Bielefeld ist bunt, geprägt von Zuwanderung und Vielfalt. Doch Integration passiert nicht einfach so. Offenheit, Toleranz, Respekt und die Bereitschaft Gesellschaft neu zu denken, gehören dazu. Vor acht Jahren verabschiedete der NRW-Landtag deshalb das Gesetz zur Förderung gesellschaftlicher Teilhabe und Integration, das den flächendeckenden Aufbau Kommunaler Integrationszentren (KI) vorantreiben sollte. Damit setzte das Land gezielt auf die Integrationskraft vor Ort. In den Kommunen. Der Landesbeschluss führte – im Rat beschlossen – auch in Bielefeld zur Gründung eines Kommunalen Integrationszentrums. Nilgün Isfendiyar leitet das KI seitdem und steht in Bielefeld für die bundesweit einmalige Integrationsstruktur.

Aktuell treiben 54 lokale Kommunale Integrationszentren in NRW die Idee von Offenheit, Toleranz und Respekt voran. Die kommunale Integrationsarbeit strukturieren, interkulturelle Öffnung vorantreiben und andere Institutionen systemisch oder strategisch begleiten – das sind seit sieben Jahren die Kernaufgaben des KI in Bielefeld. „Wir wollen mit unserer Arbeit das Leben in der Kommune mitgestalten“, betont Nilgün Isfendiyar. „Und Vielfalt, Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenz als wichtige gesellschaftliche Ressourcen nutzen.“

Die 64-Jährige Bielefelderin, die in Istanbul geboren wurde, ist seit der Gründung des KI dabei und hat sich bereits in dessen Vorgängerstruktur die „Integration durch Bildung“ zur Aufgabe gemacht. „Durch die Schaffung des Kommunalen Integrationszentrums sind viele Themenfelder dazu gekommen“, erklärt sie. „Integration ist ein Thema, dass alle Bereiche und Altersgruppen unserer Gesellschaft betrifft. Es ist eine Querschnittsaufgabe. Die Grundlage unserer Arbeit bilden dabei unsere Netzwerke, mit den Partnern kooperieren wir eng. Die beiden einzigen operativen Aktionsfelder sind die schulische Beratung und das Antidiskriminierungsbüro.“ Der Bedarf sich zu vernetzen und den Austausch mit anderen Bielefelder Akteuren, wie dem Netzwerk der Migrantenorganisation zu suchen, ist groß. Auch, weil das KI im Vergleich mit anderen Ämter eher ein kleines ist.

Vor allem aber geht es Nilgün Isfendiyar darum, in die Bielefelder Stadtgesellschaft hineinzuhorchen und den Kontakt zu den Akteuren und Menschen zu suchen. So ist die Migrationskonferenz, die vierteljährlich stattfindet und auf der alle Beratungsstellen, Wohlfahrtsverbände, Vereine, Dienste und das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) vertreten sind, für das KI ein Moment, um zu schauen, wo es Bedarfe gibt und welche Projekte existieren. Beim Themenschwerpunkt „Demokratieförderung/ Rassismuskritik“ reicht das Angebot von den Bielefelder Aktionswochen gegen Rassismus, die vom Netzwerk rassismuskritischer Arbeit veranstaltet werden, bis hin zu dem bundesweit größten Schüler*innen-Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. „Wir setzen auf den Netzwerkgedanken“, so Nilgün Isfendiyar. Inzwischen gehören in Bielefeld 23 couragierte Schulen zu diesem Netzwerk, ist für sie ebenso ein Paradebeispiel wie die Bielefelder Aktionswochen gegen Rassismus. „Sie besitzen ein Alleinstellungsmerkmal und sind ein Seismograf für die Bielefelder Gesellschaft“, unterstreicht Nilgün Isfendiyar. Längst finden rund um den Tag gegen Rassismus am 21. März diverse Veranstaltungen statt – von Vorträgen über Diskussionen bis hin zu Fortbildungen im Bereich Kunst, Kultur oder Sport.

