Koffer schon gepackt? Lassen Sie noch etwas Platz für Ihre Urlaubslektüre.

Fredrik Backman – Freunde fürs Leben

Goldmann, 25 €

Wenn Sie diesen Sommer nur ein Buch lesen können, dann nehmen Sie dieses zur Hand. Mit viel Sensibilität schreibt Backman über eine Außenseitertruppe von Teenagern, die nirgends dazuzugehören scheinen. Auch ein Zuhause, das Geborgenheit und Liebe vermittelt, ist für einige von ihnen nur eine ferne Utopie. Aber sie haben einander und vertrauen sich – nur 14-Jährige können eine vergleichsweise kurze Zeit so intensiv erleben, dass sie für den Rest des Lebens prägt.

Diesen ganz besonderen Sommer wird einer von ihnen auf einem Gemälde festhalten – und damit 25 Jahre später das Leben der jungen Louisa für immer verändern. Denn weil ein Detail auf dem inzwischen weltberühmten Bild sie selbst in den Tiefen ihrer Seele berührt, macht sie sich auf die Suche nach der Geschichte der vier Freunde. In der Stadt am Meer wird sie dabei ihr eigenes Abenteuer finden – und eine ganz neue Zukunft. Backmans „Freunde fürs Leben“ hat alles, was ein Buch braucht: ganz viel Herz und ganz viel Humor. (E.B.)

Sierra Greer – Annie Robot

Liebeskind, 25 €

Schon jetzt unterhalten sich manche Menschen lieber mit einer KI als mit echten Menschen. Was passiert aber, wenn man den Faden weiterspinnt? Das hat Sierra Greer virtuos getan: New York, in nicht allzu ferner Zukunft. Doug ist ein erfolgreicher Mittdreißiger, doch seit seiner Scheidung liegen sein Herz und sein Ego in Trümmern. Als Trost gönnt er sich die Frau seiner Träume: Annie, eine hoch entwickelte Androidin. Sie trägt Körbchengröße D, kocht jeden Abend für ihn, zieht sich hübsch an und passt ihre Libido seiner jeweiligen Stimmung an.

Alles scheint perfekt, doch dann aktiviert Doug Annies „Autodidaktmodus“, damit das Zusammenleben mit ihr spannender wird. Annie lernt von nun an dazu – und je ähnlicher sie einer normalen Frau wird, desto weniger perfekt verhält sie sich in Dougs Augen. Es ist zuweilen verstörend und schwer zu ertragen, wie sich Doug verhält. Denn allmählich verschwimmt für ihn die Grenze zwischen Mensch und Maschine. Lesenswert! (E.B.)

Carl-Johan Vallgren – Deine Zeit wird kommen

Suhrkamp, 18 €

Manchmal ist es schön, eine Geschichte ohne Smartphone und Internet zu lesen. Carl-Johan Vallgren lässt seinen spannenden Krimi 1993 spielen. In einem abgelegenen Waldstück in Schweden treibt eine junge Frau tot im Fluss. Ihr Kopf ist rasiert, sie ist ausgezehrt, Hämatome an Armen und Beinen weisen darauf hin, dass sie gefangen gehalten wurde. Doch auf ihre Identität gibt es keinerlei Hinweise. Kommissar Björling und seine Kollegin Johanna stehen vor der nahezu aussichtslosen Aufgabe, scheinbar ohne Anhaltspunkte dem Mörder auf die Spur zu kommen.

Die Ermittlungen ziehen sich. Doch dann verschwindet Björlings Tochter Malin plötzlich während eines Campingausflugs mit ihrem neuen Freund, dem sie ihn verschwiegen hat. Hat Malin dem falschen Mann vertraut oder hängt ihr Verschwinden mit dem Mordfall zusammen? Atmosphärisch dicht erzählt Vallgren von dem qualvollen Warten des Ermittlers. Ein Krimi, der im besten Sinne eine Sogwirkung entfaltet. (E.B.)

Liz Allan – In Bloom

Unionsverlag, 24 €

1994 in einer abgehängten australischen Kleinstadt: Vier Freundinnen wollen dem Mindestlohn-Schicksal ihrer Mütter entkommen und mit ihrer Musik beim Battle of the Bands durchstarten. Kurt Cobain ist ihr Kompass, Grunge ihr Rhythmus, und dieser Wettbewerb soll ihr Ticket in die Freiheit werden – auch wenn sie nur drei Akkorde können. Doch als die Leadsängerin Lily ihren verehrten Musiklehrer Mr P des Missbrauchs beschuldigt, droht alles zu zerbrechen. Wie weit sind die übrigen drei Mädchen bereit zu gehen, um ihren Traum zu retten – und was sind sie bereit zu opfern?

