
Lisa Ridzén – Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
btb, 24 €
Ich habe selten ein traurigeres und beeindruckenderes Buch gelesen. Und darum geht’s:
Bo ist 89, und ihm läuft die Zeit davon. Andererseits ist Zeit wenigstens etwas, das er noch zur Genüge hat. Denn seit seine Frau in einem Pflegeheim für Demenzkranke lebt, sind Bos Tage viel zu lang. Seine Kontakte beschränken sich auf seinen Hund Sixten und die täglichen Besuche vom Pflegedienst. Hans, sein Sohn, kommt dagegen nur selten vorbei und traut ihm vor allem gar nichts mehr zu. Jetzt will er ihm auch noch den Hund wegnehmen.
Dabei braucht Bo seinen geliebten Vierbeiner so dringend wie noch nie. Warum versteht das niemand? Der drohende Verlust seines Hundes bringt Bo dazu, die Schlüsselmomente seines Lebens zu überdenken. Mit viel Feingefühl zeichnet Lisa Ridzén nach, wie es sich anfühlt, alt zu sein. Wenn die körperlichen und geistigen Kräfte schwinden und Vergangenes mit Gegenwärtigem verschwimmt. Meisterhaft geschrieben. Unbedingt lesen! (E.B.)
Gudrún Eva Mínervudóttir – Überlebensstrategien
btb, 14 €
Dafür, dass die Insel vergleichsweise klein ist, gibt es erstaunlich viele hochkarätige isländische Autorinnen und Autoren. So wie die Trägerin des isländischen Literaturpreises, die für ihre Kreativität und Originalität geschätzt wird. Ihr aktueller Roman verknüpft vier Lebensgeschichten, die jede für sich auch einzeln berühren. Der Zufall bringt die völlig verschiedenen Menschen zusammen, deren einzige Gemeinsamkeit ihre Einsamkeit ist. Borghildi ist gerade Witwe geworden, Computernerd Árna kämpft mit Übergewicht und Antriebslosigkeit, Teenager Hanna fühlt sich nach dem Umzug mit ihrer Familie entwurzelt, und der elfjährige Aron lebt mit seiner depressiven Mutter zusammen.

Als sich ihre Wege kreuzen, bringt das für jeden von ihnen einen kleinen Hoffnungsschimmer. Einziges Manko: Das Buch endet recht abrupt, man hätte gerne gewusst, wie es mit den vier Lebensgeschichten weitergeht. (S.G.)

Jürgen Reitemeier/Wolfram Tewes – Heiße Luft
Pendragon, 15 €
Das lippische Autorenduo Tewes/Reitemeier hat wieder zugeschlagen. Profitgier, familiäre Zwistigkeiten, inkompetente Kommunalpolitik und zwielichtige Grundstücksgeschäfte mit Windparks sind die Zutaten für Ex-Kommissar Jupp Schultes neuen Fall. Dabei sind es nicht erneuerbare Energien, sondern allenfalls kriminelle Energie, die hier im Übermaß vorhanden ist. Am Abend der Bundestagswahl fackelt ein Haus ab, ein guter Freund als alten Tagen überlebt den Brand nicht. Schulte glaubt nicht an einen Unglücksfall, zumal genau auf dem Grundstück der abgebrannten Hausruine ein neuer Windpark geplant ist.
Zu allem Überfluss streiten sich noch Witwe und Schwiegermutter um das Erbe. Die wahren Hintermänner und ihre skrupellosen Absichten werden erst nach und nach enttarnt. Das ist gut aufgebaut und liest sich durchweg spannend. Für vergnügliche Gemütlichkeit sorgen außerdem viel Lokalkolorit und lippische Sprachperlen wie „dat chibt ne chute Suppe“. Da verzeiht man direkt, dass ein italienischer Protagonist im Roman ausgerechnet Bruno Bruschetta heißen muss. (H.O.)
Andreas Izquierdo – Über die Toten nur Gutes
Dumont, 18 €
Auch mal ein interessanter Ansatz: Ein Trauerredner als Ermittler. Daraus ließen sich faszinierende
Plots stricken. Doch der Autor verplempert seine Idee durch bemüht komödiantische Einlagen auf unterem Cosy-Crime-Niveau. Das Personal stellt sich aus den üblichen überzeichneten Charakter-Karikaturen zusammen: eine ewig schlecht gelaunte Kommissarin, ein hyperaktiver Vater, undurchsichtige Freunde, eine Malteserhündin als nervende Fußhupe, ein Bösewicht aus der Klischeeanstalt und mittendrin: Mads Madsen, der Trauerredner, in Wirklichkeit aber ein Trottel vor dem Herrn. Wie naiv er in gefährliche Situationen stolpert, ist von stupender Blödheit.

Dementsprechend knapp schlittert er oft am Tod vorbei, was uns als Leser auch nicht weiter jucken würde, träte der Todesfall denn ein. Gestorben wird reichlich, aber der dumme Held überlebt. Wie wäre es, wenn der Autor, der doch eigentlich ein Guter ist, seine eigene Idee, einen Trauerredner als Protagonisten zu installieren, wirklich ernst nehmen und für überzeugende Plots nutzen würde? Ach ja, und noch was: Muss der SPIEGEL eigentlich auf gefühlt jedes Buch seinen „SPIEGEL Bestseller-Autor“ Aufkleber applizieren? Das Ding ist mittlerweile sowas wie das Arschgeweih zeitgenössischer Literatur. (H.O.)

