Was gibt es Neues nach der Buchmesse in Leipzig?

Sven Stricker – Sörensen geht aufs Haus

rororo, 15 €

Der sechste Sörensen-Band ist wieder eine Klasse für sich. Lakonisch, zuweilen philosophisch und mit unschlagbar witzigen Dialogen. Eine Mischung, die ihresgleichen sucht. In seinem neuesten Fall trifft Sörensen seinen ehemals besten Freund namens Schiefel aus Schulzeiten wieder. Erinnerungen – und nicht nur gute – kochen hoch. Zugleich muss er zusammen mit Jennifer einen Cold Case untersuchen. Denn in Schiefels Garten werden menschliche Knochen gefunden. Handelt es sich um die Überreste eines vor Jahren verschwundenen Mädchens?

Alles ist anders, als es auf den ersten Blick scheint. Und dann wäre noch der kranke Vater, den Sörensen bei sich aufgenommen hat, ein Date, dabei weiß Sörensen gar nicht, wie das geht – daten. Und auch Jennifer stellt ihn vor neue Herausforderungen. Absolute Leseempfehlung. (E.B.)

Frank Goosen – Lovely Rita

KiWi, 23 €

Ein Kneipenroman der besonderen Art, denn „Lovely Rita“ zeichnet die Lebensgeschichte von drei unkonventionellen Frauen nach: Chris, die kaum volljährig das Kaff, wie sie es nennt, gar nicht schnell genug verlassen kann und ihre Schwester Rita, die das „Haus Himmelreich“ jahrzehntelang führt, obwohl sie mit ihrem Leben ganz andere Pläne hatte, auch noch die Verantwortung für ihre Tochter Verena aufbürdet. Jetzt sind die Protagonistinnen und auch die Stammgäste älter geworden – und Rita will den Schlüssel umdrehen. Reicht jetzt mit Kneipe. Das ist der Anlass für den Ich-Erzähler, der mit dem Verfassen eines Artikels beauftragt wird, die letzten beiden Tage des „Himmelreichs“ live zu begleiten. Bald schon ist klar: Das wird kein Zeitungsartikel, sondern ein ganzes Buch.

Mit viel Sympathie für seine Figuren und einer gehörigen Portion Selbstironie des nicht ganz unbeteiligt wirkenden Ich-Erzählers entwirft Frank Goosen ein ganzes Pott-Universum, das sich vordergründig am Tresen einer legendären Eckkneipe, wie es sie heute nur noch selten gibt, abspielt. Er zeichnet Stammgäste, die  zum Inventar gehören und Geschichten erzählen, die ungeschminkt und zuweilen brachial ehrlich um die Ecke kommen. Wobei im Laufe der Jahre der Wahrheitsgehalt vielleicht etwas verwässert. Darauf ein Gedeck! Aber bevor das Pils getrunken wird, gehört es selbstredend erst einmal geerdet. (E.B.)

Daniel Speck – Villa Rivolta

S. Fischer Verlag, 25 €

Zwei Kinder im Garten einer Mailänder Villa: Piero, der selbstbewusste und unbekümmerte Sohn des großbürgerlichen Automobilunternehmers Renzo Rivolta. Und Valeria, die eigensinnige Tochter des Dienstmädchens. Sie versprechen sich, Freunde fürs Leben zu werden. Verbunden durch ein altes Familiengeheimnis erleben sie eine Jugend in den goldenen 1960er Jahren Italiens: Mailands mondäne Eleganz zwischen Dolce Vita und kultureller Revolution. Aus Kindern werden Leute, aber wird aus Freundschaft Liebe?

Mit unbändiger Lust an Geschichte(n) erzählt Daniel Speck von den großen Themen und ganz nebenbei auch von einer Gesellschaft zwischen Evolution und Revolution. Mit einer Leidenschaft für seine Charaktere, die er der Leserschaft so nahebringt, als säßen Valeria und Piero mit am eigenen Frühstückstisch. Unbedingt lesen! (E.B.)

