Zwischen Fußballromantik und Realität
„Seit dem 24. November 2025 vergeht kein Tag, an dem ich nicht mit Arminia Bielefeld befasst bin. Und das macht mir großen Spaß“, sagt Rainer Kobusch lachend. An diesem Tag wurde er zum Präsidenten gewählt. Seitdem reicht die Bandbreite seiner Termine von Präsidiums- und Aufsichtsratssitzungen, dem Besuch von Endspielen der Frauen- und Jugendmannschaften über die Amtseinführung des neuen Bethel-Vorstandsvorsitzenden bis hin zu inklusiven Fußballcamps mit Weltmeistern wie Pierre Littbarski und Guido Buchwald. Wer ihm zuhört, merkt schnell: Für Rainer Kobusch ist das Amt weit mehr als eine repräsentative Aufgabe. Es ist eine Herzensangelegenheit.
Die Geschichte beginnt lange vor seiner Wahl. Der gebürtige Bielefelder wächst im Westen der Stadt auf und besucht das Max-Planck-Gymnasium – mit Premiumblick auf die damalige Alm, heute SchücoArena. Als Achtjähriger nimmt ihn sein Vater zum ersten Mal mit ins Stadion. Das erste Spiel, das im Gedächtnis blieb, war 1975 gegen Real Madrid. „Arminia war schon immer mein Verein. Einen anderen Klub hat es für mich nie gegeben“, so Rainer Kobusch.
Selbst spielte er Fußball im Mittelfeld beim TuS Dornberg und später beim VfL Theesen. „Eigentlich wollte ich Bauer werden“, sagt er und lacht. Die Verbundenheit zur Natur sei ihm bis heute geblieben. Geworden ist er allerdings Banker. Nach der Ausbildung in Bielefeld führen ihn berufliche Stationen nach Düsseldorf, Luxemburg und Frankfurt, wo er später Bankvorstand in der Union Investment Gruppe wird.

„Arminia war immer eine Brücke zur Heimat. Wenn es möglich war, fuhr ich zu Heimspielen nach Bielefeld.“ Seine Frau habe oft den Kopf geschüttelt, wenn er sich aus Frankfurt oder Luxemburg auf den Weg zum Stadion der Blauen machte. „Aber irgendwie gehörte das einfach dazu.“
Dem Verein etwas zurückgeben
Als Arminia 2018 in eine wirtschaftliche Schieflage gerät, sieht Rainer Kobusch plötzlich eine Möglichkeit, seinem Verein etwas zurückzugeben. Nicht als Fan auf der Tribüne, sondern mit seinem Know-how und dem Netzwerk, das er sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. Der damalige DSC-Geschäftsführer Markus Rejek hatte ein Sanierungskonzept entwickelt, dessen Schlüssel der Verkauf der SchücoArena war. Gemeinsam mit einem Hamburger Kollegen, einem ausgewiesenen Immobilienexperten, lotet Rainer Kobusch potenzielle Möglichkeiten aus. Beide unterstützen den Verein pro bono und tragen zum Gelingen des Plans bei. Das Stadion wird verkauft, das Bündnis Ostwestfalen gegründet und die Finanzen in ruhigeres Fahrwasser gelenkt. Dass der Hamburger Kollege heute Präsident des 1. FC Köln ist, gehört zu den Geschichten, die nur der Fußball schreibt.
Nach der erfolgreichen Sanierung verlieren sich die Kontakte zunächst wieder etwas. Corona folgt, der Beruf beansprucht weiterhin viel Zeit. Nach dem Doppelabstieg meldet sich Arminia erneut. Ob er sich vorstellen könne, in den Gremien mitzuarbeiten? „Mir war wichtig zu sehen, dass es allen wirklich um den Verein geht. Genau dieses Umfeld habe ich vorgefunden.“ Auch der Zeitpunkt passt. Rainer Kobusch hat beschlossen, beruflich kürzer zu treten. Mehr Zeit für Familie, Freunde, Fußball – und für ein weiteres Herzensprojekt: Finanzbildung. In der Zusammenarbeit mit verschiedenen Stiftungen engagiert er sich dafür, jungen Menschen Kenntnisse über Finanzsystem, Vermögensaufbau und Altersvorsorge zu vermitteln. Im November 2023 wird er zum Schatzmeister und Vizepräsidenten gewählt. Zwei Jahre später folgt die Wahl zum Präsidenten.