Ursula K. Le Guin – Der Tag vor der Revolution
Tor, 36 €
Fünfundzwanzig Science-Fiction-Geschichten aus vier Jahrzehnten in einer Neuübersetzung von Karen Nölle legt hier der Tor Verlag vor und würdigt damit eine Ikone des Genres. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat Ursula K. Le Guin die Science-Fiction-Szene ordentlich aufgemischt und durch ökologische und feministische Themen bereichert. Mit ihrem unverwechselbaren Stil hat sie sich eine treue Leserschaft erschrieben und zahlreiche Autor*innen beeinflusst. Viele der hier neu übersetzten Storys waren noch nie oder sind schon seit langem nicht mehr auf Deutsch erhältlich. Der vorliegende Band ist nicht nur für Fans ein Lesegenuss.
Sharon Bolton – Das Böse nebenan
Goldmann, 14 €
Anna Brown braucht dringend einen Neuanfang, deshalb zieht sie in die idyllische englische Kleinstadt St. Abel’s Chapel und eröffnet dort eine Konditorei samt Café – unter den wachsamen Augen der Nachbarschaft, von der sie sich skeptisch beäugt fühlt. Schon bald weiß Anna mit ihren kunstvollen Leckereien zu überzeugen und kommt allmählich zur Ruhe, bis ein 16-jähriges Mädchen plötzlich bei ihr im Café auftaucht und um Hilfe bittet. Offenbar völlig verängstigt von dem alljährlich am See stattfindenden Camp einer christlichen Gemeinde. Schon bald erfährt sie, dass in den letzten Jahren drei 16-jährige Mädchen spurlos verschwunden sind. Das ganze Dorf weiß davon, doch niemand spricht darüber. Anna will das Mädchen retten und bringt sich dabei in höchste Gefahr. Sharon Bolton ist eine Meisterin darin, die Leserschaft aufs Glatteis zu führen. Ungemein spannend. (E.B.)


Michael Kleinherne – Nike
Kulturmaschinen, 16 €
Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht? Wie unterhaltsam dieses uralte Thema der Menschheitsgeschichte ist, zeigt Kleinherne in seinem Roman Nike. Was ist geschehen? Thomas aus München lernt bei einem Theaterworkshop die Berlinerin Nike kennen. Wieder zu Hause schreiben sie sich Mails, durch die sie sich schnell näher kommen. Beide leben mit anderen Partnern zusammen. Dennoch wollen sie sich so bald wie möglich wiedersehen und ein stetes Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz, aber auch von Vertrauen und Verrat beginnt.
Nicci French – Finstere Schatten
C. Bertelsmann, 17 €
Nancy führte ein Leben auf der Überholspur – doch dann der psychische Zusammenbruch. So heftig, dass sie in eine Klinik eingeliefert werden musste. Allmählich erholt sie sich – auch mit Hilfe ihres Partners Felix. Doch so ganz verstummen die Stimmen in ihrem Kopf nicht. Auch finanziell ist das Paar nicht auf Rosen gebettet. Sie müssen innerhalb Londons in eine kleine, schäbige Wohnung ziehen; in einem Haus, in dem die Wände aus Papier sind und die Nachbarschaft alles mitbekommt. Kurze Zeit nach ihrem Umzug wird ihre Nachbarin Kira tot aufgefunden.

Offenbar hat sich die junge Frau erhängt. Nancy glaubt nicht an die Selbstmord-Theorie der Polizei und versucht herauszufinden, was ihrer Meinung nach wirklich passiert ist. Felix und die gesamte Nachbarschaft versuchen sie davon abzuhalten – in der festen Überzeugung, dass Nancy unter Wahnvorstellungen leidet. Dass sie nicht ernst genommen wird, treibt sie erst recht an den Rande der Verzweiflung. Was ist echt, was Einbildung? Und wem kann sie überhaupt noch trauen? Sich selbst? Ein großartig geschriebener Psycho-Thriller. Beklemmend und spannend bis zur letzten Seite. (E.B.)

Søren Sveistrup – Der Kuckucksjunge
Goldmann, 17 €
Hab dich. Das ist die letzte Nachricht auf Silje Thomsens Handy, ehe die geschiedene Mutter an einem verregneten Februartag in Kopenhagen spurlos verschwindet. Kommissarin Naia Thulin ist sofort alarmiert. Denn genau diese Botschaft bekam auch eine 19-jährige Schülerin, kurz bevor sie ermordet wurde. Steckt derselbe Täter dahinter? Naia muss ausgerechnet mit Mark Hess zusammenarbeiten, den sie nach ihrem letzten gemeinsamen Fall um den „Kastanienmann“ nicht mehr wiedersehen wollte und mit dem sie eine gemeinsame Geschichte teilt.
Doch bevor sie einer ersten Spur folgen können, wird eine brutal zugerichtete Frauenleiche gefunden – und es gibt einen neuen Vermisstenfall. Die letzte Nachricht auf dem Handy des Verschwundenen: Hab dich … Nicht immer gelingt es erfolgreichen Drehbuchautoren auch gute Romane zu schreiben, aber Søren Sveistrup kann es einfach. „Der Kuckucksjunge“ ist temporeich, voller überraschender Wendungen und man fiebert mit den Ermittlern mit. Kommen sie dieses Mal rechtzeitig? (E.B.)