Ruth Ware – The Woman in Suite 11

dtv, 17 €

Nach ihrem Bucherfolg über die traumatischen Erlebnisse auf einem Kreuzfahrtschiff vor vielen Jahren und der Geburt ihrer beiden Kinder hat die Reisejournalistin Lo Blacklock karrieremäßig den Anschluss verpasst. Da kommt eine Presseeinladung zur Eröffnung eines Luxushotels in der Schweiz gerade recht. Das Hotel am Ufer des Genfer Sees ist traumhaft und Lo hofft, dort ein Interview mit dem exzentrischen Hotelbesitzer Marcus Leidmann ergattern zu können, für den sich die „Financial Times“ interessieren könnte. Als sie eines Nachts überraschend in sein Hotelzimmer eingeladen wird, ist Lo zwar skeptisch ob der ungewöhnlichen Uhrzeit – ihre Neugier aber ist stärker. Doch es ist nicht Leidmann, der sie empfängt, sondern eine Person, die Lo nie wiedersehen wollte und dennoch bereit ist, ihr zu helfen.

Ein hoch spannendes „Katz und Maus“-Spiel beginnt. Ein Psycho-Thriller mit großartigen Twists. Leider spoilert die Autorin an drei Stellen selbst, was der Spannung schadet. Trotzdem sehr lesenswert. (E.B.)

Birgit Birnbacher – Sie wollen uns erzählen

Zsolnay, 24 €

Eigentlich nicht das passende Buch zur Osterzeit, denn der Unfall mit einem Hasen, der sich als roter Faden durch den Roman zieht, ist ganz und gar nicht schön. Was genau sich auf dem Schulbauernhof abgespielt hat, enthüllt sich nach und nach und ist der Aufhänger für eine Geschichte über Vertrauen in der Familie. Was kann ich erzählen, was verschweige ich? Wie finden wir uns wieder, wenn wir uns verloren haben? Birgit Birnbacher ist ein berührendes Porträt einer Mutter-Sohn-Beziehung gelungen, die unter schwierigen Vorzeichen steht. Was heute „neurodivers“ heißt, war während der Kindheit der Mutter einfach nur ein wildes, anstrengendes Kind.

Der Sohn dagegen hat die Diagnose „ADHS“, die ihm vielfach im Wege steht. Wie beide damit umgehen, beschreibt die Autorin lakonisch und geerdet. Einfach nah dran am echten Leben. (S.G.)

Jørn Lier Horst & Jan-Erik Fjell – Hörst du den Schrei?

Blanvalet, 17 €

Das Krimi-Duo weiß, welche Zutaten ein guter Spannungsroman braucht. Mit Markus Heger haben Jørn Lier Horst & Jan-Erik Fjell einen interessanten Ermittler ins Rennen geschickt. Der Krimi-Podcaster plant eine Serie über die vor fünfzehn Jahren verschwundene Leah. Obwohl ihre Leiche nie gefunden wurde, kam Leahs Vater Tobias für den Mord seinerzeit ins Gefängnis. Kurz vor seiner Entlassung nimmt er sich das Leben. Eine junge Journalistin, die sich für den Fall interessiert, findet heraus, dass Leahs Vater kurz vor seinem Tod einen Anruf erhalten hat. Bevor Markus Kontakt zu ihr aufnehmen kann, verschwindet sie spurlos.

Seine Neugierde ist geweckt. Hat die Polizei damals den Falschen verhaftet? Der erste Band der neuen Reihe um Krimi-Podcaster Markus Heger macht Lust auf mehr. (E.B.)

Florian Knöppler – Mit dem ersten Licht

Pendragon, 24 €

Kann man heute eine Liebesgeschichte noch so schreiben wie dieser versierte Erzähler? Ohne New-Adult-Kitsch, ohne Fantasy-Ornamentik, ohne Einhörner- und Drachen-Romantik? Sondern einfach so. Ohne großen Seelenschmalz, eben erwachsen? Florian Knöppler kann’s jedenfalls und er gewinnt auf ganzer Linie. Die Geschichte ist beileibe nicht spektakulär. In die Klasse des 14-jährigen Arne kommt zum neuen Schuljahr die ebenso alte Laura, die ihn auf Anhieb fasziniert. Doch das Näherkommen ist nicht einfach.

Laura ist ein ernster Typ, mit dem üblichen Geflirte kommt man da nicht weiter. Zudem scheint sie in einem belasteten Familienumfeld groß zu werden. Auch wenn die beiden Außenseiter spüren, dass sie im Grunde Seelenverwandte sind, bleibt immer eine gewisse Restdistanz. Es müssen einige Jahre ins Land gehen, bevor sich die Hindernisse auflösen. Das Besondere an dieser Lovestory ist ihre Glaubwürdigkeit. Kein erotisch getriebener Sturm und Drang, sondern filigraner Zauber, der immer wieder mit Zögern und Zweifeln durchsetzt ist. Knöppler gelingt es, die Reifung der beiden Charaktere authentisch zu schildern. Dazu gehört eine Menge erzählerische Klugheit. (H.O.)

