Der Januar ist die beste Zeit auf Reisen zu gehen – und fehlt dafür die Zeit, halten Bücher jede Menge Abenteuer bereit.

Jo Nesbø – Minnesota

Ullstein, 24,99 €

Minnesota, 2016: Ermittler Bob Oz ist seit dem Unfalltod seiner dreijährigen Tochter nicht mehr er selbst. Seine Frau verlässt ihn, Freunde ziehen sich zurück. Allein die knallharte Ermittlerarbeit lässt ihn seine Dämonen für einige Stunden vergessen: Oz jagt einen Mörder, der einen Rachefeldzug gegen Drogenbosse und Waffenhändler in Minneapolis führt. Und immer ist der ihm einen Schritt voraus, trickst Kameras aus, hinterlässt irreführende Spuren. Erst als bekannt wird, dass er einen Anschlag auf den Bürgermeister plant, kann Oz ihm eine Falle stellen. Doch wer stellt hier wem eine Falle? Was Jo Nesbø hier zu Papier bringt, ist wieder ganz großes Kino. Wahnsinnig spannend vor einem sehr realen Hintergrund. Unbedingt lesen. (E.B.)

Martin Conrath – Kohle, Stahl und Mord: Das Totenhaus

Rowohlt, 14 €

Wer ein Herz für das Ruhrgebiet hat, wird diesen Krimi lieben: Eine blutüberströmte Frau wird in die Psychiatrische Notfallambulanz Essen eingeliefert. Die Forensische Psychiaterin Jana Fäller übernimmt den Fall, doch ihre Patientin, die sich Eva nennt, kann sich an nichts erinnern. Als sie herausfindet, dass das Blut nicht von Eva stammt, zieht sie ihre Freundin Elin Akay hinzu, Kriminalhauptkommissarin der Mordkommission. Erste Ermittlungen führen sie zur Stinnes-Villa, einst Wohnsitz des Zechendirektors – ein düsterer, verlassener Ort. Dort findet sie den Mann, dessen Blut Janas Patientin an sich trägt: Er wurde brutal erschlagen.

Das Opfer, Ali Surat, ist kein Unbekannter, sein Vater ist Rabih Surat, Friedensrichter und Vermittler zwischen arabischen Familien. Während ihre Kollegen einen Streit unter rivalisierenden Clans vermuten, verfolgt Elin eine ganz andere Spur, denn damals, zu Zeiten des aktiven Bergbaus geschah ein Verbrechen, dessen Konsequenzen in der Gegenwart höchst spürbar sind. Auch der zweite Band mit Elin Akay und Jana Fäller ist höchst spannend, eine tolle Geschichte und eine richtig gute Figurenzeichnung. Gern mehr davon. (E.B.)

Juli Zeh – Good Morning, Boys and Girls

Luchterhand, 23 € Ein Kaktus, der zum international gesuchten Terrorverdächtigen wird. Ein erfolgsverwöhnter Banker, der eines Morgens aus tiefem Schlaf erwacht und sich in einem fremden Leben wiederfindet. Eine Kuh, die vom Himmel fällt, ein Fischer, der deshalb Ärger mit dem europäischen Grenzschutz bekommt. Ein Webdesigner, der in eine Lebenskrise stürzt, weil er am Flughafen wegen Übertretens einer gelben Linie verhaftet wird. Ein 16-Jähriger, der einen Amoklauf plant und dabei nicht mit einer Mitschülerin rechnet.

Die vier Theaterstücke vereinen eine zentrale Fragestellung: Wie viel Unfreiheit nehmen wir für unsere Sicherheit in Kauf? Wo verläuft die Grenze staatlicher Fürsorge und wo beginnt die Verletzung der Privatsphäre? Juli Zeh hat Stücke geschrieben, die – zuweilen verstörend – viel Stoff zum Nachdenken liefern. (E.B.)

Kai Wiesinger – Zurück zu ihr

Scherz, 22 €

Protagonist Jan, frisch fünfzig, reist zu einem Klassentreffen und gerät auf dem Weg dorthin in eine innere wie äußere Zwischenstation seines Lebens. Der Roadtrip wird zur Selbstbefragung: Was ist aus den Träumen der Jugend geworden, was aus der großen Liebe – und wie viel Mut braucht es, das eigene Leben infrage zu stellen und die Realität anzuerkennen? Wiesinger erzählt mit feinem Gespür für Zweifel, Nostalgie und Selbstironie. Nicht jede Wendung überrascht, doch die Ehrlichkeit des Romans überzeugt. Mit „Zurück zu ihr“ legt Kai Wiesinger einen leisen, nachdenklichen Roman über das Älterwerden und die Sehnsucht nach verpassten Möglichkeiten vor. (E.B.)

Jón Atli Jónasson – Gift

Scherz, 18 € Der Krimi beginnt mit einem furiosen Auftakt: Auf einem Lavafeld vor Reykjavík ergießt sich literweise Blut aus einem Lkw auf die Landstraße. Und in einem Filmstudio wird eine schrecklich zugerichtete Leiche gefunden. Chefkommissar Elliði legt den Fall in die Hände der beiden, denen er am meisten vertraut: Dora und Rado. Doch sie haben mit ihren eigenen Dämonen zu tun – Dora kämpft mit ihrer Schmerzmittelsucht, Rado mit seiner Vergangenheit. Während sich ein tödliches Gift im Land verbreitet, begeben sich Dora und Rado auf eine gefährliche Suche. Wer auf der Suche nach einem soliden Krimi ist und nicht allzu viel wert auf Sprache legt, ist mit „Gift“ gut bedient. (E.B.)

