Inszenierte Wirklichkeit: Film als Propaganda im Nationalsozialismus

Was zählen Meinungen und Einstellungen, wenn sich die Zeiten ändern. Kriege, Seuchen oder Meinungsmanipulationen führen zu Unsicherheiten, Heilsbringer versuchen dies auszunutzen. Eine sehr aktuelle Entwicklung, fast überall auf der Welt. Kann da ein Blick in die jüngere Vergangenheit helfen – insbesondere in die deutsche Geschichte Anfang des 20. Jahrhunderts?

Die Ausstellung der Bielefelder Stiftung Tri-Ergon Filmwerk versucht deshalb der Frage nachzugehen, wie sich bedeutende Künstler so bedingungslos der nationalsozialistischen Filmpolitik unterwerfen konnten. Manche offen und pointiert in Propagandafilmen, andere eher verdeckt in den sogenannten unpolitischen Unterhaltungsfilmen. Wie schnell können Einstellungen kippen, wie stark sind Widerstandsreflexe? Die Ausstellung „Die Unterwerfung“ stellt die Frage, wie Künstler und Kreative zu Instrumenten einer Ideologie werden konnten. Sie thematisiert die Verstrickung von Schauspielern, Regisseuren, Drehbuchautoren, und Produzenten in das NS-System, zeigt ihre individuellen Entscheidungen und die propagandistischen Mechanismen hinter der Filmproduktion auf. Ziel ist es, die Verantwortung der Filmschaffenden kritisch zu hinterfragen und die Auswirkungen ihrer Arbeit sichtbar zu machen.

Etliche Künstler sind bewusst emigriert, wie der Schauspieler Conrad Veidt oder die Schauspielerin Marlene Dietrich. Der Autor Billy Wilder ging direkt nach der Machtübertragung in die USA, der Schriftsteller Erich Kästner blieb und schaute seiner gesellschaftlichen Demontage zu. Welche Rolle spielen Ängste und wirtschaftliche Gründe? Niemand der deutschen Filmschaffenden konnte zumindest sagen, er hätte nichts gewusst. Schnell und politisch klar haben die Nazis ihre Kultur- und Kunstpolitik definiert und umgesetzt. Juden erhielten sofort Berufsverbot, auch politisch unliebsame Personen mussten mit Einschränkungen und Schlimmerem rechnen.

Der Film war den NS-Machthabern wichtig, schon früh hatten sie die propagandistischen Möglichkeiten des Mediums erkannt und nutzten diese konsequent für ihre Ziele. Die Gleichschaltung der Künste und besonders des Films erfolgte bereits nach der Machtübertragung und wurde zielstrebig von Goebbels und seinem Propagandaministerium vorangetrieben. Die Ausstellung möchte dazu beitragen, die Rolle des Films im Nationalsozialismus kritisch aufzuarbeiten und die Mechanismen der Manipulation durch visuelle Medien zu beleuchten. Die Ausstellung ist multiperspektivisch und didaktisch so gestaltet, dass historische Zusammenhänge verständlich werden und gleichzeitig zur Reflexion über die Verantwortung von Kunst und Medien anregen.

Zielsetzung ist zunächst die Darstellung der Bedeutung des Spielfilms im NS-Propagandaapparat und die Untersuchung, wie und warum Filmschaffende im NS-Staat agierten. „Die Unterwerfung“ thematisiert die moralischen Entscheidungen und Zwänge, unten denen die Filmschaffenden standen. Damit verbunden ist die Aufklärung und Vermittlung, wie der NS-Staat den Film als Medium für Propaganda genutzt hat. Dabei geht es um die Sensibilisierung der Ausstellungsgäste für Manipulationstechniken, deren Wirkung auf die Gesellschaft und die Reflexion zu Parallelen zur heutigen Medienlandschaft und den Gefahren medialer Beeinflussung – insbesondere in den Sozialen Medien. Dazu gehört die Sensibilisierung für Menschen mit Behinderung, Senioren sowie sozial Benachteiligte.

Das Zusammenspiel von Plakaten, Fotos, Filmen und Touchscreen-Monitoren mit Analysen von Filmszenen erleichtert den Zugang zum Thema und ermöglicht vertiefende Einblicke in die komplexe Struktur der Filmpropaganda. Durch den Wechsel zwischen dunklen Räumen (Propaganda) und hellen Räumen (Reflexion) entsteht eine Atmosphäre, die auch unterbewusst wirkt. Ergänzt wird dies durch visuelle Akzente mit Projektionen von Filmsequenzen auf Leinwänden sowie von Originaltönen aus Propagandafilmen und nachgesprochenen Zeitzeugeninterviews.

Ein Begleitprogramm, u. a. mit Filmabenden mit kritischer Einordnung durch Historiker sowie Vorträgen, ist in Planung.

12.4.-14.6., Historisches Museum