„Vor jeder Saison hat man ein Gefühl, wie sie sich gestalten könnte, aber das ist auch keine Garantie dafür, dass es tatsächlich so passiert. Ich bin sehr froh, dass wir einen guten Start geschafft haben“, sagt Uwe Neuhaus mit Blick auf die bislang äußerst erfolgreich spielende Mannschaft des DSC Arminia Bielefeld. Der Auftakt ist vorbei und der DSC ist mittendrin in der Zweitliga-Saison.

Wenn es nach mir ginge, müsste ich mich weder sehen noch hören, aber ich bin mittendrin in diesem Zirkus.

Uwe Neuhaus

Aus den Worten des Chef-Trainers spricht die Erfahrung von 26 Jahren an der Seitenlinie. Hinzu kommen 13 Jahre als Profi-Spieler mit insgesamt 102 Erst- sowie 83 Zweitligaeinsätzen. Unter Uwe Neuhaus hat sich die Spielweise der Blauen weiterentwickelt. Der Spielaufbau ist riskanter – da geht auch schon mal ein Raunen durch die SchücoArena –, aber dafür kommen die Spieler häufiger zum Abschluss. Einer guten Torausbeute stehen zwar auch einige Gegentreffer gegenüber, aber unterm Strich gibt der Erfolg dem Trainer recht. „Würden wir jetzt mehrere Spiele hintereinander verlieren, würde ich selbstverständlich darüber nachdenken, was wir umgestalten müssen. Aber in der jetzigen Situation sehe ich keinen Grund, von unserem Weg abzuweichen“, sagt der Chef- Coach. Trainiert wird sowieso immer in allen Bereichen. „Wenn man meint, dass man mit einem Thema fertig ist, kann es sein, dass man einen Spieltag später genau da wieder ansetzen muss“, lacht Uwe Neuhaus. „Meine Aufgabe im Training ist es, die Spieler immer ganz nah an die hundert Prozent zu bringen.“

DER GLAUBE MACHT‘S

Auch an den Spieltagen hat das Team von Uwe Neuhaus schon mehrfach bewiesen, dass es nicht aufgibt und Rückstände gedreht hat. Wie bekommt man diese Mentalität in die Köpfe und Beine der Spieler? „Das ist zuallererst der Glaube an sich selbst“, erklärt der sympathische Fußball-Lehrer. „Aber man muss schon mal erlebt haben, dass es funktioniert. Das ist ein langer Weg und der Erfolg hilft dabei.“ Nach dem Spiel gleicht Uwe Neuhaus mit dem Trainerteam seine optischen Eindrücke mit den Statistiken und der Videoanalyse ab. Passgenauigkeit, Ballbesitz, Laufleistung und vieles mehr müssen im Gesamtkontext des Spielverlaufs betrachtet und ausgewertet werden. Die Technologisierung hat Vorteile. Mit dem Videobeweis und der neuen Handspielregel kann sich der gebürtige Hattinger allerdings nicht so recht anfreunden. „Für die Schiedsrichter ist es schwierig, ein Handspiel gerecht zu bewerten. Bei Abseitsentscheidungen kann der Videobeweis aber durchaus sinnvoll sein. Allerdings ist er für die Stimmung im Stadion nicht optimal: Erst freut man sich, dann wird geprüft. Selbst wenn das Tor gegeben wird, hat man das Gefühl, dass die Freude nicht mehr so intensiv ist.“

ERFAHRUNG SAMMELN

Es ist die Arbeit mit den Spielern, die Uwe Neuhaus am meisten Spaß macht. Menschenführung betrachtet er als allergrößten Teil seiner Arbeit. Dabei war die Trainerlaufbahn für den ehemaligen Abwehr-Strategen gar nicht so konkret vorgezeichnet. „Als meine Karriere als Spieler dem Ende zuging, war lange Zeit unklar, ob ich als Trainer arbeiten möchte“, erinnert sich der 59-Jährige. Dabei hat Uwe Neuhaus auch über den Fußball-Tellerrand hinaus geguckt. Bei Thyssen Henrichshütte absolvierte er eine Ausbildung als Elektriker, war vier Jahre bei der Bundeswehr und hat in einer Justizvollzugsanstalt hospitiert. „Die Wechsel- und Wochenendschichten waren nicht mit dem Fußball vereinbar. Und was man im Gefängnis so mitbekommt, hinterlässt Spuren. Dafür muss man schon gemacht sein“, stellt er fest. „Während meines letzten Jahres als Spieler bei Wattenscheid habe ich ein Amateurteam betreut, um auszuprobieren, ob mir das gefällt.“ Und das tat es. Von Wattenscheid über Hüls ging es 1998 zum BVB, wo er 2002 als Co-Trainer die Deutsche Meisterschaft gewann und das UEFA-Cup-Finale erreichte.

KOMPLEXES SPIEL

Die vielfältigen Erfahrungen helfen dem Coach bei seinen heutigen Aufgaben. „Bei der Bundeswehr habe ich viel über die Führung einer Gruppe gelernt. Und ich habe von jedem meiner Trainer etwas mitgenommen – im Positiven wie im Negativen.“ Fußball ist eine facettenreiche Angelegenheit. Das Spiel wird immer schneller, die Spieler immer jünger, selbstbewusster und sie verdienen im Vergleich zu früher deutlich mehr Geld. Social Media spielt eine große Rolle. All diese Facetten gilt es bei einem Kader von 28 Spielern zu händeln. So werden die Profis nicht nur fußballerisch und taktisch geschult, sondern die Kunst ist es, sie so zu motivieren, dass jeder weiß, dass er für die Mannschaft wichtig ist, auch wenn er nicht auf dem Platz steht. Ein schmaler Grat: „Ich versuche, so viel wie möglich mit jedem einzelnen Spieler zu sprechen. Auch der Smalltalk ist wichtig. So kann ich wahrnehmen, ob ein Spieler vielleicht unzufrieden ist. Mir ist aber auch bewusst, dass ich wahrscheinlich nicht jeden Spieler zu 100 Prozent jeden Tag erreichen kann.“ Besonders die ersten Tage bei Arminia im Dezember 2018 sind ihm gut im Gedächtnis. „Das war eine komplexe Aufgabe, ich bekam sehr viel Input und wollte jeden einzelnen Spieler kennenlernen und der Mannschaft eine andere Spielweise an die Hand geben. Das Spiel in Kiel, das wir drei Tage später 2:1 gewonnen haben, war für uns enorm wertvoll. Da habe ich gesehen: Hier kann was zusammenwachsen.“ Uwe Neuhaus vereint die Leidenschaft für den Fußball mit der Gelassenheit, das Drumherum als Teil des Jobs zu akzeptieren. „Wenn es nach mir ginge, müsste ich mich weder sehen noch hören, aber ich bin mittendrin in diesem Zirkus“, sagt er im Hinblick auf das öffentliche Interesse und fügt lachend hinzu: „Ich will eigentlich nur Fußball.“