Erwin Grosche & Gennadi Isaak

Ich bin nicht mehr wie du/Einfranksätze und Ebenbilder

Verlag Akademie der Abenteuer, 23,80 €

Der passende Satz zur Schnupfensaison: „Der Nase ist es egal, von wem sie geputzt wird.“ Oder ein hintersinniges Liebesgelübde: „Ich mag mich mehr als sie mich mag“. Kurze Überlegungen, die zum Lachen, Nachdenken oder Staunen bringen. Ganz Alltägliches so formuliert, dass die Leserinnen und Leser ins Stocken geraten.

Darin ist der Kleinkünstler ganz groß. Ob live auf der Bühne oder als Autor, der Paderborner Kulturpreisträger hat einen besonderen Blick auf die Welt, der immer wieder überrascht. Und Gennadi Isaak, mit dem er bereits mehrfach zusammengearbeitet hat, liefert die passenden Illustrationen dazu. (S.G.)

Donal Ryan – Die Königin von Dirt Island

Diogenes, 25 €

Drei Generationen starker Frauen, die ihr Leben ohne Männer meistern (müssen). Das Schicksal stellt sich ihnen auf verschiedene Weise in den Weg, doch ihr Zusammenhalt ist stärker. Eileen Aylward ist eine außergewöhnliche Frau. Sie ist klug, unabhängig und sie ist Witwe. Mit ihrer Tochter Saoirse und ihrer Schwiegermutter meistert sie den Alltag in einem kleinen Dorf in Irland.

Auch als Saoirse mit sechzehn schwanger wird, Vater weitgehend unbekannt, stellen sich die Frauen gemeinsam den Moralvorstellungen und Einmischungen der anderen DorfbewohnerInnen in den Weg. Klug, poetisch und mit leisem Humor erzählt der Autor eine packende Familien- und Coming-of-Age-Geschichte. (S.G.)

Leif Randt – Let’s talk about feelings

Kiepenheuer & Witsch, 24 €

Von der Kritik einmal als „Gegenwärtigster unter den Gegenwartsautoren“ bezeichnet, erzählt Leif Randt in seinen Romanen oft von männlichen Protagonisten in ihren Dreißigern und Vierzigern, die über eine verfeinerte Wahrnehmung ihrer inneren Beweggründe und Motivationen verfügen. So auch hier: Marian Flanders, 41-jähriger Besitzer einer coolen Berliner Boutique, hat seine Mutter verloren. Das trifft ihn härter als er zunächst glaubt, weil sein Vater nach der Scheidung von der Mutter eine andere Familie gründet und beide füreinander überhaupt keine Rolle mehr spielen.

Flanders versucht in seiner Trauer, das Verhältnis zu seiner Mutter zu ergründen, die beileibe keine einfache Person war, sondern oft abweisend, grantig und kühl. „Dass man sich auch im Streit sehr wohl mögen kann, ist etwas, das ich erst lernen musste“, sagt Marian an einer Stelle. Dass dieses Trauerjahr neben dem Gefühl des Vermissens seine Oberflächenspannung aus einer schillernden Abfolge von Reisetrips, präzisen Drogendosen, Kaufkonsum, Designerklamotten, angesagten Drinks und Speisen bezieht, versteht sich bei Leif Randt fast von selbst. Aber von dieser erstaunlich stabilen Oberfläche kann man sich gern eine Weile tragen lassen. (H.O.)

Matthias Politycki – Meisenfrei

Hoffmann & Campe, 38 €

Die Kneipe „Meisenfrei“ im Hamburger Generalsviertel war lange Zeit die Kreativzuflucht des Dichters Matthias Politycki. Hier entstand – „bei dezent nachgezapftem Jever“ – so manches Gedicht. Seit Politycki aber mit Aplomb Deutschland wegen des unguten politischen Klimas verließ, um in Wien zu leben, ist er viel zu selten in seinem Stammlokal. Kein Wunder also, dass dieser Sehnsuchtsort den Titel für Polityckis neuesten Gedichtband liefern durfte. Denn „Meisenfrei“ ist viel mehr als eine Kneipe, es ist ein Geisteszustand. Meisenfrei, das steht für ungezwungenes, unabhängiges Denken und Dichten, aber auch für eine gute Portion Spinnerei, Träumerei und Lachen.

Mit den 99 Gedichten dieses Bandes schüttet Politycki einmal mehr ein Füllhorn poetischer Stimmen über der geneigten Leserschaft aus. Vom fragilen, beinahe flehentlichen Liebesgedicht über sinnlich dampfende Deftigkeiten, Sitten und Rituale aus aller Herren Länder bis hin zu politischen Nadelstichen – der weltläufige Dichter beherrscht alle Tonlagen. Und auch für ein wunderschönes Stück Melancholie ist noch Platz: „Aus dem Dunkel kommst du/ und bist nichts./ Ins Dunkle gehst du und/ wirst nichts gewesen sein.//“ (H.O.)

Simon Beckett – Flammenbrut

rororo, 14 €

Die junge Geschäftsfrau Kate Powell leitet erfolgreich eine PR-Agentur. Nur eine erfüllende Beziehung blieb ihr bislang verwehrt. Und die biologische Uhr tickt. Um sich ihren Wunsch nach einem Kind erfüllen zu können, wendet sie sich an eine Klinik. Ein anonymer Spender kommt für Kate nicht infrage. Also gibt sie eine Annonce auf, um einen geeigneten Vater zu finden. Alex Turner scheint der perfekte Kandidat und eigentlich sollte es bei einem einzigen Treffen bleiben, doch dann kommt alles ganz anders. Der Bestseller-Autor der Hunter-Serie hat hier einen Stand-alone vorgelegt, den es nun neu aufgelegt als Taschenbuch gibt. Das Frühwerk des Meisters erreicht leider nicht die Qualität seiner späteren Krimis, was Plot und die Schilderung der Charaktere anbelangt. (E.B.)