Der Wonnemonat Mai bringt frischen Lesestoff.

Vera Zischke – Pina fällt aus

List, 21,99 €

Leo ist 20 Jahre alt und lebt in seiner Welt. Er braucht seine festen Abläufe. Morgens steht er erst auf, wenn eine grüne Blase in seiner Lavalampe aufsteigt. Er braucht und will nur ein Müslischälchen und besteht auf seinem angestammten Löffel. Jede Änderung in der Routine bringt ihn aus dem Tritt. Seine Umwelt bringt dafür wenig bis kein Verständnis auf. Nur seine Mutter, die Mutsch, weiß, wie er tickt. Als Pina infolge eines ignorierten Magengeschwürs auf der Straße zusammenbricht, hat sie nur einen Gedanken: Wer kümmert sich jetzt um Leo? Was sie nicht ahnen kann, die anderen Hausbewohner zeigen Herz und Verantwortungsgefühl. Zusammen werden sie „Drei (schräge) Vögel für Leo“.

Da wären die 16-jährige Schulabbrecherin Zola, der resignierte Einsiedler Wojtek und die lebensmüde Seniorin Inge. Ihr erster Impuls:  Sie können doch wohl nicht zuständig sein! Aber Leo braucht sie. Und während diese ungewöhnliche Truppe durch einen völlig neuen Alltag stolpert, erkennt jeder Einzelne von ihnen: Sie brauchen Leo auch. Ein berührendes Buch über Zusammenhalt, Menschlichkeit und die Frage: Was ist eigentlich Normalität? Zudem ist der Roman ein eindrückliches Plädoyer für Inklusion. Das ist manchmal urkomisch und herzzerreißend zugleich. (E.B.)

Moa Berglöf & Joakim Zander – Die Stockholm-Protokolle

Rowohlt Polaris, 18 €

Es scheint eine neue Welle zu sein, dass skandinavische Autoren neuerdings vornehmlich im Duo schreiben. Den Geschichten tut das sehr gut. So auch hier: Joakim Zander ist EU-Experte und Bestsellerautor, Moa Berglöf war jahrelang Redenschreiberin des schwedischen Ministerpräsidenten. Und dieses Know-how haben sie zu einem überaus spannenden und temporeichen Polit-Thriller verwoben: Die Stockholmer Investigativjournalistin Julia verfolgt eine heiße Spur: Alles deutet darauf hin, dass der charismatische, beliebte Ministerpräsident Schwedens auch dunkle Seiten hat. Hat er sich in Brüssel mit Rechtspopulisten anderer EU-Staaten getroffen? Und was ist dran an den Gerüchten, dass er in Belgien Affären haben soll? Als Julia von ihrem Chefredakteur kaltgestellt wird, ahnt sie, wie hochbrisant die Sache ist. Erst recht als ihr politisch unerfahrener Ehemann, Windkraft-Experte Alfred, plötzlich zum Pressesprecher des Ministerpräsidenten ernannt wird. Julia kann Alfred nicht sagen, was sie sofort vermutet: Dieser Job wurde ihm nur angeboten, um sie endgültig zum Schweigen zu bringen. Doch Julia gräbt weiter, während sich ihr Mann im Polit-Dschungel mit seinen eigenen – und vielen ungeschriebenen – Gesetzen durchschlägt. Schon bald stellt er fest, dass schmutzige Geheimnisse auf höchster Ebene unter den Teppich gekehrt werden sollen. Da will Alfred nicht mitmachen und bringt damit nicht nur seine Karriere in höchste Gefahr. Dieser Thriller ist einfach verdammt gut geschrieben mit glaubwürdigen Twists und packend geschilderten Abgründen. Gern mehr von diesem Autorenduo! (E.B.)

Arne Dahl & Jonas Moström – Doppelspiel

Lübbe, 18 €

Schon drei Jahre ist es her, dass der renommierte Krimiautor Tom Borg brauchbare Sätze zu Papier gebracht hat. Nach dem internationalen Erfolg seiner Nordic-Noir-Trilogie kommt er nun über eine ganz grobe Skizze seines nächsten Werks nicht hinaus. Und diese hat er auch nur geschrieben, weil seine Verlegerin unbedingt wissen will, woran er arbeitet.

Es soll etwas mit Anspruch sein, etwas, dass die Menschen aufrüttelt, dass die Klimakatastrophe tatsächlich vor der Tür steht. Ein erster Entwurf ist wirklich schlecht: Ein Umweltminister wird im Jacuzzi eines Bordells ermordet. Tom weiß, wie schwach dieser Ansatz ist und begibt sich zu Recherchezwecken in ein zwielichtiges Etablissement. Plötzlich geschieht ein Mord und er ist selbst mittendrin – in seinem eigenen Roman. Leider als Hauptverdächtiger. Noch ist seine Identität unbekannt, aber das Netz der Ermittlerinnen zieht sich immer weiter zu. Tom begreift, dass er in ein tödliches Spiel verwickelt ist, bei dem Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen. Wer kontrolliert eigentlich die Story des Buches, an dem er arbeitet? Und wem kann er eigentlich trauen? Atemlos gelesen. Ein temporeiches Verwirrspiel in bester Dan-Brown-Manier. (E.B.)

