LEHRPRAXEN-NETZWERK OWL

„Die Allgemeinmedizin ist eine ‚Wunderkiste‘“, lacht Dr. med. Anja Bittner. „Man weiß nie, ob Patient*innen mit einer Erkältung in die Praxis kommen oder mit einer ernsthaften Erkrankung. Für die Studierenden ist es wichtig, das nicht nur in der Theorie zu erleben. Für mich selbst war das Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin augenöffnend.“

Genau darauf zielt das Lehrpraxen-Netzwerk der Medizinischen Fakultät OWL an der Universität Bielefeld ab, das Studierenden im Rahmen ihrer medizinischen Ausbildung intensive Einblicke in die Strukturen, Abläufe und Arbeitsweisen der ambulanten Versorgung geben soll. Ein wichtiger Baustein, um dem Hausärztinnen-Mangel zu begegnen, der nicht nur auf dem Land ein Problem darstellt. „In Bielefeld und OWL ist der Altersdurchschnitt von Hausärztinnen höher als im Bundesdurchschnitt, sie werden zukünftig fehlen“, weiß Dr. med. Anja Bittner.

Sie ist Prodekanin für Studium und Lehre sowie Leiterin des Referats Studium und Lehre an der Medizinischen Fakultät OWL. Seit deren Gründung 2018 ist sie am Aufbau des Curriculums beteiligt. Die Entscheidung der Landesregierung, in Bielefeld eine medizinische Fakultät aufzubauen, war nicht zuletzt eine strategische Reaktion auf den Hausärztinnen-Mangel. Während die Approbationsordnung ein mindestens zweiwöchiges Praktikum in der ambulanten Versorgung vorsieht, setzt die Universität Bielefeld daher auf fünf Wochen Blockpraktikum und einen höheren Anteil an Allgemeinmedizin in den Seminaren als an anderen Standorten. „Der überwiegende Anteil der Studierenden gibt uns eine positive Rückmeldung über ihre Station in der ambulanten Versorgung“, unterstreicht Dr. med. Anja Bittner. Denn hier sammeln die Studierenden erstmals echte Praxiserfahrung und erleben den direkten Kontakt mit Patientinnen. Führen etwa Anamnese-Gespräche oder begleiten chronisch Kranke und erfahren, welche sozialen Auswirkungen deren Erkrankung auf die ganze Familie haben kann. „Wir geben den Studierenden ein breites Erfahrungswissen mit, wie ambulante Medizin funktioniert. Die Entscheidung dafür ist dadurch fundierter. Sie lernen das System als Ganzes kennen, die Arbeitsabläufe von der Anmeldung bis zum Labor. Früher wurden mehr Erfahrungen im stationären Bereich gesammelt, aber eine Praxis ist eine ganz andere Arbeitsumgebung als eine Klinik. Die Allgemeinmedizin ist ein breites Fach mit Gestaltungsspielräumen, das wollen wir den Studierenden zeigen“, sagt die Referatsleiterin. „Was die Universität Bielefeld außerdem von anderen Standorten unterscheidet, ist, dass wir auch andere Fachbereiche wie etwa die Orthopädie, Kardiologie oder die ambulante Chirurgie abbilden wollen. Das Gesundheitssystem entwickelt sich immer mehr in Richtung ambulante Versorgung. Deshalb ist es für die Studis relevant, wie die ambulante Medizin in allen Bereichen funktioniert.“

Natürlich funktioniert das Lehrpraxen-Netzwerk nicht ohne engagierte Hausärzt*innen. „Die Rekrutierungsmaßnahmen sind recht umfassend. Wir machen viel, um Praxen zu akquirieren“, so Dr. med. Anja Bittner. „Es gibt zwar eine Aufwandsentschädigung, aber die Betreuung der Studierenden kostet Zeit, deshalb braucht es eine intrinsische Motivation. Aber die haben viele tatsächlich, denn es geht um die Generierung des eigenen Nachwuchses.“ Das perspektivische Ziel sind 300 Praxen in der Region OWL. „Aktuell nehmen über 150 Hausärzt*innen insgesamt teil, in Bielefeld 36 aus dem Bereich Allgemeinmedizin und 3 aus der Pädiatrie.“ Letzteres ist eine Bielefelder Besonderheit, die der Referatsleiterin gut gefällt. „Hier ist der Unterschied zwischen ambulanter und stationärer Versorgung noch sichtbarer als bei den Hausärzten. Das sind beinahe zwei verschiedene Fachrichtungen.“

MODELL LANDARZT

Ein weiteres Modell, um auf den Ärztinnen-Mangel insbesondere im ländlichen Raum zu reagieren, ist die Landarztquote. Einen Teil der Medizinstudienplätze (7,8 Prozent) vergibt Nordrhein-Westfalen seit 2019/20 nach einem eigens entwickelten Auswahlverfahren an Bewerberinnen, die sich verpflichten, zehn Jahre lang in einer unterversorgten oder von Unterversorgung bedrohten Region hausärztlich tätig zu werden. Die medizinischen Fakultäten sehen das Modell eher kritisch. „Es ist eine Möglichkeit, dem Hausärzt*innen-Mangel zu begegnen“, erklärt Dr. med. Anja Bittner, „aber die Studierenden müssen sich festlegen, bevor sie überhaupt abschätzen können, welche Fachrichtung ihnen liegt.“