Bielefeld ist als Hochschulstandort außergewöhnlich vielfältig aufgestellt. „Wir sind eine Wissenschaftsstadt, vor allem aber ist Bielefeld ein Möglichkeitsraum. Das ist für mich die Formel, wenn ich an unsere Stadt denke“, sagt Prof. Dr. Jonas Rees.Der Sozialpsychologe ist in Bielefeld fest verwurzelt. „Ich bin hier aufgewachsen, weggegangen und wiedergekommen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Bunt, vielfältig, cool, mitten im Grünen – der Bielefelder zögert keine Sekunde, wenn es darum geht, die Gegenwart seiner Heimatstadt in Worte zu fassen. Dass viele die Uni Bielefeld, die sich gerade mitten im Umbau und Umbruch befindet, auf den ersten Blick hässlich finden, kann er nachvollziehen. „Ja, man sieht ihr ihre Entstehung in den 1960er Jahren an, aber ich habe sie schätzen gelernt.“ Komprimiert an einem Standort statt über die ganz Stadt verteilt, war und ist sie für ihn ein Ort, an dem man Kontakte knüpfen und pflegen kann. „In der großen Halle trifft man immer jemanden“, so Rees. Ähnliche Erfahrungen wünscht er sich auch für die aktuell Studierenden.

Und rät ihnen: „Nehmt euch Zeit für euer Studium und findet heraus, wer ihr sein wollt. Engagiert euch im AStA oder in AGs, gründet eine Rockband – Bielefeld bietet so viele Gelegenheiten, sich auszuprobieren und auszutoben.“ Dass die ökonomisierte Gesellschaft immer mehr Druck aufbaut – auch ein Studium muss immer schneller gehen – sieht er kritisch. Seine eigene Studienzeit hat er in guter Erinnerung. „Das war eine unheimlich bereichernde Zeit. Ich hatte Lehrende, die mit Inhalten gefordert, mir aber auch Türen geöffnet haben.“

Seit 2017 forscht Rees inzwischen am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) zu Themen wie Gruppendynamiken, Konflikten, Vorurteilen, aber auch Klimawandel, und koordinierte den Aufbau des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) am Standort Bielefeld, dessen Sprecher er inzwischen ist. In der Lehre und Forschung frei zu sein, eigene Schwerpunkte zu setzen, das ist es, was er am Wissenschaftsstandort Bielefeld und seiner Arbeit schätzt. „Als Wissenschaftler immer wieder Neuland betreten zu können, ist ein Privileg und ein Geschenk. Wir haben wunderbare Kolleg*innen und starke Forschung vor Ort. Die Universität Bielefeld ist daher ein toller Ort für die Wissenschaft. Um dies schätzen zu lernen, muss man mal raus gewesen sein aus diesem Kosmos“, erklärt Rees, der angewandte Sozialpsychologie an der University of Sussex und Psychologie an der Universität Bielefeld studiert und promoviert hat und seit 2022 die Professur für Politische Psychologie innehat. Grundlagenforschung ist ihm wichtig. Bielefeld ist für ihn ein Ort, wo Neues entstehen und wachsen kann. „Ich verstehe mich als praxisnah Forschenden“, erklärt Rees. Ein Großteil seiner Arbeit verfolgt dabei einen empirischen und anwendungsorientierten Ansatz, in dem stets die Frage im Vordergrund steht, welche praktischen Implikationen sich aus den Forschungsergebnissen ableiten lassen und wie diese umgesetzt werden können. Statt Wissensberge anzuhäufen, hält er den Transfer in die Praxis für entscheidend.

SEIT 2011 ist der Anteil der Senior*innen mit
Migrationshintergrund in Bielefeld um 56%
gewachsen

Lebenslagenbericht
Bielefeld 2023

„In Bielefeld sind die Voraussetzungen dafür super. Mit der Konfliktakademie bauen wir gerade neue Brücken zwischen Wissenschaft und Praxis“, so Rees. „Die Konflikthemen gehen uns ja nicht aus.“ Die ganz großen gesellschaftlichen Herausforderungen sind aus seiner Sicht nur im Zusammenspiel von Wissenschaft und Praxis zu bewältigen. Wissenschaft ist für ihn eine Ressource, gesellschaftliche Probleme aus einer anderen Perspektive in den Fokus zu rücken. „Forschung kann immer nur der Anfang sein und Impulse setzen – nicht mehr und nicht weniger – die Lösung muss in der Praxis liegen“, so der Wissenschaftler. Der Austausch mit der Zivilgesellschaft, der Politik und anderen Akteur*innen ist ihm jedoch wichtig. „Wir können die Zahlen zu gesellschaftlichen Themen und Diskussionen liefern“, betont Rees. „Es geht nicht darum, die Welt aus dem Elfenbeinturm heraus zu erklären, sondern einen Beitrag zu gesellschaftlichen Diskussionen zu liefern, damit konstruktive Lösungen gefunden werden können,.“

5% beträgt die Arbeitslosenquote Jugendlicher und junger
Erwachsener in Bielefeld und liegt damit im
Bundesvergleich unter dem aktuellen Durchschnitt von 5,6%.

Lebenslagenbericht
Bielefeld 2023

Mit Blick auf gesellschaftlichen Zusammenhalt interessiert es Rees besonders, wie Menschen diesen in ihrem Alltag herstellen – im Stadtteil, in der Familie oder in selbstorganisierten Gruppen. Das gilt auch für Bielefeld. Und so freut es ihn, dass eine aktuelle Studie, die an unterschiedlichen Orten in Deutschland durchgeführt wurde, Bielefeld eine aktive und engagierte Zivilgesellschaft bescheinigt.

ÜBER 34.000
junge Menschen studieren an den
beiden staatlichen Hochschulen in
Bielefeld.

Lebenslagenbericht
Bielefeld 2023

„In Willebadessen waren es Kulturveranstaltungen, in Magdeburg und Passau Flutkatastrophen. In Bielefeld sind es Demonstrationen und Proteste gegen Rechts, die Befragte sofort mit gesellschaftlichem Zusammenhalt in Verbindung bringen. Solche Ergebnisse sagen etwas über den Charakter, die Geschichte und die Gegenwart unserer Stadt aus. Denn wir müssen eine Vorstellung von unserer Geschichte haben, um zu verstehen, wohin wir wollen und was uns wichtig ist“, unterstreicht Rees. ✔