Mit einem äußerst originellen erzählerischen Kniff gewinnen die vier Freundinnen erst zum Schluss der Geschichte eine jeweils eigene Identität. Zuvor treten sie als Einheit auf. Mit ganz viel Verve erzählt Liz Allan von der Wut der Teenagerinnen, die nicht bereit sind, sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Die ihre Freundinnenschaft (fast) bis Selbstaufgabe verteidigen – und dabei mehr geben, als ihnen guttut. Eine Geschichte, die definitiv im Gedächtnis bleibt. (E.B.)

Jo Nesbø – Insel der Ratten

Ullstein, 19,99 €

Nach einer verheerenden Pandemie ist die Welt komplett aus den Fugen geraten. Massenarbeitslosigkeit und Armut haben das demokratische Gleichgewicht gekippt, marodierende Banden beherrschen die Straßen der großen Stadt. Colin Lowe, einer der reichsten Unternehmer des Landes, rettet sich mit seiner Familie auf die Insel der Ratten. Derweil wütet sein Sohn Brad mit seiner Bande auf dem Festland und verschont nicht einmal Colins engsten Freund Will. Als er dessen Tochter Amy bei einem Überfall in seine Gewalt bringt, sinnt Will auf Rache.

Sein Feldzug führt ihn auf das Dach eines Hochhauses, Schauplatz eines Countdowns auf Leben und Tod. Es ist eine überaus düstere Dystopie, die Jo Nesbø hier entworfen hat. Er schildert einen gnadenlosen Kampf, bei dem scheinbar nur die schwer Reichen und/oder Skrupellosen überleben. Oder gibt es den Hauch einer Chance für Anstand und Moral? (E.B.)

Felicitas Fuchs – Rosen im Asphalt

Heyne, 17 €

Lassen Sie sich von dem Titel nicht täuschen. Der Roman ist mitnichten eine Schmonzette, hat aber im besten Sinne Schmökerqualitäten. Und darum geht’s: Linda kommt 1956 in einem Hamburger Krankenhaus zur Welt. Ihre Mutter lässt sie dort schon kurz nach der Geburt zurück. Das Mädchen wächst bei den Großeltern und in Heimen auf, in Armut und ohne Sicherheit, bis sie ein Zuhause findet, in dem sie gefördert wird. Im selben Jahr wird Irmi in Köln in geboren.

Ihre Familie ist wohlhabend, aber ihre Mutter ist krank und überfordert. Daher kommt sie zunächst zu Verwandten in die Niederlande. Als der Vater sie sechs Jahre später zurückholt, spricht Irmi kein Deutsch und fühlt sich in der eigenen Familie fremd. Zwei Mädchen aus Welten, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Doch als Irmi Linda in einem dramatischen Moment das Leben rettet, werden sie unzertrennlich. Ihre Freundschaft trägt sie durch fünf Jahrzehnte bundesdeutscher Geschichte – geprägt von Verlusten, Hoffnungen und Neubeginnen. Das ist eine Geschichte, die zu Herzen geht und ganz nebenbei und unaufdringlich sehr viel Zeitkolorit vermittelt. (E.B.)

Malin Stehn – Schattengast

Scherz, 18 €

Man kann sich nicht auf alle Eventualitäten vorbereiten. Sandra hat die perfekte Geburtstagsparty geplant:

Bei Sekt und Leckereien, die sie sich eigentlich gar nicht leisten kann, setzen alle ein Lächeln auf und scheinen sich prächtig zu amüsieren. Doch am nächsten Tag liegt Sandra erstochen in ihrem Blut im Haus. Der Schock zerreißt die Nachbarschaft, die Polizei steht vor einem Rätsel: Hatte Sandra, die liebevolle Mutter, etwas zu verbergen? Oder ihr Mann Jack? Was ist mit den Freunden und den entfremdeten Teenager-Töchtern? Oder ist die grassierende Kriminalität in Malmö bis in das idyllische Viertel vorgedrungen? Ein klassischer, aber richtig guter Whodunit. (E.B.)