Candice Fox – Outback Killers

Suhrkamp, 18 €

Der High Wire in Australien ist eine staubige, kaum zu erkennende Piste zwischen Broome im Westen und Sydney an der Ostküste. Eine von Kriminellen beliebte Strecke durchs Outback. Aber auch Harvey Buck ist hier unterwegs zu seiner todkranken Ex-Freundin. In der todbringenden Einsamkeit stößt er auf Clare Holland, deren Auto ausgebrannt ist. Ehrensache, dass er sie mitnimmt. Ein Albtraum nimmt seinen Lauf. Sie werden von einer ultrabrutalen Bande überfallen, die eine Rechnung mit Harvey offen hat. Man zieht ihm und Clare Sprengstoffwesten an und zwingt sie, eine Reihe von immer mörderischeren Missionen zu erfüllen, oder sie werden in die Luft gesprengt. Bald schon heftet sich Senior Sergeant Edna Norris an ihre Fersen, die zunächst keine Ahnung hat, was sie erwartet: ein Teenager auf der Flucht, ein ausgebranntes Auto, eine vermisste Frau, ein Banküberfall und eine von Kugeln zerfetzte Leiche. Candice Fox ist eine Meisterin des temporeichen Thrillers. Der ausgeklügelte Plot mit unerwarteten Wendungen hält die Spannung bis zum Ende dieses höllischen Roadtrips. Lesen! (E.B.)

Matt Dinniman – Dungeon Crawler Carl

Tor, 18 €

Das Leben ist nicht fair. Erst wird Carl von seiner Freundin sitzengelassen, und dann muss er mitten in der Nacht in Boxershorts und Lederjacke raus, um ihre Katze Prinzessin Donut zu retten. Noch unfairer wird es, als er von außerirdischen Invasoren gezwungen wird, an einer sadistischen, intergalaktischen Spielshow teilzunehmen. Dann wird es unterirdisch: In einem Dungeon voller Fallen, explodierender Goblins, Drogen dealender Lamas besteht sein Leben von nun an vor allem darin, am Leben zu bleiben.

Und dafür muss er neue Fähigkeiten entwickeln, mächtige Waffen finden und Sponsoren, die ihn in einer perversen und intriganten Medienwelt unterstützen, gegen die Panem ein Kindergarten ist. Zum Glück hat er Donut dabei, eine Katze mit viel Erfahrung im Showbusiness. Sehr viel Intelligenz und dem unbedingten Willen zum Erfolg. Das ist temporeich bis überdreht, witzig und der Auftakt einer höchst fantasievollen Reihe. (R.R.)

Alex Finlay – Good Night Pretty Girl

Goldmann, 13 €

Ein Pageturner, wie er im Buche steht. Finlay schafft es immer wieder für unvorhergesehene Wendungen zu sorgen. Und darum geht’s: Vier junge Frauen werden bei der Arbeit in einer Videothek überfallen; nur Ella lässt der Killer am Leben. Fünfzehn Jahre später werden in derselben Kleinstadt drei Teenagerinnen während ihrer Nachtschicht in einer Eisdiele erstochen, und erneut verschont der Täter die vierte von ihnen. Auch ihr flüstert er seinen Abschiedsgruß ins Ohr: „Good night, pretty girl.“

Nach dem ersten Fall hatte die Polizei rasch einen Verdächtigen, den Freund eines der Opfer. Doch der junge Mann musste aus Mangel an Beweisen aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Und verschwand noch am selben Tag. Nun führt der neuerliche Albtraum drei Menschen bei der Suche nach der Wahrheit zusammen: die einzige Überlebende des ersten Massakers, den Bruder des mutmaßlichen Täters von 1999 und die FBI-Agentin Sarah Keller, die in die abgründigen Geheimnisse von zwei Mordnächten eintauchen muss. Und das ist hochspannend! (E.B.)

Deon Meyer – Der Tag des Skorpions

Aufbau Verlag, 24 €

Endlich werden die geschassten Ermittler Bennie Griessel und Vaughn Cupido wieder in den Rang von Captains zurückversetzt. Doch die Freude währt nicht lang, denn bald fordert ein komplizierter Fall die volle Aufmerksamkeit der beiden: Ein ehemaliger Polizeisergeant ist bei einem bizarren Unfall gestorben. Hat der Vorfall etwas mit dem explodierten Wohnwagen zu tun, in dem ebenfalls ein Mann zu Tode kam?

