Von wegen sprachlos!
„Heiratsleute“: Was für eine schöne Umschreibung, wenn der Begriff „Ehefrau“ oder „Ehemann“ nicht abrufbar ist. Menschen mit Demenz fallen oft Worte nicht mehr ein oder sie verwenden sie anders, ihre Sätze werden schwer verständlich. Sabine Feldwieser betrachtet die manchmal ungewöhnlichen Äußerungen nicht als Mangel, sondern entdeckt deren poetisches Potenzial.
Mit dem gemeinnützigen Verein „Die Wortfinder e. V.“ führt die Wahl-Bielefelderin seit 2011 kreative Schreibprojekte mit Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung durch. 2025 startete sie ein Projekt explizit für Menschen mit demenzieller Erkrankung. Sie bietet bundesweit Senioreneinrichtungen, Tagespflegeeinrichtungen u. ä. an, für 14 Tage vor Ort mit den Menschen zu schreiben. Die Teilnehmer*innen können ganz kurze Texte verfassen oder längere Geschichten, Ernstes und Unsinniges zu Papier bringen, selbst schreiben oder – wenn sie das nicht mehr können – ihre Gedanken diktieren. Dank Sponsoren wie der Hörmann KG und der Postcode-Lotterie ist die Teilnahme kostenlos.

„Das Thema Demenz schreit einem an allen Ecken entgegen, ob in der eigenen Familie oder wenn es um die Pflege-Diskussion geht. Ich dachte: Vielleicht kann ich da irgendetwas anstoßen. Ich möchte die Menschen zur Sprache bringen, solange sie noch Sprache haben – und das ist oft deutlich länger als gedacht“, beschreibt Sabine Feldwieser ihre Motivation. Sie macht den Betroffenen Mut und Lust, mehr zu kommunizieren und entdeckt Menschen, die noch viel zu erzählen haben.
In Deutschland leben rund 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. Bis 2050 wird sich die Zahl voraussichtlich auf 2,4 bis 2,8 Millionen erhöhen.
„Eine Frau hat mir mal gesagt: ‚Dass ich solche Schätze in mir habe, da braucht es jemanden, der das herausholt‘“, erinnert sich die Projektleiterin. Zuletzt hat jemand auf Altgriechisch mit ihr geredet. „Man merkte den ehemaligen Lehrer in ihm, die Persönlichkeit ist ja noch da“, unterstreicht Sabine Feldwieser. Sie ist sich sicher: „Manche Menschen bauen schneller ab, als es nötig wäre, weil die intellektuelle Anregung fehlt. In der Pflege liegt viel im Argen, da muss etwas passieren.“ Umso wichtiger ist es ihr, einen „Keim in die Erde zu setzen, damit etwas entstehen möge.“ Es ist deutlich spürbar, wie sehr die „Wortfinderin“ ihr aktuelles Projekt berührt. „Es geht mir mehr nach als die Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung. Vielleicht, weil das Thema näher an uns dran ist. Wir alle können eine Demenz kriegen.“
Nicht immer findet Sabine Feldwieser auf Anhieb Zugang zu den demenziell Erkrankten. „Manche schmeißen mich auch dreimal aus dem Zimmer raus, ehe sie anfangen zu erzählen. Natürlich habe ich ein Konzept, aber ich muss bereit sein, das völlig über den Haufen zu werfen. Ich verlasse mich auf mein Gespür und die langjährige Erfahrung.“ Ihre Hartnäckigkeit lohnt sich. „Die Gesichter werden lebendiger. Ich merke, dass ich etwas bewege.“ Den Einstieg ins Gespräch und ins Schreiben wählt sie möglichst niedrigschwellig. „Oft frage ich, was Freude oder Vergnügen macht. Das kann aber auch ins Traurige kippen, weil man viele Vergnügen nicht mehr hat.“ Dann fallen vielleicht Sätze wie diese: „Ich hab im Moment keine gute Laune. Die gute Laune ist weg. Ich weiß nicht, wo die hingegangen ist.“ Um nicht nur über sie zu reden, sondern die Menschen selbst zu Wort kommen zu lassen, plant die Projektleiterin übrigens einen Schreibwettbewerb und eine Publikation.
www.diewortfinder.com