Denis Gastmann – Orientexpress

Rowohlt Berlin, 24 €

Er hat sich große Vorbilder gewählt. Nach Agatha Christies Detektiv Poirot begibt sich wieder jemand auf große Fahrt. Denis Gastmann reist auf den Spuren des Orient-Express von Paris nach Istanbul: fünftausend Kilometer, achtzehn Städte und zahllose Abzweige ins Abenteuer. Gastmann gerät ins Blitzlicht der Pariser Modewoche, wo ukrainische Mädchen in Couture von einer Zukunft fernab des Krieges träumen, wohnt bei einer Nonna, die ihn wie einen Sohn bekocht, und lernt von einer Gondoliera, die Stadt auf dem Wasser zu lesen.

Er trifft den Bürgermeister von Triest, einen Mann der Rechten, der an der Adria wie ein Kaiser regiert, und streichelt die Löwen eines Oligarchen aus den Kleinen Karpaten. Mal reist er im Zug, mal im Bus über die Dörfer, wenn die Gleise enden. Mit wachen Augen beobachtet Denis Gastmann einen Kontinent im Wandel und nimmt uns mit auf eine ganz besondere Reise. (E.B.)

Antoine Laurain – Fehlerhaft und wunderbar

Atlantik, 22 €

Hefte raus zum Diktat. Der Schrecken der Schulzeit holt Pierre gleich doppelt ein: Gerade ist die Unterzeichnung eines wichtigen Vertrags an ein paar Rechtschreibfehlern gescheitert, und dann kommt auch noch sein achtjähriger Sohn mit einem völlig verpatzten Diktat nach Hause. Eine Zumutung für die ohnehin angespannten Nerven von Pierre und Ehefrau Pauline. Doch dann finden sie einen überraschenden Umgang mit der Situation: Sie wollen ihrem Sohn zeigen, wie man es besser macht, und er darf ihnen den Text diktieren.

Dass das nicht fehlerfrei gelingt, versteht sich von selbst. Doch während beide über das ein oder andere Wort stolpern, weckt der eigentlich sinnfreie Text Erinnerungen daran, was sie einmal als Paar ausgemacht hat. Jeder Fehler bringt sie einander wieder einen kleinen Schritt näher. Ein kleines, raffiniertes Kammerspiel. Französisch charmant, humorvoll und fluffig-leicht wie ein Croissant, das trotzdem angenehm satt macht. (S.G.)

Yukihisa Yamamoto – Tokyo Flower Shop – Der kleine Blumenladen der Neuanfänge

Fischer, 22 €

Beim Lesen war es nur so ein Gefühl: Irgendwie gibt es seit einigen Jahren erstaunlich viele Bücher aus Japan, die sich wie eine Art Ratgeber in Romanform lesen: Gestresste Menschen, die – meistens im Beruf – unglücklich sind, entdecken einen besonderen Ort mit besonderen Menschen, die ihnen den Weg zu sich selbst weisen. Nach kurzer Recherche weiß ich: Es gibt dafür längst die westliche Sammelbezeichnung „japanische Wohlfühlromane“. Genau in diese Gattung fällt auch der „Tokyo Flower Shop“.

Eigentlich nicht schlimm, wären sich die Geschichten nicht doch recht ähnlich. Immerhin: Dieses Mal ist es keine Buchhandlung, kein Antiquariat und keine Bibliothek, in die es die angeschlagene Heldin verschlägt, sondern ein Blumenladen. Dort landet Kikuko Kimina, die mit 24 bereits emotional und körperlich ausgelaugt von den Anforderungen ihres Jobs ist, als Aushilfe. Während Kikuko die Sprache der Blumen lernt, beginnt sie auch, die unausgesprochenen Gefühle der Kunden zu verstehen, die den Laden besuchen oder Lieferung anfordern. Jeder Strauß enthält eine Geschichte, einen Wunsch, einen Moment der Heilung. Und auch sie selbst entdeckt langsam ihre eigenen Träume wieder. Für alle, die Blumen lieben, eine hübsche Lektüre mit Zusatzwert: Jedes Kapitel ist einer Pflanze – von der Chrysantheme bis zur Kirschblüte – gewidmet und so erfahren westliche Leser einiges darüber, wie Blumen auf Japanisch „sprechen“. (S.G.) 

Gerhard Henschel – Oma Jever

Hoffmann und Campe, 23 €

Der Autor hat einen Schatz gehoben, den es in Zeiten von SMS und WhatsApp so nicht mehr zu entdecken gibt. Als Telefonieren noch teurer Luxus und ans Internet noch gar nicht denken war, lief die Familienkommunikation über die Post. Und so kann Henschel anhand des erhaltenen Briefwechsels seiner Oma ein ganzes langes Leben rekonstruieren. Es entsteht ein „Briefroman“, der wie nebenbei von zwei Weltkriegen, ab und zu Inflation, der ersten Waschmaschine und der Mondlandung erzählt. Oma Jever, geboren 1906, gestorben 1996, hat einiges erlebt.

