Reichlich Lesestoff für stürmische Herbsttage.

Caroline Wahl – 1999 Meter über dem Meer
Rowohlt, 24 €
Was tun, wenn einem alle Möglichkeiten offenstehen – und trotzdem nichts richtig passt? Caroline Wahls schickt Samara auf einen ziemlich ungewöhnlichen Selbstfindungstrip: Bali hat nicht die erhoffte Erleuchtung gebracht und der Job in einer Berliner Agentur war einfach nur öde. Jetzt weiß sie ziemlich genau, was sie nicht will. Nur beim Rest wird es schwierig. Also geht’s mit einem alten Auto und orange gefärbten Haaren gen Süden. In St. Moritz trifft sie einen attraktiven Mann wieder und gibt sich kurzerhand als erfolgreiche Künstlerin aus. Eine Hochstaplerin will sie trotzdem nicht sein – eher eine Frau, die ausprobiert, wer sie sein könnte. Je länger das Spiel mit den Identitäten dauert, desto deutlicher wird allerdings, dass grenzenlose Freiheit allein nicht glücklich macht.
Caroline Wahl erzählt Samaras Suche nach der eigenen Identität mit viel Tempo und einem guten Gespür für die Absurditäten ihrer Generation. Das ist mitunter urkomisch, manchmal herrlich schräg und zugleich präzise beobachtet: Hinter den unzähligen Möglichkeiten lauert der Druck, daraus gefälligst ein möglichst „cooles“ Leben zu machen. Die Geschichte ist deshalb mehr als ein Roadtrip – sie erzählt von der Überforderung durch die Freiheit. Soghaft, unterhaltsam und mit einer Heldin, der man beim Scheitern und Weitersuchen gern folgt. Lesen! (E.B.)
Tan Twan Eng – Die Gabe des Regens
Dumont, 26 €
Penang, 1939: Der 16-jährige Philip Hutton fühlt sich als Halbengländer und Halbchinese selbst in seiner privilegierten britischen Familie wie ein Fremder. Erst die Freundschaft mit dem deutlich älteren japanischen Diplomaten Hayato Endo gibt ihm das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Endo führt ihn in die Kunst des Aikido ein, Philip zeigt ihm seine Heimatinsel. Doch ausgerechnet diese Verbindung wird zur Falle. Als Japan Malaya besetzt, entdeckt Philip, dass sein Lehrer ein japanischer Agent ist. Seine Loyalität gerät in einen unauflösbaren Konflikt: Schweigt er, macht er sich zum Mitwisser – spricht er, bringt er Menschen in Gefahr, die ihm nahestehen.

Tan Twan Eng verbindet in seinem Debütroman eine persönliche Geschichte über Freundschaft, Verrat und Loyalität mit einem wenig bekannten Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Dabei entfaltet sich Penang fast wie eine eigene Figur: Die feuchte Hitze, die üppige Landschaft und die melancholische Stimmung sind sinnlich und poetisch eingefangen. Manchmal gerät die Fülle historischer Informationen etwas schwergewichtig, doch gerade die Verbindung von großer Geschichte und persönlichem Schicksal macht den Roman eindringlich. Eine atmosphärische, vielschichtige Lektüre über Zugehörigkeit und die Frage, wie man unter widrigsten Umständen Haltung bewahren kann. (E.B.)

