„Unser Maßstab ist nicht der Profit, sondern der Auftrag, Menschen zu dienen.“

Der 30. Januar war ein besonderer Tag für Pastor Dr. Bartolt Haase: Im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes wurde der 50-Jährige als neuer Vorstandsvorsitzender der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel eingeführt. Er folgt auf Pastor Ulrich Pohl, der den Vorsitz 18 Jahre lang innehatte. In der März-Ausgabe des Magazins „Ring“ hat der promovierte Theologe bereits erste Einblicke in seine neue Aufgabe gegeben. Für dieses Gespräch greifen wir einige dieser Themen noch einmal auf – und stellen weitere Fragen.

Herr Pastor Dr. Bartolt Haase, als gebürtiger Lipper – erinnern Sie sich, wann Sie zum ersten Mal von Bethel gehört haben?

Ja, sehr gut. Im Kindergottesdienst wurde damals von Bethel erzählt, und wir sammelten Briefmarken für den guten Zweck. Noch prägender war aber meine Kindheit im Pfarrhaus: Dort fanden regelmäßig Altkleidersammlungen statt. Die Spenden stapelten sich im Gemeindehaus, bis sie abgeholt wurden. Für mich als Kind war das beeindruckend – diese spürbare Solidarität in der Gemeinde.

Was hat Sie motiviert, die Leitung der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel zu übernehmen?

Für einen Theologen in der Diakonie ist Bethel fast eine Traumstelle. Diese Stiftung ist in ihrer Geschichte, Vielfalt und Prägung einzigartig. Da musste ich nicht lange überlegen – das war für mich eine echte Herzensentscheidung.

Sie waren zuvor Vorstand der Stiftung Eben-Ezer – was ist in Ihrer neuen Rolle in Bethel wirklich neu?

Vor allem die Vielfalt. Bei Eben-Ezer lag der Schwerpunkt auf der Eingliederungshilfe. In Bethel kommt eine enorme Breite dazu – Kliniken, Wohnungslosenhilfe, Jugendhilfe, Altenhilfe. Das ist spannend, aber auch herausfordernd, sich in alles einzudenken.

Im Pfarramt war Ihnen der direkte Kontakt zu Menschen wichtig. Bleibt dafür jetzt noch Zeit?

Ich will sie mir bewusst nehmen. Das passiert in Bethel nicht automatisch – man könnte auch Tage im Büro verbringen, ohne direkte Begegnungen. Deshalb besuche ich regelmäßig Einrichtungen, hospitiere dort und mache Schichten mit. Das vertieft den Kontakt zu Mitarbeitenden und Bewohnern, und das möchte ich fortsetzen.

Bethel steht für Teilhabe und Inklusion. Wo sehen Sie hier noch den größten Handlungsbedarf?

Die größten Hürden liegen in den Köpfen. Strukturen können wir anpassen, Barrieren abbauen – aber wirkliche Inklusion beginnt im Kopf. Entscheidend ist die Haltung. Viele tun sich noch schwer, Vielfalt wirklich selbstverständlich zu leben. Ich habe sogar den Eindruck, dass gesellschaftliche Grenzen wieder zunehmen, weil Ressourcen knapper werden. Dann schaut man stärker auf sich selbst und verliert leicht den Blick für den anderen. Das ist gefährlich.

Die diakonische Arbeit gründet auf christlichen Werten. Wie können diese in einer zunehmend säkularen Gesellschaft sichtbar bleiben?

Indem wir tun, was unserem Auftrag entspricht: Gottesdienste feiern, Menschen ansprechen und bewusst christliche Akzente setzen. Glaube zeigt sich aber nicht nur in Worten, sondern auch im Miteinander – darin, wie wir Entscheidungen treffen, diskutieren und wirtschaften. Unser Maßstab ist nicht der Profit, sondern der Auftrag, Menschen zu dienen. Diese Haltung soll unsere Arbeit auf allen Ebenen prägen.

Digitalisierung und Innovation verändern auch die Sozialarbeit. Wo sehen Sie Chancen für Bethel?

Digitalisierung kann helfen, Verwaltungsprozesse zu vereinfachen, zum Beispiel bei der Dokumentation. Das spart Zeit, die wir für den direkten Kontakt mit den Menschen einsetzen können – und darum geht es ja letztlich. Auch Robotik kann körperliche Arbeit erleichtern, aber sie darf den Menschen niemals ersetzen. Technik soll menschliches Handeln unterstützen, nicht verdrängen.

Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage ist angespannt. Was bedeutet das für Bethel?

Zum einen müssen wir mit engeren finanziellen Spielräumen und Leistungskürzungen rechnen – viele kommunale Haushalte sind defizitär. Außerdem wird das Verständnis für kirchlich-diakonische Träger schwächer, weil Religion für immer mehr Menschen an Relevanz verliert. Die Akzeptanz für die Freie Wohlfahrt, insbesondere für konfessionelle Träger, wird mehr und mehr in Frage gestellt. Wir müssen unser Profil klarer erklären und dafür eintreten, warum es wichtig ist, dass Glaube und Hilfe hier zusammenkommen. Und wir werden uns stärker für demokratische Werte einsetzen – parteipolitisch neutral, aber klar in unserer Haltung.