Gentleman
Dass Reggea genau sein Ding ist, versteht sich von selbst. Schließlich feiert der Kölner seit dreißig Jahren mit authentischen Riddims weltweit Erfolge. Aber gerade steht noch etwas anderes ganz oben auf seiner Liste: Dankbarkeit. „Gratitude“ heißt das neue Album und die große Tour, die Gentleman Anfang November auch nach Bielefeld führt.

„Man muss sich öffnen, dann sieht man Sachen, für die man dankbar sein kann“, sagt der Musiker. Manchmal sind es die kleinen Dinge, wie ein gutes Gespräch im Zug oder die Freude seines Golden Retrievers, wenn er nach Hause kommt. „Wie der mich anguckt, und der Schwanz geht wie ein Propeller, das freut mich“, lacht Gentleman. Und dann gibt es die existenzielleren Dinge. „Das klingt nach einer Floskel, aber Gesundheit ist wichtig. Ich hatte jahrelang krasse Schmerzen und bin dankbar, dass die weg sind. Und auch dafür, die Motivation gefunden zu haben, neue Songs zu schreiben und das Privileg, Konzerte geben zu dürfen.“
Ob er diese Einstellung an sein Publikum weitergeben möchte? „Es liegt gar nicht in meiner Kraft, Leute mit dieser Haltung anzustecken. Aber durch die Gemeinschaft von Fremden, die auf einer Frequenz sind, da vermittelt sich was. Es gibt schon ein Gefühl von Verantwortung, dass ich mit Musik etwas verändern kann. Es ist ein absolutes Geschenk, dass ich Musik machen und Menschen dadurch Kraft geben kann.“
Er selbst schöpft viel Energie aus dem Reggae. „Ich mag auch gute Popmusik und kann auf Rock headbangen, aber bei Reggae gibt es eine Message, etwas Spirituelles. Das hat etwas, was ich so in keinem anderen Genre gefunden habe. Die Bass Lines haben mich als hyperaktives Kind sehr beruhigt und seitdem hat mich das nie losgelassen.“ Traditioneller Reggae-Roots mit globalen Einflüssen und einer authentischen, persönlichen Tiefe ist sein Ding. Bob Marley eine immerwährende Inspiration. „Wenn ich auf einer einsamen Insel nur eine Playlist hätte, stünde er ganz oben“, unterstreicht Gentleman. Seine liebste reale Insel: Jamaica, die Heimat des Reggae, die er für ihren unfassbaren musikalischen Output liebt. „Früher war ich häufiger da, heute bin ich auch gerne mal zuhause und sitze auf der Couch.“

Auf die Tour freut sich der Kölner trotzdem. Obwohl er erstmal spontan singt: „So far (Sofa) away“. Lachend ergänzt er: „Das ist die erste Tour seit fünf Jahren und wir sind euphorisch. Wir haben Bock, zusammen auf Klassenfahrt zu gehen. Dabei gibt es Stationen, die er besonders mag. „Wenn ich an Bielefeld denke, dann an den vollen Lokschuppen, Leute, die jede Zeile mitsingen und eine gute Zeit haben.“ Vielleicht auch bei seinem neuen Song „Nah worry“. Gibt es bei aller Dankbarkeit trotzdem etwas, das ihm Sorgen macht? „Natürlich, das aktuelle Weltgeschehen. Corona, Ukraine, Trump, Rechtsruck: Alles scheint gleichzeitig zu passieren. Andererseits war diese Darkness schon immer da. Früher hat man Frauen verbrannt, nur weil sie rote Haare hatten.“ Den Gedanken von One Love und Peace, der im Reggae steckt, findet er schön, aber es fällt ihm immer schwerer daran zu glauben. Doch eine positive Überzeugung bleibt: „Musik hat eine unglaubliche Kraft, sie kann Leute bei aller Spaltung zusammenbringen. Das motiviert mich.“
Foto: Christina Gotz