Lena Schätte – Das Schwarz an den Händen meines Vaters
S. Fischer, 24 €
Motte hat zwei Väter: den einen, der schnell rennen kann, auf jede Frage eine Antwort weiß und beim Versteckspiel unschlagbar ist. Und den anderen, der trinkt, bis er nicht mehr weiß, was er tut. Lena Schätte erzählt aus der Perspektive der Tochter von einer Kindheit, in der beides zusammengehört: Liebe und Angst, Nähe und Fremdheit, Zusammenhalt und Überforderung. Als der Vater unheilbar an Krebs erkrankt, beginnt Motte, Bilanz zu ziehen – über ihn, über ihre Familie und über den eigenen Umgang mit Alkohol. Denn längst trinkt auch sie zu viel. Lena Schätte erzählt schnörkellos und mit einer bemerkenswerten Nüchternheit von einem Leben in einfachen Verhältnissen, ohne ihre Figuren darauf zu reduzieren. Gerade darin liegt die Wucht dieses Romans: Er urteilt nicht, beschönigt aber auch nichts. Zwischen schwarzem Humor und tiefer Beklemmung entsteht das Porträt einer widersprüchlichen Vater-Tochter-Beziehung – rau, zärtlich und schmerzhaft ehrlich. Ein Roman über die schwierige Kunst, einen Menschen zu lieben, von dem man sich zugleich lösen muss. Ab 7.10. auch als Taschenbuch erhältlich. (E.B.)
Simon Urban – German Glück
KiWi, 24 €
Wir haben es alle schon immer geahnt: Den Deutschen fällt das Glücklichsein einfach schwer. Insbesondere denen, die sich um Materielles keine Sorgen machen müssen. Wellness und Daydrinking sollen Abhilfe schaffen und diesen schweren, auf der Seele lastenden Mantel der Melancholie lüften. Simon Urban seziert sieben unterschiedliche Charaktere, die in einem Luxusresort in Mecklenburg-Vorpommern aufeinanderprallen. Roger Ross‘ Tesla geht in Flammen auf. Frisch gefeuert und ohne Gepäck, flieht er in das Fünf-Sterne-Superior namens „Eden“ und erfindet sich radikal neu. Ein Comeback will auch die von einem Shitstorm verbrannte Comedienne Sandra. Einem älteren Tabakmanager kommt die Orientierung abhanden, weil er seine Frau an den Klimaaktivismus verloren hat und sie mit seinem besten Freund in der ganzen Republik demonstriert – und zwar nackt.

Außerdem gibt es noch die skurrilen Zwillingsbrüder, die auf Mutters Kosten leben, die Direktorin, die viel lieber in Miami denn in MacPom wär und ihre Assistentin, die mit einem mörderischen Plan das Hotel vor dem Untergang retten will. Viel Stoff für eine bitterböse Tragikomödie, aus der nicht alle unversehrt herauskommen. Schicht für Schicht entblößt Simon Urban mit spitzer Feder den schönen Schein. (E.B.)

Faith Hogan – Der Ladys Midnight Swimming Club
atb, 14 €
In einer sehr kleinen Stadt an der irischen Westküste ticken die Uhren noch etwas anders. Jeder kennt jeden. Das kann Segen und Fluch zugleich sein. Nach dem Tod ihres Mannes, des einzigen Hausarztes weit und breit, stellt Elizabeth fest, dass nicht nur ihre Ehe, sondern auch das vermeintlich finanziell solide Fundament der Beziehung eine Farce war. Kurz: Sie steht mit einem Haufen Schulden da und es droht sogar der Verlust des Hauses. Nur ihre Freundin Jo weiß Bescheid. Während nächtlicher Schwimmausflüge im Meer und langer Gesprächen entsteht zwischen den Frauen eine tiefe Verbundenheit. Und wie das Leben so spielt, braucht Jos Tochter Lucy dringend einen Tapetenwechsel, sie hat die Nase vom Dubliner Klinikalltag voll. Und sie wäre die ideale Besetzung für die Nachfolge in der Landarztpraxis, wäre da nicht Lucys pubertierender Sohn, der vom Leben in der Provinz naturgemäß wenig hält.
Als die energische Jo schwer erkrankt, rufen Elizabeth und Lucy ein Herzensprojekt ins Leben, das alle Bewohner des Ortes zusammenbringt. Ein herzerwärmendes Buch, das von einem Sprung ins kalte Wasser handelt – im übertragenen und im ganz konkreten Sinne. Die ideale Geschichte für graue Herbsttage. (E.B.)
Per Petterson – Nach Hause kommen
Hanser, 24 €
Alles beginnt mit einem Wildunfall an einem dunklen Novemberabend in Südnorwegen. Kasper, der Ich-Erzähler, hat sein Auto gerade von der Inspektion abgeholt und nun läuft ihm in der Dämmerung ein Reh vor den Wagen. Doch die Ricke ist noch nicht tot, sie bewegt sich noch, zuckt. Kasper setzt sich neben sie und spricht mit ihr. Als er zu seinem Auto geht, um die Forstaufsicht anzurufen, rafft sich das Reh noch einmal auf und verschwindet humpelnd über die Felder. Das Erlebnis sitzt bei Kasper tiefer als er zunächst glaubt und es setzt etwas in Bewegung in ihm. Das regelmäßige Leben, die Sicherheit ist plötzlich weg. Er verliebt sich in Signe, die seine Gefühle erwidert. Das gesteht er auch ganz offen seiner Frau Inger, mit der er zwei Kinder hat. Die reagiert erstaunlich gelassen, beinahe verständnisvoll. Der Schwebezustand zwischen zwei Menschen, die er liebt, ist für Kasper zunächst aufregend neu. Doch ergeben sich bald Spannungen, das Gefühlskonto ist für alle Beteiligten hoffnungslos überzogen.

