Claudia Koch
„Mutig neue Stadtlandschaften denken!“ Ohne zu zögern, antwortet Claudia Koch auf die Frage, wie sie Stadtentwicklung versteht. Für sie ein klarer Handlungsauftrag. Seit Anfang letzten Jahres verantwortet sie das Dezernat für Wirtschaft und Stadtentwicklung in Bielefeld – und beschreibt Stadt als etwas, das sich ständig weiterentwickeln muss, um lebenswert zu bleiben. Urban Happiness entsteht für sie dort, wo Wirtschaft, Wachstum, Nachhaltigkeit und Identität zusammenkommen.

Eine Stadt, die sich selbst auferlegt, dass sie nicht wachsen möchte, die schrumpft per se. Das ist immer der Anfang vom Ende“, sagt Claudia Koch. Den dringendsten Handlungsbedarf sieht sie aktuell im Bahnhofsumfeld und in der Bahnhofstraße.
„Die Innenstadt funktioniert, aber sie braucht Impulse. Wenn man sein Wohnzimmer 20 Jahre nicht renoviert hat, dann wird es mal wieder fällig. Das macht man zu Hause auch“, beschreibt sie den Status Quo. Stadtentwicklung heißt für sie, regelmäßig zu prüfen, ob zentrale Orte noch zeitgemäß wirken – und sie gegebenenfalls neu zu denken. Was Städte glücklich macht, ist für die 47-Jährige vor allem eine Frage der Aufenthaltsqualität öffentlicher Räume – und deren Verbindung mit einem vielfältigen Angebot aus Handel, Gastronomie und Kultur. „Bielefeld kämpft nicht mit Leerstand und die Frequenz – sowohl in der Neu- als auch in der Altstadt – ist gut, aber wir konkurrieren natürlich mit anderen Städten“, betont sie. Das Einkaufserlebnis steht für sie dabei im Fokus. Das heißt, wer in der Bielefelder Innenstadt ist, soll seine Zeit gut verbringen, sich treffen, etwas erleben – von der Lesung bis hin zum Mini-Konzert.
„Wir müssen die Aufenthaltsqualität bei der Gestaltung dieser Räume mitdenken.“
Eine wichtige Rolle spielt dabei das Bielefelder City Team – eine Kooperation aus Bauamt, Stadtmarketing und WEGE. „Hier wird ressortübergreifend gedacht und gehandelt“, so Claudia Koch. Sitzmöglichkeiten, Begrünung, Spielangebote für Kinder, Schatten im Sommer oder Beleuchtung tragen ebenfalls dazu bei, dass Menschen verweilen. „Der öffentliche Raum muss für diese Dinge Möglichkeiten bieten. Und wir müssen die Aufenthaltsqualität bei der Gestaltung dieser Räume mitdenken“, erklärt sie. Gerade, weil sich in Innenstädten Lieferverkehr, Rettungswege, Märkte, Veranstaltungen und technische Infrastruktur überlagern und jeder Quadratmeter umkämpft ist. Am Ende muss Raum bleiben für das, was Stadt lebenswert macht. Die Zukunft der Innenstädte, die auch angesichts des Online-Handels und veränderter Arbeitswelten diskutiert wird, rückt bei Claudia Koch einen weiteren Aspekt stärker in den Fokus: mehr Wohnen in der Innenstadt. Sie sieht darin Chancen, aber auch Herausforderungen. Zum einen gelten Innenstädte planungsrechtlich als Kerngebiete für Handel und Dienstleistungen – nicht fürs Wohnen.
Eine Umnutzung erfordert meist neue Bauleitplanverfahren. Zum anderen bringen Stadtfeste, Gastronomie und Veranstaltungen – unverzichtbar für die Attraktivität – Lärmemissionen mit sich. „Daraus ergeben sich häufig Konflikte mit AnwohnerInnen. Man muss beide Seiten mitdenken und zusammenbringen“, erklärt sie. Vorstellen kann sie sich, Wohnnutzungen in Randlagen sinnvoll zu integrieren. Neben mehr sorgt auch bezahlbarer Wohnraum für Diskussionen. „Bielefeld steht mit einer vergleichsweise moderaten Mietentwicklung und etwa 12.000 geförderten Wohnungen besser da als vergleichbare Städte wie Münster oder Hannover“, erklärt die Dezernentin. Im vergangenen Jahr sind in Bielefeld über 600 geförderte Wohneinheiten entstanden, 95 Millionen Euro wurden investiert. Klimagerechtes, nachhaltiges Bauen ist dabei längst mehr als ein „nice to have“. „Das ist Grundlage jeder Planung“, so Claudia Koch. Die eigentliche Herausforderung liegt im Bestand. Potenzial sieht sie in quartiersbezogenen Strategien. „Auch hier können wir Ideengeber sein, aber zur Umsetzung brauchen wir alle mit an Bord.“ Die Weiterentwicklung des Bestands – ob intelligente Nachverdichtung oder sinnvolle Umnutzung – bietet einen zentralen Hebel. „Fläche ist endlich. Das sagen Stadtentwickler seit 20 Jahren – aber jetzt müssen wir uns wirklich intensiv damit auseinander setzen“, mahnt sie.
Stadtentwicklung ist für Claudia Koch ein entscheidender Faktor für die wirtschaftliche Zukunft Bielefelds und die Lebensqualität der Menschen. Mit einer agilen Wirtschaftsförderung und starkem Stadtmarketing sieht sie Bielefeld gut aufgestellt. Auch wenn es bei verfügbaren Gewerbeflächen und Zukunftsthemen wie Künstlicher Intelligenz noch Luft nach oben gibt.