Dariusch Yazdkhasti inszeniert Hamlet
Einmal Shakespeares bekanntestes Drama auf die Bühne bringen. Das steht vermutlich bei einigen Regisseuren ganz oben auf der Liste. Bei Dariusch Yazdkhasti nicht. „Ich habe lange Zeit einen Bogen um den Stoff gemacht, der so groß und komplex ist“, verrät der Schauspieldirektor. „Es kam mir so vor, als müsste man Gründe dafür finden, ihn zu inszenieren – und jetzt finde ich nur noch Gründe.“

„‚Hamlet‘ ist der Stoff, der die allgemeine Verwirrung, die uns zur Zeit alle erfasst hat, am besten zeigt“, unterstreicht der Regisseur. „Wahrheit und Paranoia sind nicht mehr auseinanderzuhalten, das kam uns sehr heutig vor.“ Und so eröffnet ein Stück die Schauspielsaison am Theater Bielefeld, das genau das kann, was echte Klassiker ausmacht: „Sie gehen durch die Zeit und die Zeit geht durch sie hindurch“, so Dariusch Yazdkhasti.
Als politischer Thriller, Familien- und Rachetragödie und philosophische Versuchsanordnung über Lügen, Intrigen und Machtmissbrauch überdauert „Hamlet“ Jahrhunderte und lädt immer wieder zu neuen Interpretationen ein. „Allerdings“, betont der Schauspieldirektor, „ist es eine meiner größten Konstanten als Regisseur, dass ich es dem Publikum selbst überlasse herauszufinden, was das Stück uns sagen könnte. Interpretation ist das Schlimmste. Ich mag es, wenn Theater ein Raum ist, wo sich für Zuschauende ein eigener Gedankenraum öffnen kann. Wo zwischen Spielerinnen, Spielern und Publikum etwas entsteht, das vorher nicht da war. Deshalb spreche ich auch lieber von einer Fülle von Themen, die wir zum Schwingen bringen wollen.“
Obwohl zum Zeitpunkt des Interviews die Proben noch nicht einmal begonnen haben, hat sich Dariusch Yazdkhasti offensichtlich schon lange und intensiv mit dem Drama beschäftigt. „Man denkt über die Wahl der Übersetzung nach, über die eigene Fassung – was wird gestrichen, was wie verdichtet – und über den Raum, in dem man spielt. Shakespeare erschafft die Welt komplett aus der Sprache, man braucht eigentlich nichts und bei ‚Hamlet‘ werden wir das so machen und eine Arena bauen, in der das Publikum nah dran ist am Geschehen.“
Nachgedacht hat der Regisseur auch über die Besetzung: Nicole Lippold wird die Titelrolle spielen. „Hamlet habe ich nie als sympathische Figur gesehen. Ich fand ihn egomanisch, durchgeknallt, nervig. Das mit einem Mann zu besetzen, hätte mich nicht interessiert. Aber eine Frau in der Rolle zu sehen, darauf habe ich Lust“, betont der Regisseur. Wenn ein weiblicher Prinz von einer fortschrittlichen Universität nach Hause kommt und sich in einer Welt wiederfindet, die geprägt ist von Verrat, Umsturz und Bedrohung, dann sieht der Regisseur darin eine interessante Analogie: „Von Frauen bekomme ich aktuell vermittelt, dass sie das Gefühl haben, dass sie wieder auf ihren Platz verwiesen werden sollen. Das Patriarchat schlägt zurück. In dem Moment, in dem ich ‚Hamlet‘ als Frau denken konnte, hat der Stoff angefangen für mich zu funktionieren. Gewalt im Netz, Gewalt gegen Frauen, der geradezu unterirdische Versuch, die westlichen Demokratien zu schwächen, das kommt mir oft sehr patriarchal geprägt vor. Wir kommen aus einer männlich geprägten Welt und entwickeln uns da auch wieder hin. Dass die ganzen patriarchalen Clowns wieder aus den Mottenkisten steigen, das kann einen doch nur wahnsinnig machen. Sich damit zu beschäftigen, ist sinnvoll verbrachte Probezeit, die ja immer auch Lebenszeit ist.“
Bei aller Wut: Im Gespräch klingt Dariusch Yazdkhasti leise und nachdenklich. Besonders, wenn es um ein weiteres Thema geht, das ihn beschäftigt: „Es gibt keine Sicherheit in der Welt, dabei haben wir alle das Bedürfnis, dass alles geregelt ist. Ich habe gemerkt, wie sehr es mich verunsichert hat, dass eine Krise auf die nächste folgt. Krise ist nicht die Ausnahme, sondern Normalität. Das Spannungsverhältnis zwischen einer verrückt gewordenen Welt und dem Streben nach Stabilität, Ordnung, Verlässlichkeit: All das steckt in dem Stoff drin.“
Premiere: 12.9., 19:30 Uhr, Stadttheater