Griessel und Cupido läuft die Zeit davon: Das erste Treffen eines Ausschusses der BRICS-Staaten steht unmittelbar bevor. Es soll ausgerechnet im südafrikanischen Stellenbosch stattfinden. Und die Hinweise verdichten sich, dass ein Anschlag geplant ist. Der 10. Bennie-Griessel-Krimi nimmt leider erst sehr allmählich Fahrt auf. Es ist ein Wiedersehen mit liebgewonnenen Figuren. Die letzten 100 Seiten entschädigen allerdings für vieles. (E.B.)

Trude Teige – Der Gesang der See

Fischer, 22 €

Auf der kleinen Fischer-Insel an der norwegischen Westküste ist das Leben hart, die Natur überwältigend. Die junge Kristiane verspricht ihrem Vater, den seit Generationen besetzten Lotsenposten in der Familie zu halten. Als Frau darf sie die Schiffe in den Schären nicht selbst geleiten. Doch als ihr Mann bei einem Sturm ums Leben kommt, steht die schwangere Kristiane allein mit Mutter und Schwester da; man will ihnen das Lotsenmandat entziehen.

Auf der Suche nach jemandem, der ihnen eine Zukunft gewähren kann, gerät sie in tiefen Konflikt zwischen Pflicht und Leidenschaft. Der erste Roman von Trude Teige – jetzt zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlicht – lässt schon erahnen, dass starke Frauen ein Leitmotiv ihres späteren Schaffens werden wird. Hier lässt sich die erfolgreiche Autorin von ihrer eigenen Familienhistorie inspirieren.

Iliana Xander – Der Boss

Heyne, 17 €

Natalie Olsen und ihre beste Freundin Cara feiern ausgelassen in einem Club. Dann verschwindet Cara mit einem gutaussehenden Mann. Am nächsten Morgen liegt sie im Koma.

Die Polizei tappt im Dunkeln, aber Natalie ist entschlossen, den Mann zu finden, der ihrer Freundin das angetan hat. Als sie den Unbekannten auf dem Cover eines Magazins entdeckt, ist klar: Es handelt sich um den erfolgreichen Unternehmer Geoffrey Rosenberg. Natalie nimmt einen Job in der Villa des charismatischen Millionärs an. Aber kaum betritt sie sein Haus, beschleicht sie ein grauenvoller Verdacht. Sie wollte ihrem neuen Boss eine Falle stellen. Doch was, wenn sie längst in seiner sitzt? Ein spannender Thriller, auch wenn so einiges an den Haaren herbeigezogen wirkt. (E.B.)

Birgit Hasselbusch – Rennracker Robbie beim Giro d’Italia

Covadonga, 16 €

Nach seinem turbulenten Abenteuer bei der Tour de France sitzt Robbie schon wieder im Sattel – diesmal mitten im Trubel des Giro d’Italia. Mit dem ganzen Familienclan geht’s überraschend nach Rimini, wo die Profis Station machen. Viel Zeit für Gelato, Pizza und Dolce Vita ist nicht. Zwischen Rosa Trikots, Kinderrennen am Meer, Social-Media-Chaos, dem plötzlich verschwundenen Opa und Schwester Nora, die sich als PR-Managerin aufspielt, muss Robbie wieder seinem Freund Bruno beistehen – dessen Karriere als Radprofi hängt am seidenen Faden.

Nur muss Robbie für seinen Plan erneut auf dem Rennrad ausbüchsen …

Mit Witz und Tempo erzählt „Rennracker Robbie beim Giro d’Italia“ von großen Etappen, italienischem Lebensgefühl, Freundschaft und Abenteuergeist.

Jenny Lund Madsen – 39 Grad Mord

Tropen, 17 €

Die von Liebeskummer geplagte Schriftstellerin Hannah Krause-Bendix wurde von ihrem Lektor nach Sizilien geschickt. Dort soll sie endlich ihre Schreibblockade lösen und den versprochenen zweiten Kriminalroman schreiben. Dabei will Hannah lieber einen „richtigen“ Roman schreiben, denn Krimis betrachtet sie unter ihrer Würde. Statt sich an die Arbeit zu machen, erkundet sie allerdings lieber erst mal die Umgebung, vor allem die lokalen Restaurants. Bei Spaghetti Vongole und viel zu viel Nero d’Avola lernt sie ein wohlhabendes schwedisches Ehepaar kennen und übernachtet in deren luxuriöser Villa. Am nächsten Morgen liegt die Hausherrin tot in der Küche, mit einem Fleischhammer erschlagen. Der Ehemann: verschwunden. Und Hannah, völlig verkatert, wird zur Hauptverdächtigen in dem Mordfall. Fieberhaft stürzt sie sich auf eigene Faust in die Ermittlungen. So weit, so gut: Das Setting ist wirklich schön, aber leider fehlt es dem Krimi an einem plausiblen Plot, glaubwürdigen Charakteren und schlicht an Spannung. (E.B.)