WAS STÄDTE GLÜCKLICH MACHT

Wie kann eine Stadt zu einem Ort werden, an dem Menschen wirklich aufblühen? „Urban Happiness“ fragt nach Lebensqualität im urbanen Alltag – zwischen Klimakrise, Digitalisierung und gesellschaftlichem Wandel. Zukunftsforscher Andreas Reiter erklärt, warum städtisches Glück aus Beziehung, Resonanz und Mut entsteht und weshalb Städte wie Bielefeld dafür beste Voraussetzungen mitbringen.

Interview mit Andreas Reiter

Wenn wir über Urban Happiness sprechen: Wie würden Sie diesen Begriff definieren? Was kennzeichnet für Sie eine Stadt die Menschen wirklich glücklich macht?

Als Grundvoraussetzung für eine Stadt, die glücklich macht, muss diese erstmal ihre Kernaufgaben der infrastrukturellen Daseinsvorsorge erfüllen. Klingt banal, ist aber die halbe Miete. Eine lebenswerte Stadt schafft zudem die Balance zwischen Serotonin Dopamin, zwischen Wohlfühlen und Überraschung. Dafür braucht es grüne und blaue Resonanzorte, die vom Stadtstress entlasten und dann wiederum Orte, die einen überraschen, zum Staunen bringen.

Spielt die kulturelle Prägung einer Stadt eine Rolle für Urban Happiness?

Natürlich wirken Städte in Italien oder Spanien, wo man fast das ganze Jahr über draußen auf den Plätzen sitzen kann, glücklicher. Aber Studien zeigen: Urban happiness bedeutet vor allem soziales Glück. D.h.: Glücklich machen einen jene Städte, die ein starkes und vertrauensvolles Miteinander ermöglichen, die bedeutungsvolle Dritte Orte und soziale Rituale also Events schaffen. Es geht vor allem darum, das BEZIEHUNGSSYSTEM in der Stadtgesellschaft zu stärken, die Identifikation mit dem
großen Ganzen. Das gelingt skandinavischen Städten einfach besser, dort fühlt man sich verantwortlich für die Gemeinschaft, will diese zum Besseren mitgestalten.

Zu groß für dörfliche Idylle, zu kleine für Metropole: Ist diese mittlere Größe eher eine Chance, oder eine Bremse für Bielefeld?

Eine ideale Größe Bielefeld schafft Nähe, vor allem in den kleinteiligen Quartieren und bietet zugleich die Qualitäten einer Metropole.

Shoppingmeilen und Gastronomie galten lange als Glücksquellen des urbanen Lebens. Welche neuen Formen des städtischen Erlebens können diese Rolle künftig ergänzen oder ersetzten?

Es ist ja kein Zufall, dass die Gastronomie die Leerstände des Einzelhandels auffüllt. Essen ist immer ein soziales Ereignis. Wir brauchen vor allem starke Orte, wo sich Menschen niedrigschwellig begegnen können – auch konsumfrei Sitzmöbel im öffentlichen Raum, Parklets, begrünte Zonen, die einladen zum Chillen. Vor allem aber muss junges Leben in unsere Innenstädte – Schulen, Uni-Institute, Spielplätze für jung und alt!

Gab es in letzter Zeit eine europäische Stadt, in der Sie gedacht haben: Hier wird Urban Happiness wirklich gelebt?

Utrecht etwa. Die Innenstadt ist von einem Fluss durchzogen, dieser ist ein veritabler Lebensraum für die Menschen, neben und auf dem Wasser findet das Leben statt: Wohnen, Gastronomie, Freizeit. Utrecht ist zudem die Fahrrad-Hauptstadt, breite Radwege und kleine Autospuren… 60% der Bewohner:innen nutzen das Fahrrad. Das führt zu einem unglaublich entspannten und gesunden Stadtbild. Das ist die Zukunft unserer Städte: walkable & bikeable.

Bielefeld möchte als Familienstadt wahrgenommen werden. Was muss eine Stadt beachten, um für Familien attraktiv zu sein – und welche Rolle spielt dabei der öffentliche Raum?

Bielefeld hat mit seinen kleinteiligen Strukturen auch beste Voraussetzungen dafür. Familien brauchen überschaubare 15 Minuten-Quartiere, in denen sie alles Wichtige einfach und sicher erreichen können. Wichtig sind soziale Infrastrukturen (KITA, Schulen, Spielplätze) und spannende Freizeit-Orte sowie städtische Programme, vor allem für die Ferien.

Wie gelingt es Städten, auch älteren Menschen ein glückliches und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen? Welche Faktoren sind dabei besonders wichtig?

Eine Stadt muss für alle Anspruchsgruppen attraktiv sein. Jan Gehl, der dänische Stadtplaner, hat dafür die Formel 8/80 entwickelt: Eine Stadt sollte so gebaut sein, dass sich in ihr Achtjährige und über 80-Jährige ebenso gut bewegen können. Wichtig für Ältere sind gesundheitliche Versorgung, Inklusion und soziale Orte. Erfolgreiche Städte fördern die aktive Teilhabe älterer Menschen, in Wien z.B. gibt es bemerkenswerte generationenübergreifende Wohnformate für jung und alt. Wir brauchen viel mehr integrierte Lebenskonzepte.

Was kann Bielefeld konkret von Städten wie Helsinki oder Wien lernen, wenn es um Urban Happiness geht?