Ihre Biographie ist zugleich die Geschichte eines gelinde gesagt ereignisreichen Jahrhunderts, in dem Oma Jever Kinder großzog, Enkel betreute, Gäste bewirtete, Krisen meisterte und dabei stets den Herd im Blick behielt. (S.G.)

Philippe Djian – Offene Rechnung

Diogenes, 26 €

Nathans Journalistenlaufbahn ist an ihrem Tiefpunkt, genau wie seine Ehe mit Sylvia. Komplizierter wird die Situation noch durch die magnetische Wirkung, die seine Schwiegermutter Gaby auf ihn hat. Denn die ist nicht nur Dichterin, sondern auch Eigentümerin der Zeitung, für die Nathan arbeitet. Als eine ominöse Investorengruppe die Zeitung aufkaufen will, wittert Nathan seinen großen Scoop. Eine Frau mit Gedächtnisschwund bringt alles durcheinander, und langsam stellt sich die Frage, wer wem auf der Spur ist.

Aus meiner Sicht zählt „Offene Rechnung“ nicht zu Djians Meisterwerken. Dass er seine Leseschaft gern in seine Geschichten hineinwirft wie in das sprichwörtliche kalte Wasser, ist bekannt. Aber dieses Mal misslingt der Einstieg dermaßen, dass die Handlung mehr verwirrt denn fesselt. Auch bleibt er sich bei seinem Thema treu: die verbotene Begierde, der nachgegeben wird und zwangsläufig in einer menschlichen Tragödie mündet. (E.B.)

Antje Zimmermann – Das Event

dtv, 17 €

Hoffnungsvoll ist Kommissarin Leandra Kern aus Hamburg nach Helgoland gekommen, um sich in der Hochsee-Abgeschiedenheit ihren Lebenstraum zu erfüllen. Anders als  Kommissaranwärterin Maxi Adler, die nur sehr widerwillig und gezwungenermaßen an ihren Geburtsort zurückkehrt, um ihre Familie vor großem Unheil zu bewahren. Gemeinsam müssen die beiden unorthodoxen Frauen in einem dubiosen Mordfall ermitteln.

Ein verlassenes Hotel wird von einer Eventagentur als „Horrorhaus“ genutzt. Doch aus dem Nervenkitzel wird blutiger Ernst. Die Figuren agieren an manchen Stellen für mich nicht nachvollziehbar. Einige Erzählstränge wirken unfreiwillig satirisch überhöht. Ich habe den Thriller trotzdem gern gelesen, obwohl er mich an manchen Stellen etwas ratlos zurücklässt. (E.B.)

Titus Müller – Die geheime Mission

Heyne, 17 €

Die Romanidee ist wirklich spannend, aber leider gelang die Umsetzung nicht: Nela wächst als Tochter einer Kommunistin auf und hilft beim Aufbau in der Sowjetischen Zone. Vom Vater redet die Mutter nur verächtlich, er ist in ihren Augen ein Kollaborateur der Nazis. Nela trifft sich heimlich in Westberlin mit ihm. Je näher sie den Vater kennenlernt, desto mehr erfährt sie über ihn und die tragische Vergangenheit der Familie.

Und desto mehr muss sie ihre Ideologie hinterfragen. Als die Lage in den westlichen Sektoren Berlins sich weiter zuspitzt, gesteht ihr der Vater, für die CIA zu arbeiten, und macht sie zur Kurierin zwischen Ost und West. Bald steht Nela zwischen allen Fronten und muss entscheiden, wen sie künftig unterstützen will. Auch Erik, den sie in der Redaktion der „Jungen Welt“ kennenlernt, wirft Fragen auf. Wochenlang bleibt er verschwunden und offenbart ihr nicht, wo er war. Wem kann Nela noch vertrauen? Insgesamt wirkt die Handlung aus meiner Sicht sehr konstruiert, die Frauenfiguren sind recht eindimensional und die Dialoge hölzern. (E.B.)

