The Jury Experience

Der Lokschuppen Bielefeld ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Gedämpftes Licht, erwartungsvolles Gemurmel. Vor mir auf der Bühne ein Gerichtssaal mit Richterbank, Zeugenstand, Verteidigung, Staatsanwaltschaft. Alles wirkt täuschend echt – nur dass hier heute kein echtes Urteil gesprochen wird. Was nach einem echten Strafprozess aussieht, ist ein immersives Live-Format.

Der Saal erhebt sich. „Ruhe im Gerichtssaal. Möge der Prozess beginnen.“ Mit diesen Worten der Richterin startet The Jury Experience – ein interaktives Gerichtsdrama, das Theater, Technologie und Mitbestimmung verbindet. Und ich bin mittendrin statt nur dabei. Denn wir im Publikum sind nicht bloß Zuschauende: Wir sind die Jury. Für rund 60 Minuten tauche ich ein in eine Welt aus Diamanten, Lügen und widersprüchlichen Aussagen.

Angeklagt ist Jack Gregory Clifton. Ihm wird vorgeworfen das Diamantencollier seiner Ex-Chefin im Wert von 20 Millionen Pfund aus ihrem Hotelsafe gestohlen zu haben. „Sein Leben“, mahnt die Richterin, „liegt nun in Ihren Händen.“ Ein Satz, der hängen bleibt. Nach den Eröffnungsplädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung zücke ich mein Smartphone.

Per QR-Code logge ich mich ins Abstimmungssystem ein. Die erste Frage: schuldig oder nicht schuldig? Eine Minute bleibt, die Sanduhr auf der Leinwand läuft unerbittlich herunter. 86 Prozent stimmen schließlich für „nicht schuldig“. Auch ich. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Was dieses Format besonders macht: Als Jury hören wir nicht nur zu, an entscheidenden Wendepunkten greifen wir digital ein. Nach intensiven Kreuzverhören, die Details zum Tatabend, zum verschwundenen Collier, aber auch zum Verhältnis zwischen Opfer und Angeklagtem liefern. Aussagen widersprechen sich. Im Gerichtssaal kochen die Emotionen hoch – beim Beschuldigten und dem Opfer. Der Richter muss mehrfach eingreifen. Wir entscheiden immer wieder mit – in Echtzeit. Die Sanduhr auf der Leinwand zählt wieder die Sekunden herunter. Sollen wir einen weiteren Zeugen hören? Welches Beweisstück wird zugelassen? Ein Überwachungsvideo zeigt den Angeklagten in der Hotellobby. Chatverläufe werden projiziert. Ein Telefongespräch mit dem Ermittler hallt durch den Saal. Das Repertoire ist breit gefächert, um uns immer tiefer in den Fall zu verwickeln. Ich ertappe mich dabei, wie ich versuche Details zu analysiere, Körpersprache zu deuten, Ungereimtheiten zu klären. Denn: Aussagen widersprechen sich. Krimiabend war gestern – das spiegeln auch die Zuschauenden im Saal. Überall in den Reihen wird diskutiert, abgewogen und entschieden. Die Verantwortung liegt bei uns, der Jury.

Nach dem Schlussplädoyer folgt der finale Moment, die kollektive Entscheidung. Als Jury wägen wir ein letztes Mal das an diesem Abend Gehörte und Gesehene ab. 89 Prozent votieren für „nicht schuldig“. Auch ich. Nicht, weil ich vollkommen überzeugt bin – sondern weil mir die Beweislage zu dünn erscheint. Zweifel bleiben. Ein nagendes Gefühl, das wohl auch echte Geschworene kennen dürften. Als ich den Saal verlasse, beschäftigt mich weniger die Frage nach der Schuld – sondern die nach der Wahrheit. Sie ist in diesem Fall eine Frage der Perspektive.

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