Vorstandssitzung
125 Jahre Orchesterklang – große Bühne, festliches Schwarz. Wer aber sind die Menschen, die Abend für Abend auf der Bühne und im Graben sitzen? Im Jubiläumsjahr geben die Bielefelder Philharmoniker im Podcast „Vorstandssitzung“ persönliche Einblicke. Jeden zweiten Freitag im Monat – insgesamt elf Mal – sprechen Konzertmeisterin Katrin Adelmann und Solo-Trompeter Manuel Viehmann mit KollegInnen über Leidenschaft und Lampenfieber, Pausen, Proben und Lebenswege.

„Wir haben uns gefragt: Wie feiern wir 125 Jahre so, dass die Menschen im Orchester wirklich im Mittelpunkt stehen?“, sagt Manuel Viehmann. Bereits die Jubiläumspublikation zielt darauf ab, das Orchester persönlicher zu zeigen: mit Fotos jenseits der Bühne und begleitet von Ingo Börchers. Eine Idee, die der Podcast fortführt. „Ich dachte, das ist ein gutes, niedrigschwelliges Format. Man kann in Ruhe erzählen. So, als säße man im Café“, erklärt Katrin Adelmann ihre Idee.
Seit zehn Jahren ist sie Teil des Orchesters, hört selbst gern Podcasts. Manuel Viehmann erinnert sich noch gut an seine erste Reaktion: „Ich habe gedacht: Die spinnt.“ Inzwischen schneiden beide die Folgen selbst. „Das braucht teilweise mehr als 40 Stunden, aber es macht Spaß.“
Was im Orchester selbstverständlich scheint – das perfekte Zusammenspiel ohne viele Worte –, bekommt im Podcast plötzlich eine Stimme. Denn gesprochen wird im Probenalltag erstaunlich wenig. „Der oder die Dirigent*in spricht – wir spielen“, sagt Manuel Viehmann. Der Podcast schafft eine neue Ebene. „Man lernt sich anders kennen“, erklärt Katrin Adelmann. „Ich habe schon jetzt unglaublich viel erfahren.“ Dabei geht es nicht nur um Instrumente, sondern um Biografien. „Unser Orchester ist total international“, wie sie feststellt. Unterschiedlichste Länder und kulturelle Hintergründe sind heute die Regel. Gleichzeitig reicht die Altersspanne von 20 bis 67 Jahren. „Da treffen ganz verschiedene Generationen aufeinander“, sagt Katrin Adelmann. „Jemand mit 40 Jahren Orchestererfahrung blickt natürlich anders auf den Beruf als jemand, der gerade erst anfängt.“ „Vieles gleicht man mit Erfahrung aus“, weiß Manuel Viehmann mit Blick auf nachlassende Muskelkraft oder ein sich veränderndes Gehör.
Der Podcast spiegelt die Vielfalt und die Perspektiven: von der Herkunft bis zur Instrumentengruppe. „Wir stellen nicht drei erste Geigen hintereinander vor – sondern Holz, Blech, Schlagzeug, Streicher“, so Manuel Viehmann. Die „Geständnisse“ seiner KollegInnen haben ihn schon mehrfach überrascht. Dass Solohornist Hartmut Welpmann leidenschaftlich Jazz hört, hätte er nicht vermutet. Und noch etwas bewirkt der Podcast: Er schafft Verbindungen und Verständnis. „Wir sitzen im Orchester – abhängig vom Instrument – weit auseinander“, erklärt der Solo-Trompeter. „Da denkt man schnell: Was machen die da? Wenn man aber miteinander spricht, entsteht Verständnis.“
Ein Thema zieht sich bislang übrigens durch jede Folge: Lampenfieber. „Ich kenne eigentlich niemanden, der sagt: „Hab ich gar nicht“, sagt Manuel Viehmann. Katrin Adelmann formuliert es positiv: „Ohne diese Bühnenspannung würde es auch keinen Spaß machen.“ Und nein, der Mythos des Betablocker-Konsums gegen Lampenfieber entspricht nicht der Realität. „Diese Frage hören wir immer wieder“, so die zwei Podcast-Macher, die auch dem Alltag jenseits der Bühne Raum geben. Proben, Vorstellungen am Abend und Wochenende machen es MusikerInnen manchmal schwer, Freundschaften zu pflegen oder Mannschaftssport zu treiben. „Viele von uns haben Hunde, um rauszugehen und sich zu bewegen“, sagt Katrin Adelmann. Auch sie. Als Mutter von drei Kindern kennt sie außerdem das Jonglieren zwischen Dienstplan und Betreuung. „Das sind Themen, über die man im Alltag nicht ständig spricht“, sagt sie.
Und natürlich gibt es die Geschichten, die zu Anekdoten werden. Verschlossene Brandschutztüren, die Manuel Viehmann zu unfreiwilligen Sprints ums Gebäude veranlassten. Von Fernsehmonitoren, die den Dirigenten nicht zeigen und von Trompeten, aus denen Kondenswasser ins Publikum tropft. Solche Geschichten landen regelmäßig im Podcast. „Man glaubt gar nicht, was alles passieren kann“, sagt Katrin Adelmann. Einmal ließ sie ihre Geige im Café stehen. „Es fühlt sich an, als würde ein Körperteil fehlen. Denn ich gehe eigentlich nicht ohne aus dem Haus.“ Die Podcasts leben von solchen Momenten. „Wir wollen zeigen, dass wir nicht nur MusikerInnen sind, sondern Menschen aus dieser Stadt. Mit ganz normalen Nöten, Freuden – und einem ziemlich besonderen Beruf“, so Manuel Viehmann. Besonders ist auch das 125. Jubiläum der Bielefelder Philharmoniker, das Anlass für zahlreiche Auftritte und Aktionen ist – mit einer großen Geburtstagsparty am 10. Mai in der Rudolf-Oetker-Halle.
125 Jahre Bielefelder Philharmoniker
Höhepunkte im Jubel-Monat Mai in der Rudolf-Oetker-Halle:
3.5., 18 Uhr, Jubiläumskonzert
4.5., 20 Uhr, 7. Kammerkonzert
9.5., 20 Uhr, BiPhil at the Movies „Don’t panic“
10.5., ab 12 Uhr – ein Tag fürs Publikum mit Führungen, Musik, Tombola und Geburtstagsgästen wie Arminia Bielefeld und einem Kinderkonzert (15 Uhr, ab 6 Jahren) und Live-Podcast
15. & 17.5., 20 bzw. 11 Uhr, 8. Symphoniekonzert