Mehr sei an dieser Stelle aber nicht verraten. Per Petterson hat einen lakonischen, fast lapidaren Sprachstil und doch lernt man in diesem Roman mehr über Liebe, Nachsicht, Großmut und die Ungeduld des Herzens, als man in vielen als „romantische Lektüre“ apostrophierten Werken jemals erfahren wird. (H.O.)

Woody Brown – Ein ganz normales Wunder
KiWi, 22 €
In einer Tagesstätte für Menschen mit Behinderung begegnen sich Schicksale, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist Carlos, der Pfleger mit unerschütterlichem Optimismus, der wortlose Tom, der sich nach einer unerreichbaren Liebe sehnt, und Walter, der nach einem schweren Schicksalsschlag versucht, sein Leben neu zu ordnen. Aus diesen Begegnungen entsteht ein stiller, berührender Roman über Nähe, Verlust und die erstaunlichen Verbindungen zwischen Menschen. Woody Brown, selbst Autist und erster nicht-sprechender autistischer Absolvent der University of California, erzählt mit großer Feinfühligkeit, trockenem Humor und einem bemerkenswerten Blick für die kleinen Absurditäten des Alltags. Dabei vermeidet er jede Rührseligkeit. Ein ganz normales Wunder ist ein warmherziger Roman, der seine Figuren nicht über ihre Einschränkungen definiert, sondern über ihre Sehnsüchte, Eigenheiten und ihren Lebenswillen. Ein leises Buch – und gerade deshalb eines, das lange nachwirkt. (E.B.)
Alexander Häusser – Kurze Tage des Glücks
Pendragon, 22 €
Bremerhaven, Anfang der 30er Jahre, die Nationalsozialisten übernehmen auch hier die Macht. Der Druck der Umbruchphase und das immer enger werdende politische Klima sind allenthalben zu spüren. Annegret und Richard könnten eigentlich privates Familienglück genießen, zumal sie mit Karl einen kleinen Sohn haben, den sie über alles lieben. Doch das Kind wird von einem Auto angefahren und kommt dabei ums Leben. Die Eltern sind untröstlich, vor allem Annegret driftet in eine tiefe Depression. Zudem entfremdet sich das Paar, denn beide trauern unterschiedlich. Richard flieht vor dem Schmerz, Annegret versinkt darin. Ein anderer Mann taucht auf, er tröstet Annegret und sie erwidert allmählich seine Avancen. Doch Richard kommt zurück, er will einem Freund helfen, der unter dem Druck der neuen politischen Verhältnisse steht. Eine Entscheidung steht an und die Situation spitzt sich auf vielen Ebenen zu.

Alexander Häusser hat ein untrügliches Gespür für die Psychologie seiner Figuren, er findet die genau passende Sprache für ihre Emotionen und Handlungsweisen. Und er zeigt in diesem 160-Seiten-Roman einmal mehr auf beeindruckende Weise, wie auch auf kompaktem erzählerischen Raum ein überzeugender dramaturgischer Spannungsbogen gelingen kann. Nicht umsonst hat Häusser viele Fans, die diesem lang erwarteten Roman schon ungeduldig entgegengefiebert haben. (H.O.)