Arminia als Gesamtkunstwerk
Der Aufstieg und die Pokalsaison mit dem Finale in Berlin haben eine Euphoriewelle ausgelöst. Binnen 24 Monaten hat sich die Mitgliederzahl fast verdoppelt und liegt aktuell bei 30.700. „Ich freue mich über jeden, der Teil der Arminia-Familie wird. Egal aus welchem Grund. Ob er oder sie mit den Profis jubelt und leidet oder in einer Abteilung aktiv ist oder einfach das gesellschaftliche Engagement des Vereins schätzt.“ Ihn selbst begeistert die Vielfalt. „Arminia ist ein Gesamtkunstwerk. Wir haben 13 Abteilungen, in denen richtig was los ist. Ob Eiskunstlauf, Billard, Tischfußball, Rollstuhlsport, die Arminis oder die noch junge Darts-Abteilung – sie alle gehören genauso zu Arminia wie die Fußball spielenden Abteilungen und die Profis auf dem Rasen.“ Hinzu kommen soziale, kulturelle und gesellschaftliche Projekte. Themen wie Inklusion, Nachhaltigkeit oder Erinnerungskultur werden gemeinsam mit zahlreichen Partnern umgesetzt. Besonders bewegt hat ihn zuletzt das Fußballcamp in Bethel. „Da habe ich in viele strahlende Gesichter geschaut. Und ich durfte als Präsident die Visitenkarte von Arminia Bielefeld sein.“ Er versteht sich nicht als Mittelpunkt, sondern als Teil eines großen Ganzen. Das gilt insbesondere für die Arbeit im Präsidium, dem neben ihm Kathrin Dahnke als Schatzmeisterin und Vizepräsidentin, und Hans-Wilhelm Beckmann, verantwortlich für die Abteilungen, angehören.
Tradition bewahren, Zukunft gestalten
Für die Zukunft hat das Präsidium klare Schwerpunkte gesetzt. Der leistungsorientierte Frauen- und Mädchenfußball soll weiter professionalisiert werden. Es gilt Strukturen zu schaffen, damit auch die Frauen perspektivisch in der 2. Bundesliga spielen können. Ein weiteres Projekt ist die Traditionspflege. Mit Blick auf das 125-jährige Vereinsjubiläum soll die Geschichte Arminias sichtbarer gemacht und enger mit der Stadt verzahnt werden. Orte der Vereinsgeschichte sollen stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken.
Bei allem steht für ihn jedoch eines im Mittelpunkt: die Menschen, die den Verein tragen. „Ohne Ehrenamt geht es nicht. Das gilt auch für unseren Verein.“ Respekt und Wertschätzung seien deshalb wichtiger denn je.
Diese Haltung prägt das gesamte Präsidium. „Wir wollen gemeinsam den Verein engagiert, kompetent und erfolgreich führen. Aber auch mit Herz, mit Sinn und mit Verstand.“
Und sportlich? Den Klassenerhalt am – wie konnte es anders sein – letzten Spieltag erlebte der Präsident auf der Tribüne. Nach außen gelassen, innerlich spätestens nach dem 0:1-Rückstand vermutlich mit etwas höherem Puls. Doch dann zeigt sich wieder einmal die besondere Arminia-DNA: Aus dem Rückstand wird erst die Rettung durch den Ausgleich und schließlich ein rauschhaftes 6:1 gegen Hertha BSC. „Der Fußballromantiker in mir findet es großartig, dass es bei Arminia nie ohne Drama geht“, lacht er. „Für die nachhaltige Entwicklung des Vereins freuen wir uns, wenn wir auf diesem gesunden Fundament der vergangenen Jahre in der 2. Bundesliga aufbauen können.“