133.727 Menschen mit Migrationshintergrund leben in Bielefeld.

(Stichtag 30.6.2020)

Dahinter stehen engagierte Einrichtungen, Organisationen und Initiativen, die sich klar gegen jede Form von Diskriminierung positionieren, Haltung zeigen und sich mit kreativen Ideen und Projekten beteiligen. „Mit ihnen können wir immer wieder auf das Thema aufmerksam machen und uns als Netzwerk weiterentwickeln.“ Auf der Quartiersebene aktiv zu werden, mehr in die Stadtteile mit den Formaten zu gehen, erweist sich dabei als positiv. Begegnung ist aus Sicht der Leiterin des KI das A und O: „Es gibt sogenannte Gelingensbedingungen für Begegnungen.“ Auf Augenhöhe und gleichberechtigt. Doch allein das genügt nicht. Erst gemeinsame Vorhaben und Ziele würden Menschen zusammenschweißen, dann werde eine Begegnung wertvoll. Ein gutes Beispiel für Nilgün Isfendiyar sind Gewerkschaften. „Sie haben in Sachen Integration viel erreicht. Die Kumpel im Bergbau arbeiten miteinander statt gegeneinander.“ Das ist für die Bielefelderin eine wichtige wie grundsätzliche Grundlage für das Zusammenleben.

29,2 JAHRE beträgt das Durchschnittsalter neuzugewanderter BielefelderInnen. Der Altersdurchschnitt liegt in Bielefeld insgesamt bei 42,8 Jahren.

(Stichtag 31.12.2019)

„Darüber hinaus sollten wir auf die Ressourcen der Menschen schauen, nicht auf die Defizite. Das ist eine Haltung und die gilt es zu reflektieren“, ist sie überzeugt. Teilhabe, Chancengleichheit, Förderung und Unterstützung von Potentialen – dafür macht sich das KI stark. „Es haben sich in den letzten Jahren natürlich viele weitere neue Aufgabengebiete entwickelt“, so Nilgün Isfendiyar. Dazu gehören u.a. Förderprojekte wie „KOMM-AN NRW“ zur Integration von Flüchtlingen und Neuzugewanderten oder auch Bildungsangebote zur „Frühen Bildung“. „Gerade am Anfang kommen Menschen sehr motiviert bei uns an, dies gilt es aufzufangen und die Menschen mitzunehmen. Für uns bedeutet dies auch für sie und ihre Kinder Bildungsmöglichkeiten zu schaffen“, betont Nilgün Isfendiyar, die bis zum 11. Lebensjahr bei ihrer Großmutter in Istanbul aufwuchs und dann zu ihren Eltern, die in Deutschland arbeiteten, zog. Aufgewachsen unter Schwaben, studierte sie schließlich in Reutlingen Mathematik und Englisch auf Lehramt. „Ich hatte bildungsoffene Eltern, die mich sehr unterstützt und auch Nachhilfe finanziert haben. „Ich hatte andere Voraussetzungen als andere“, wie sie noch rückblickend feststellt.

34,5 JAHRE ist das Durchschnittsalter der Menschen mit Migrationshintergrund in Bielefeld.

(zum 31.12.2019)

Die Herausforderungen, die sich 2015 durch die geflüchteten Menschen offenbarten, sind ihr noch lebhaft in Erinnerung. „Schulen waren gezwungen Kinder aufzunehmen. Das war nur durch das Engagement auch von Seiten der Schulen machbar“, sagt sie und fügt hinzu: „Wie ein Land in einer Krise agiert, ist ein guter Indikator für den Zustand.“ Nilgün Isfendiyar kennt noch die Zeit der Arbeitsmigration und weiß, was dies bedeutet. So, wie man ist, angenommen zu werden, ist ihr ein wichtiges Anliegen. „Was zählt im Leben sind die menschlichen Begegnungen, die haben mein Herz geöffnet“, sagt die engagierte Bielefelderin, die während ihrer Lehrtätigkeit vier Jahre in Guatemala an einer Schule unterrichtete. „Wenn man sich einlässt, ist das eine sehr bereichernde Erfahrung“, resümiert sie. Und eine Einstellung, die unsere Gesellschaft in ihrer Vielfalt wachsen lässt.

Quelle: Einwohnermelderegister der Stadt Bielefeld, eigene Bearbeitung vom Presseamt/ Statistikstelle