Özge Inan – Die Dichterin
Piper, 24 €
Dieser Roman nimmt die Marktmechanismen des Literaturbetriebs sehr spitz aufs Korn, speziell, was den Aufbau neuer Literaturstars angeht. Die Hauptprotagonistin Emma Rodenstock ist die Idealbesetzung für diese Rolle: Sie hat einen Gedichtband veröffentlicht, der in beeindruckenden Bildern ihre Herkunft aus einfachen Verhältnissen poetisiert und dabei noch veritable Klassismus- und Kapitalismuskritik äußert. Die Literaturkritik und die Leserschaft sind gleichermaßen begeistert. Die Feuilletons reißen sich darum, Porträts von ihr zu bringen, der „Stimme einer neuen Generation“, darunter tun sie es nicht. Auch die junge ambitionierte Journalistin Nazanin Esfahani bekommt den Auftrag, Emma Rodenstock mit einem Porträt zu würdigen. Bei ihren Recherchen stößt sie allerdings auf Ungereimtheiten: Die Biographie der Jungautorin scheint nicht zu stimmen und auch an der Authentizität ihrer Autorenschaft bezüglich der Gedichte mehren sich Zweifel. Schließlich deckt Nazanin vom Hauptstadtjournal einen der größten Literaturskandale der letzten Jahre auf. Wird Emma Rodenstock diesen Skandal überleben?
Özge Inan hat mit diesem Roman einen Thriller über den Literaturbetrieb geschrieben, der sich stellenweise wirklich wie ein Krimi liest und Einblicke in ein Geschäftsmodell gewährt, das nicht sehr viel anders als das Fashion-Business mit Models funktioniert. Und wie sie herausarbeitet, dass sich der Ehrgeiz der Starautorin und der aufstrebenden Journalistin gar nicht so sehr voneinander unterscheiden, das zeigt filigrane Meisterschaft. Ein echtes Leseabenteuer! Nur so viel sei verraten: Der Kapitalismus ist überlebensfähiger als man glaubt. (H.O.)
Hannah Mann – Zeppelin und Karpfen
Aufbau Verlag, 24 €
Was bleibt von einer Familie, wenn die Vergangenheit plötzlich ihre eigenen Wege geht? Suzanna ist Fotografin, sie hält die Träume anderer fest und versucht zugleich, die Geister der eigenen Familie in Schach zu halten. Als ihre Mutter eines Tages spurlos verschwindet, beginnt eine Reise in die Vergangenheit. Dabei entfaltet sich die Geschichte dreier Frauengenerationen, deren Leben von den Brüchen ihrer Zeit ebenso geprägt sind wie von der Sehnsucht nach einem Ort, den man Zuhause nennen kann.
Hannah Mann erzählt in ihrem Debüt von Herkunft, Emanzipation und den unsichtbaren Fäden, die Familien über Generationen verbinden. Besonders eindrucksvoll ist dabei ihre Sprache: zart, bildreich und von einer eigentümlichen Sogwirkung. Nicht jede Wendung der Geschichte überzeugt gleichermaßen; manches wirkt etwas zu kunstvoll konstruiert. Doch Manns Gespür für Atmosphäre und ihre präzisen Bilder tragen weit. Ein leiser, eigenwilliger Roman über Frauen, Erinnerungen und die Frage, wie viel Vergangenheit es braucht, um sich selbst zu verstehen. (E.B.)


Trude Teige – Hinaus in den Wind
S. Fischer Verlag, 22 Euro
An der norwegischen Westküste ist das Leben kein sanftes. Kristiane hat sich als Schifferin und Geschäftsfrau gegen die Widrigkeiten von Natur und Gesellschaft behauptet. Für ihren Sohn Anders wünscht sie sich, dass er die Familientradition fortführt und Schiffslotse wird. Doch Anders träumt von einem anderen Leben – von der Musik. Als Kristiane sich an den Strand zurückzieht und dort eine erschütternde Entdeckung macht, gerät die ganze Fischergemeinschaft in Bewegung.
Trude Teige erzählt, inspiriert von ihrer eigenen Familiengeschichte, von einer Frau, die sich ihren Platz in einer Welt erkämpft, in der für weibliche Selbstbestimmung wenig vorgesehen ist. Dabei ist die Autorin klug genug, Kristiane nicht zur makellosen Heldin zu verklären. Die spröde, zurückgenommene Sprache passt wunderbar zur kargen Landschaft und zu Menschen, die ihre Gefühle lieber für sich behalten. Gerade die stille Härte des Romans entwickelt ihren eigenen Reiz.
Nick Klaessens – Frontal
Covadonga, 22 €
Am 23. Januar 2016 wurden sechs Radrennfahrer des Teams Giant-Alpecin während eines Trainingslagers an der Costa Blanca frontal von einem Auto gerammt, das auf der falschen Fahrbahnseite unterwegs war. Ein siebter konnte dem SUV der englischen Touristin gerade so eben ausweichen. Es war ein Wunder, dass es keine Todesopfer gab. Der Journalist Nick Klaessens saß an jenem Tag zufällig im nachfolgenden Teamwagen und leistete einem der Radprofis lebensrettende Erste Hilfe.
Zehn Jahre später begibt sich Klaessens auf die Reise, um alle Beteiligten noch einmal zu treffen: Trainer, Teamleiter, Mannschaftsärzte und nicht zuletzt die sieben Radrennfahrer, darunter große Namen wie der einstige Tour-de-France-Bergkönig Warren Barguil, Giro-Etappensieger Chad Haga und die beiden deutschen Top-Sprinter John Degenkolb und Max Walscheid. Was wissen sie noch von diesem Tag? Welchen Einfluss hatte er auf ihre Karriere? Hat er ihre Sicht auf das Leben verändert? Ein Buch, das man sicherlich nicht vergisst.
