Between Glamour & Trust

„Wenn die Kunstgeschichte eine große Bibliothek ist und ich irgendwann vielleicht ein kleines Oktavheftchen dazustellen dürfte, dann wäre ich schon zufrieden“, sagt Heiner Meyer. Noch bis zum 31. Juli zeigt der Bielefelder Künstler im Kunstforum Hermann Stenner die Ausstellung „Between Glamour & Trust“. Zu sehen sind in der Werkschau rund 70 Arbeiten aus den vergangenen 20 Jahren.

Die aktuelle Ausstellung ist für ihn etwas Besonderes: eine Rückkehr in die eigene Stadt. Seine letzte große Ausstellung in Bielefeld war 1993. „Mir geht es darum, hier mal wieder präsent zu sein“, sagt Heiner Meyer, dessen Atelier nahe des Siggis liegt. „Gegenüber dem schönsten Wochenmarkt der Stadt.“

Der Bielefelder gehört zu den international bekannten Vertretern der zeitgenössischen Pop Art. 1953 geboren, studierte er Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, arbeitete unter anderem als Assistent von Salvador Dalí und stellt seit Jahrzehnten weltweit aus – von Seoul über Peking, Miami, New York und Wien bis Madrid. Über 400 Ausstellungen weltweit sind es mittlerweile. Umso wichtiger ist es ihm, nun einen Überblick über die vergangenen zwanzig Jahre seines Schaffens in Bielefeld zu zeigen. Kuratiert wird die Ausstellung von seiner Tochter Jana Alina Münsterteicher gemeinsam mit Dr. Christine Vogt, Direktorin der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen. Unterstützt wird das Projekt von der Goldbeck Stiftung, die das Kunstforum mietfrei zur Verfügung stellt.

Das Besondere: Auch der Eintritt in die Ausstellung ist kostenfrei. „Wenn Familien heute 45 Euro Eintritt zahlen müssen, überlegen viele, ob sie überhaupt noch ins Museum gehen“, unterstreicht Heiner Meyer, dem außerdem das Vermittlungsprogramm besonders am Herzen liegt. Führungen für Schulen durch die Ausstellung – viele Werke sind dafür aus privaten Sammlungen zurück nach Bielefeld gekommen – übernimmt er teilweise selbst. Und ist immer wieder überrascht, wenn er die Bilder – darunter viele Leihgaben – nach so vielen Jahren wiedersieht.

Der Titel „Between Glamour & Trust“ beschreibt dabei ziemlich genau die Spannungsfelder, in denen sich seine Kunst bewegt. Elemente der Konsum- und Luxuswelt treffen in seinen Arbeiten auf kunsthistorische Zitate und verdichten sich in Verbindung mit bekannten Motiven aus der Kunstgeschichte zu vielschichtigen Bildräumen. „Über diesen Mechanismus hole ich die Betrachter ab“, erklärt Heiner Meyer. Seine Werke funktionieren dabei oft wie visuelle Rätsel. Hinter der ästhetischen Oberfläche öffnen sich weitere Ebenen. Seine Arbeiten leben von Bildzitaten und Anspielungen. Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder Tom Wesselmann gehören ebenso zu den sichtbaren Einflüssen wie Pablo Picasso oder Salvador Dalí. In der Ausstellung treten Originalwerke von Warhol, Lichtenstein und Alex Katz sogar direkt in den Dialog mit seinen Werken. Pop Art versteht Heiner Meyer dabei nicht als Stil der Vergangenheit. „Künstler wie Jeff Koons, Takashi Murakami oder Damien Hirst beweisen das Gegenteil. Auch sie entwickeln die Bildsprache der Pop Art bis heute weiter“, erklärt er.

Anders als die klassische amerikanische Pop Art erzählt Heiner Meyer mit seinen Positionen einer Pop Art 2.0 oft ganze Geschichten. „Die Pop-Art-Künstler der ersten Generation haben häufig Dinge eins zu eins aus der realen Welt übernommen“, erläutert er. Ihm selbst wurde einmal gesagt: „Was du machst, ist typisch deutsch – du erzählst Geschichten mit deinen Bildern.“ Geschichten, die Schritt für Schritt entstehen. Oft intuitiv, doch gleichzeitig reflektiert. „Ich gehe jeden Tag ins Atelier und spiele mit Legosteinen der Kunstgeschichte“, beschreibt er seine Arbeitsweise.

Neue Bildideen entwickeln sich aus bereits vorhandenen kulturellen Bildern, Symbolen und Erinnerungen. Es ist ein Weg der Transformation. „Ich erfinde nichts vollkommen Neues, vielmehr geht es darum, Bestehendes weiterzuentwickeln und daraus eine eigene Position zu schaffen. Auch politische Themen finden indirekt Eingang in seine Kunst. „Unpolitische Bilder gibt es eigentlich nicht“, betont Heiner Meyer. Und so greift er historische Bildzitate auf – etwa Picassos „Guernica“ – eine „der eindrucksvollsten künstlerischen Auseinandersetzungen mit Krieg und Zerstörung“, wie er findet.

Meist arbeitet er gleichzeitig an sieben oder acht Bildern. „Ich male klassisch mit Öl auf Leinwand“, sagt er. Wenn ein Bild nach Tagen wieder auf der Staffelei steht, betrachtet er es mit frischem, kritischem Blick. Dass Genauigkeit und Beobachtung, aber auch die kompromisslose Auseinandersetzung mit dem Motiv für ihn so wichtig sind, hängt auch mit seiner Assistenzzeit bei Salvador Dalí zusammen. „Mit zunehmendem Alter merkt man, wie sehr einen solche Erfahrungen geprägt haben“, stellt er rückblickend fest. Besonders erinnert er sich an eine Aufgabe: Über Monate zeichnete er immer wieder ein Weißbrot. „Das ist ein Weißbrot, aber nicht das Weißbrot“, urteilte der spanische Künstler jedes Mal. Für die aktuelle Ausstellung hat Heiner Meyer eine Hommage an ihn gemalt: „Im Hintergrund eines Bildes ist dann auch dieses eine spanische Weißbrot zu sehen.“

Bielefeld ist Heiner Meyer treu. „Ich lebe gerne in dieser Stadt“, sagt er. Vor allem schätzt er die Ruhe. So kann er sich auf das konzentrieren, was ihm am wichtigsten ist: Malerei und Skulptur. Lieblingsbilder hat er nicht. „Es fällt mir nicht schwer, mich von Arbeiten zu trennen“, sagt er. Denn sobald ein Bild fertig ist, beginnt für ihn bereits die nächste Geschichte.

Tipp:

Between Glamour & Trust: bis zum 31.7., Kunstforum Hermann Stenner, Eintritt: kostenfrei

Do., Fr., Sa. 14-18 Uhr; So. 12-18 Uhr

Insta: heinermeyer_official

www.heiner-meyer.com