Guy Helminger – Gebäude für Breitengrade

Elif-Verlag, 22 €

Dies ist bereits der achte Gedichtband des Luxemburger Poeten und er öffnet eine Vielzahl neuer Perspektiven, Erkenntnisse und Sprachabenteuer. Kopfüber stürzt sich Helminger oft in seine Gedichtanfänge: „Es gab hier viele Liebespaare erste/ Rendezvous beschattet von Erwartungen“ heißt es in dem Gedicht „Stilleben“ und weiter: „Nun ist Herbst Aus den Sprinkleranlagen / der Buchen regnet es Vögel // Ein Obdachloser liegt wie ein Briefbeschwerer auf den Botschaften der Parkbank“ // Zugegeben, leichte Zugänglichkeit geht anders. Wie bekommt er diese Verse in einen Sinnzusammenhang? Aber darum geht es Helminger gar nicht.

Für die seinerzeit im Deutschunterricht so bevorzugte schlüsselfertige Interpretation sind diese Gedichte nicht gemacht. Aber sie überraschen mit Bildern und Metaphern, die man nicht vergisst. Wenn man zukünftig mal einen Obdachlosen auf einer Parkbank liegen sieht, wird einem der eindrückliche Vergleich mit einem Briefbeschwerer im Gedächtnis bleiben. Ein anderes Gedicht beginnt mit dem formidablen Einstieg: „Ein lakritzfarbener Wagen öffnet den Nachmittag // während wir so herumstehen und auf den Tod warten“ // Überraschung und Verblüffung sind die Kernelemente von Helmingers Poesie. Diese Gedichte öffnen Möglichkeiten, mittels Sprache wieder das Staunen zu lernen. (H.O.)

Megan Miranda – Die Tochter

Penguin Verlag, 16 €

Die Sonne brennt, der Pegel sinkt. Ausgerechnet am Tag der Trauerfeier für Perry Holt wird ein Auto aus dem Mirror Lake geborgen. Und während die Kleinstadt um den allseits respektierten Detective trauert, wird in Ufernähe seines Hauses ein weiteres Wagenwrack gefunden. Glücklicherweise keine Leichen. Trotzdem ein gefundenes Fressen für die Gerüchteküche. Derweil fragt sich Perrys Tochter Hazel, die die Stadt schon vor Jahren hinter sich gelassen hat, warum ihr Vater ausgerechnet ihr das Haus vermacht hat, während ihre beiden Brüder leer ausgingen.

Ähnlich wie der See, der mit jedem Tag mehr Geheimnisse an die Oberfläche befördert, kommt in der Familie Holt so einiges, das vor Jahren unter den Teppich gekehrt wurde, wieder zum Vorschein. Wird Hazel auch eine Antwort darauf finden, warum ihre Mutter sich seinerzeit ohne sie aus dem Staub gemacht hat? Eine spannende Story voller überraschender Wendungen in einem stimmungsvollen Setting. (E.B.)

Kurt Prödel – Salto

park x ullstein, 22 €

Die Schule ist vorbei. Marko hat das beste Abi der Stufe, trotzdem reicht es nicht für seinen Traum vom Medizinstudium. Auch die Beziehung mit Claire geht zu Ende. Sie will nur noch raus aus der Kleinstadt, rein ins richtige Leben. Marko hingegen versackt zwischen TikTok und Zukunftsangst im tristen Wohnblock. Bis sein Vater einen Ausweg findet: ein Studium in Ungarn. Doch das ist teuer, aber sein Vater ist bereit, die ganzen Ersparnisse der Familie dafür auf den Tisch zu legen. Doch in Budapest gehört Marko, das Arbeiterkind, nicht richtig dazu, seine Kommilitonen sind allesamt aus besserem Stall – und ziemlich versnobt.

Jetzt bräuchte er dringend Claire an seiner Seite, doch die hat ebenfalls mit sich zu kämpfen. Bald merken beide, dass häufig der beste Plan im Leben schnell obsolet werden kann und nicht jeder Traum ist es wert, auf Biegen und Brechen daran festzuhalten. Leben ist anders – turbulent und überraschend. Und manchmal landet man nach einem Salto wieder auf beiden Füßen. Ein berührendes Buch, eine zarte Liebesgeschichte – wunderbar unaufgeregt erzählt. (E.B.)