Ich glaube, es ist im Wesentlichen die „Caring City“, die den Menschen das Gefühl gibt: wir kümmern uns um dich. Dies erfordert ein politisches Bewusstsein, aber auch ein entsprechendes Mindset der Bewohner:innen. Wir alle sind die Stadt und machen die Stadt. Sowohl in Skandinavien wie auch in Wien zeigt sich dies an partizipativen Formaten, die Menschen ermutigen, sich für die Entwicklung ihrer Nachbarschaft einzusetzen.

Wo sehen Sie in Bielefeld bereits positive Ansätze, die das urbane Glück fördern – und wo liegt noch Potenzial?

Soweit ich das sehe, macht die Stadt einiges, um die Lebensqualität vor Ort zu verbessern: Gesundheitsprogramme, Förderung von Sport-, Spiel- und Bewegungsräumen, Fokus auf Grünräume u.a. Es sind die kleinen Schritte, die zum großen Ziel führen.

Wie wichtig ist die Rolle der Menschen selbst für Urban Happiness – und was können sie unabhängig von Politik und Verwaltung beitragen?

Sich aktiv einzubringen – Menschen, die (anderen, der Stadt etc.) etwas geben, sind einfach glücklicher. Von Politik/Verwaltung: mehr mutige Experimente zulassen, eine Stadt in Transformation braucht Spielflächen, um das Neue zu entwickeln.

Welche Faktoren werden in den kommenden Jahren entscheidend sein, damit Städte Urban Happiness ermöglichen können?

Es braucht eine ambitionierte – langfristige – Vision, also ein starkes Zukunftsbild der Stadt, dieses gilt es Schritt für Schritt (auch mit knappen Ressourcen) umzusetzen. Aber konsequent.

Was Bielefeld Glücklich macht

Glück in der Stadt zeigt sich nicht nur in Konzepten, sondern vor allem im Alltag – in Wegen, Begegnungen und Momenten, die bleiben. Wie fühlt sich „Urban Happiness“ in Bielefeld konkret an? Wir haben Bielefelderinnen und Bielefelder gefragt, was sie mit ihrer Stadt verbinden, woran sie sich gern erinnern und wo sie ihr persönliches Bielefeld Glück spüren.

NIKO SIOULIS

Poetry-Slam Veranstalter und Kulturschaffender

„Wir haben in den verschiedenen Stadtteilen verschiedene Pulsschläge. In Mitte beim Karneval der Kulturen, beim Kulturkessel und anderen Veranstaltungen auf dem Kesselbrink. Die Uni hat einen ganz eigenen Herzschlag, und bei Arminia-Spielen fühlt sich die Schloßhofstraße vom Bahnhof Richtung Stadion wie eine Hauptschlagader an.“

CONSTANZE FIEDLER
Studentin der Erziehungswissenschaft und Anglistik, Uni Bielefeld

„Im Juni 202 bin ich mit meiner Freundesgruppe auf dem Casper-Konzert auf der Bielefelder Alm gewesen. Das war wirklich ein magischer Abend und mein Bielefeld-Moment, an den ich noch wirklich lange zurückdenken werde.“

REBECCA SCHIRGE
JOURNALISTIN UND AUTORIN

„An warmen Sommertagen an der freigelegten Lutter kommen Jung und Alt ganz selbstverständlich zusammen. Manche lesen, andere lachen, Kinder spielen im Bachbett. Die Atmosphäre ist offen, freundlich, fast familiär – hier spürt man den Herzschlag der Stadt auf eine besonders lebendige Weise.“

NICOLE LIPPOLD Schauspielerin
„Wenn ich am Bielefelder Hauptbahnhof stehe, denke ich immer an das erste Mal in Bielefeld, nach meinem ersten Vorsprechen. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich in diese Stadt nie ziehen würde. Ich fand sie grauenhaft. Heute denke ich, tja, da hast du dich aber schön geirrt. Mittlerweile ist diese Stadt seit 16 Jahren dein Zuhause“

DENISE GELLRICH

Volontärin im Bereich Video Content Creation,
Universität Bielefeld
„Vor allem merke ich einen richtigen Zusammenhalt der Stadt, wenn es um den Fußball geht. Mein Freund und ich sind häufig auf der Alm anzutreffen und es berührt mich jedes Mal zu sehen, wie sehr diese Stadt für ihre Mannschaft brennt, aber auch umgekehrt.

STEFAN BÖKENKAMP
POLIZIST
„Unsere Stadt ist nicht zu groß, aber auch nicht zu klein. Sie bietet viele Anreize und Möglichkeiten, das Leben zu genießen. Wir haben eine lebendige, grüne und familienfreundliche Stadt – das alles trägt dazu bei, dass ich mich hier heimisch fühle”.

FLORIAN BOCHERT Politikwissenschaftler,
Hermannslauf-Sieger 2025
„Beim Hermannslauf kommt die ganze Stadt zusammen. Auf der Promenade wird jede und jeder angefeuert – egal wie schnell und egal wie kaputt man am Ende ist. Alle liegen sich in den Armen. Dieser Zusammenhalt macht diesen Tag und diese Stadt wirklich besonders.“

MINA RICHMAN Musikerin
„Ich liebe es immer irgendjemandem zu begegnen und fühle mich einfach wunderbar verwurzelt in dieser Stadt. Hier begann meine Musikkarriere und viele Freundschaften. Ich werde immer mal wieder gefragt, warum ich nicht wegziehe – diese Stadt hat mir so viel gegeben.“

Text: Bielefeld Marketing