweilen durchaus mit kolonialen Anwandlungen. Bei den afrikanischen Begleitern und der Damenwelt kommt dieses deutsche Urvieh aber erstaunlich gut an. Beide Männer verbindet eines: Sie haben ein Afrika-Trauma zu bewältigen. Ganz allmählich nähern sie sich einander an, der Beginn einer Männerfreundschaft. Politycki hat mit dieser Geschichte, der übrigens auch autobiographische Erfahrungen zugrunde liegen, einen so schillernd schönen wie herzzerfetzend traurigen Roman geschrieben, der bis zum letzten Satz mit Überraschungen aufwarten kann. Ein wunderbares Buch für alle, deren Fernweh zurzeit zu Hause angekettet ist.

Andreas Eschbach: NSA

Bastei Lübbe, 12,90 €

Was wäre gewesen, wenn Hitler schon Computer zur Verfügung gehabt hätte? Ein beklemmendes und zugleich hochspannendes Szenario, das Andreas Eschbach da entwirft. Die Programmiererin Helene arbeitet im Nationalen Sicherheits-Amt in Weimar, das ein wenig unter dem Radar der Nazis läuft, die in Berlin bekanntermaßen ihren eigenen Geheimdienst beschäftigen. Als die Schließung droht, weil die Männer an die Front und die Frauen in die Produktion geschickt werden sollen, arbeitet die Belegschaft unter Hochdruck daran, Himmler von der Existenzberechtigung des Amtes zu überzeugen. Es werden scheinbar harmlose Daten zum Kalorienverbrauch – alle Alltagsdaten der Bevölkerung werden erfasst, bezahlt wird nur noch mit Geldkarte oder dem mobilen Volkstelefon – genommen, um versteckte Juden aufzuspüren. Und es funktioniert. Was keiner weiß: Helene hat für einen Deserteur, der zur Liebe ihres Lebens wird, ein Versteck auf dem Hof ihrer Freundin organisiert. Und die Nazis wollen immer mehr Datenverknüpfungen, um die Suche allumfassend zu gestalten. Schlagartig wird Helene klar: Es gibt keine unwichtigen Daten. Und wohin führt diese „totale Datenerfassung“?

Nun gibt es den „Spiegel“-Bestseller endlich auch als Taschenbuch. 796 Seiten stark – und keine Durststrecke dabei, sondern eine Story mit Sogwirkung. Hut ab, Herr Eschbach

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder

S. Fischer, 21 €

Eine brandaktuelle Frage: Wie wird ein aufrechter Büchermensch zum Reaktionär – oder Revoluzzer? Schulze erzählt seinen Roman auf der Folie der Realität. In Dresden gibt es eine fachlich anerkannte und hochqualifizierte Antiquarin, der Nähe zur Pegida vorgeworfen wird. Schulzes Held ist allerdings ein Mann: Norbert Paulini, ein Büchernarr, der mit seinem Antiquariat in Dresden zur kulturellen Instanz in der DDR der 70er und 80er Jahre wird. Nach der Wende ändern sich ganz allmählich die Zeiten, die Konkurrenz kommt aus dem Internet. Aus dem begeisternd sprühenden, charismatischen Literaturfreund wird ein aufbrausender rechthaberischer Mensch, der beschuldigt wird, an fremdenfeindlichen Ausschreitungen teilgenommen zu haben. Zum Schluss steht gar die Frage im Raum, ob er ein Mörder ist. Der Roman von Schulze erzählt die Geschichte einer unheimlichen Verwandlung mit Aplomb, Drive und Tempo.

Fiona Barton: Der Trip

Wunderlich, 16 €

Für viele junge Leute ein Traum: Direkt nach den Abi-Prüfungen eine Auszeit nehmen. Rucksack packen und ab nach Thailand. Genau das machen die beiden Freundinnen Alex und Rosie. Das allerdings wird für ihre Familien zum Albtraum, denn schon nach kurzer Zeit gibt es kein Lebenszeichen mehr von den beiden. Die Journalistin Kate widmet sich der Story von den beiden vermissten Engländerinnen und verfolgt dabei eine eigene Agenda. Denn ihr Sohn hat sein Studium abgebrochen, um in Phuket ein Schildkrötenhilfsprojekt zu unterstützen. Auch von ihm fehlt jede Spur. Als die Nachricht von einem verheerenden Hostel in Bangkok die Runde macht, sind nicht nur die Angehörigen der verschwundenen Mädchen zutiefst besorgt. Auch bei Kate regt sich ein schlimmer Verdacht. Was wenn das Abenteuer der drei jungen Menschen ein tödliches Ende genommen hat.

Fiona Barton ist ein richtig guter Pageturner gelungen. Mit vielen Wendungen und aus den Perspektiven der Mutter, der Journalistin und des britischen Ermittlers enthüllt sie Lage für Lage, was in Thailand wirklich geschah.