Elizabeth Strout – Erzähl mir alles

Luchterhand, 25 €

Für Fans von Elizabeth Strout ist „Erzähl mir alles“ wie nach Hause kommen. Denn die Autorin kehrt an ihren bewährten Roman-Schauplatz, die Küstenstadt Crosby in Maine, zurück. Und man begegnet auch ihren Protagonisten Lucy Barton, Olive Kitteridge und Bob Burgess wieder. Diesmal steht der gutherzige und hilfsbereite Anwalt Bob im Mittelpunkt. Während er in einen Kriminalfall um eine verschwundene Frau verwickelt wird, vermittelt er einen Kontakt zwischen seiner guten Freundin Lucy Barton und der 90-jährigen Olive Kitteridge, die mittlerweile in einem Altenheim lebt.

Die beiden Frauen erzählen sich gegenseitig Geschichten, die gerade durch ihre Alltäglichkeit bestechen. Wie der Roman ohnehin von langen Spaziergängen und tiefgründigen Gesprächen lebt. Die Charaktere erzählen sich gegenseitig aus ihrem Leben, reflektieren über verpasste Chancen, alte Verletzungen und die menschliche Sehnsucht nach Nähe. Anstatt auf äußere Spannung setzt Strout auf die leisen, psychologischen Entwicklungen, wobei Themen wie Einsamkeit, Altern und die Suche nach dem Sinn des Lebens im Mittelpunkt stehen. Das titelgebende „Erzähl mir alles“ fungiert dabei als Metapher für die heilende Kraft des Zuhörens und Mitteilens. Strout gelingen dabei Sätze, die lange im Gedächtnis bleiben. „Erzähl mir alles“ fungiert als eine Art Cross-overdes Strout-Universums. Es führt alles Bisherige zu einer einzigen, eng verwobenen Geschichte zusammen. Für Einsteiger in den Crosby-Kosmos empfiehlt sich der Strout-Roman „Mit Blick aufs Meer“. (H.O.)

Fang Fang – Ich geh jetzt los und bring mich um

Hoffmann & Campe, 24 €

Es gibt sie, die scheinbar unbeachteten Leben, die kaum jemand wahrnimmt und die doch oft entscheidend sind für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft, das Funktionieren des Alltags und nicht zuletzt für die Reibungslosigkeit der Abläufe. He Hanqing führt so ein Leben. Nach ihrer Hochzeit lebt sie im Haushalt der Schwiegereltern, ihr Leben ist dabei eng getaktet durch die alltäglichen Pflichten mit Kochen, Putzen, Einkaufen, Ehe. Für eigene Bedürfnisse ist kein Platz, nicht mal für einen Gang zur Toilette.

Bin ich für diese Familie mehr als eine kostenlose Haushaltshilfe, um nicht zu sagen Sklavin? He Hanqing fasst einen radikalen Entschluss. Doch immer wieder wird sie durch die alltäglichen Anforderungen dabei unterbrochen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Was hier beinahe grotesk-lustig klingt, hat doch einen gesellschaftlich tieferen Hintergrund. Der Chinesin Fang Fang ist mit diesem kurzen Roman ein verwegener, kühner und aufrüttelnder Text gelungen, der aufhorchen lässt. (H.O.)

Jochen Missfeldt – Abschiedssommer

dtv, 23 €

Sommer 1959, der Krieg ist erst 14 Jahre vorbei – eine halbe Generation sozusagen. Der junge Gustav Hasse, Pianist in einer Swing- und Rock ’n’ Roll-Band verbringt seine Sommerferien auf einem Campingplatz in der Geltinger Bucht. Seine Gedanken und Träume schweifen zu Johanna, der Tochter einer aus Ostpreußen stammenden Miederwarenverkäuferin. Alles könnte schön sein in dieser sich anbahnenden Liebe, hätte er ihr nicht in einem Anfall von Eifersucht eine Ohrfeige verpasst.

Das geht ihm nach, er fühlt sich zu Recht schuldig Doch was heißt Schuld in diesen Tagen? Sein Kunstlehrer heißt Gerhard Fritz Hensel, dessen Schwester mit Rudolf Höß, dem Auschwitz-Kommandanten verheiratet war. All das ist verdrängt und weiß kaum noch jemand. Missfeldt gelingt es, die Atmosphäre dieses zarten und doch so vernarbten Sommers kongenial einzufangen. Was bisweilen stört, sind Dialoge, die Missfeldt in Form eines Theaterstücks angeordnet hat und bei denen  man sich fühlt, als müsse man mit verteilten Rollen lesen wie bei der Lektüre eines alten Reclam-Heftes. Aber wie Missfeldt  Stimmung und Lebensgefühl der späten 50er Jahre erspürt und darstellt, das ist absolut gelungen! (H.O.)