Wenn es draußen stürmt, ist das die beste Zeit für ein gutes Buch.
Michael Robotham – Bruderherz
Goldmann, 17 €
Zwölf Jahre saß Arlo Hackett im Gefängnis, nun kehrt er in seine australische Heimatstadt Yulara zurück. Die Bewohner haben ihn verstoßen, weil sie ihn für mitschuldig an einem Verbrechen halten, das sein Bruder Luke begangen haben soll. Doch Arlo hat nie an dessen Schuld geglaubt. Er will endlich herausfinden, was damals wirklich geschah – und stößt auf ein Geflecht aus Lügen, Verrat und alten Verletzungen.

Je näher er der Wahrheit kommt, desto gefährlicher wird es. Michael Robotham gelingt ein Spannungsroman, der diesen Namen wirklich verdient: mit einem raffiniert konstruierten Plot, überraschenden Wendungen und Figuren, die weit mehr sind als bloße Schachfiguren im Krimigeschehen. Ihre Widersprüche, Ängste und Sehnsüchte machen die Geschichte ebenso glaubwürdig wie bewegend. Schuld, Loyalität und die Frage nach Vergebung verleihen dem Thriller emotionale Tiefe, ohne die Spannung auszubremsen. Dass der Roman ursprünglich Robothams lange unveröffentlichtes Debüt war, ist kaum zu glauben. „Bruderherz“ ist packendes Erzählkino zwischen zwei Buchdeckeln – und tatsächlich ein Meisterwerk. (E.B)
Ragnar Jónasson – Stille
btb, 17 €

Eine gefeierte Krimiautorin verschwindet spurlos: Die 70-jährige Elín S. Jónsdóttir ist plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Kommissar Helgi Reykdal, der in Reykjavík die Nachfolge von Hulda angetreten hat, soll herausfinden, was hinter ihrem Verschwinden steckt. Ist Elín freiwillig untergetaucht oder wurde sie Opfer eines Verbrechens? Bei seinen Nachforschungen stößt Helgi auf Ungereimtheiten, die Elíns Vergangenheit in einem neuen Licht erscheinen lassen.
Gleichzeitig belasten ihn familiäre Konflikte. In den Kriminalromanen seiner Lieblingsautorin Agatha Christie findet er nicht nur Zerstreuung, sondern auch Inspiration: Ihr Gespür für falsche Fährten kommt ihm zugute. Ragnar Jónasson versteht es meisterhaft, aus diesem Fall ein atmosphärisch dichtes Rätsel zu spinnen. Mit feinem Gespür für menschliche Abgründe, raffinierten Wendungen und einer Spannung, die sich unaufhaltsam zuspitzt, zieht er seine Leser tief in die isländische Welt hinein. Das ist packend und großartig geschrieben: ein Krimi, der bis zur letzten Seite fesselt und noch lange nachhallt. (E.B.)
C.K. McDonnell – Bunny McGarrys letzte Runde
Eichborn, 18 €
Die Vergangenheit ist ein hartnäckiger Gegner – das muss auch der irische Ermittler Bunny McGarry erfahren. Als in den Wicklow Mountains lange verschüttete Leichen auftauchen, gerät er in einen Strudel aus alten Geheimnissen und neuen Gefahren. Gleichzeitig kämpft sein Kollege Paul von MCM Investigations ebenfalls gegen die Schatten der Vergangenheit. Damals wurde er übelst reingelegt und verlor seine Freundin Brigit, ebenfalls Detektivin.

Jetzt führt er eine erbitterte Fehde, die die Detektei an den Rand des Ruins treibt und Brigit den letzten Nerv raubt. C. K. McDonnell serviert einen Krimi mit ordentlich Tempo, messerscharfen Dialogen und einem herrlich schrägen Figurenensemble, das man einfach ins Herz schließen muss. Schwarzer Humor und überraschende Wendungen sorgen für beste Unterhaltung, ohne dass die Spannung zu kurz kommt. Ein großer Lesespaß – und sollte dies tatsächlich Bunnys letzte Runde sein, wäre das ein ausgesprochen bedauerlicher Abschied. (E.B.)
Eva Pramschüfer – Weißer Sommer
Rowohlt Verlag, 24 €

Einmal zurück in den Sommer: Ein Haus in Südfrankreich, flirrende Hitze, ein gekühltes Glas Weißwein – und eine Liebe, die auf der Kippe steht. In ihrem Debütroman „Weißer Sommer“ erzählt Eva Pramschüfer von Alma und Théo, die sich einen letzten gemeinsamen Sommer geben, um herauszufinden, ob ihre Beziehung noch eine Zukunft hat. Zwischen Gegenwart und Erinnerungen entfaltet sich die Geschichte einer jungen Liebe: von der ersten Begegnung bis zu den Rissen, die sich immer deutlicher zeigen.
. Denn immer schwingen auch soziale Unterschiede und familiäre Prägungen subtil mit. Eva Pramschüfer erzählt sinnlich, präzise und mit feinem Gespür für Zwischentöne. Besonders stark sind die leisen Momente, in denen große Gefühle aufbrechen. Ein melancholischer, stilistisch bemerkenswerter Roman über Nähe, Verlust und die schwierige Frage, wann Liebe nicht mehr genügt. (C.B.)
Jan Weiler – Das Vogelhaus
Heyne, 24 €
Ein Brief seiner Mutter bringt Leonard Beck zurück an den Niederrhein. Dort steht ein Haus zum Verkauf, das ihn trotz – oder gerade wegen – seiner unguten Erinnerungen magisch anzieht. Leonard, Dramaturg in Berlin, hat ohnehin gerade unfreiwillig Zeit: Einen Tag nach dem Brief verliert er seine Stelle am Theater. Also reist er in die alte Heimat, trifft Menschen aus früheren Zeiten und macht sich endlich daran, das Geheimnis des unheimlichen Hauses zu lüften, das ihm schon als Zivi Rätsel aufgegeben hat. Dabei stößt er auf überraschende Wahrheiten über seine Familie – und sich selbst.

Jan Weiler gelingt eine ziemlich charmante Mischung: Familiengeschichte trifft auf Coming-of-Age, Liebe und Freundschaft auf Krimi und eine Prise Grusel. Vor allem aber ist „Das Vogelhaus“ ein witziges Buch, das seinen Tiefgang nie schwer vor sich herträgt. Mit viel Gespür für die kleinen Absurditäten familiärer Beziehungen zeigt Weiler, dass man offenbar nie ganz erwachsen wird – weil die alten Mechanismen erstaunlich hartnäckig sind. Ein unterhaltsamer Roman mit überraschenden Wendungen, warmherzigem Humor und mehr Tiefe, als man zunächst erwartet. (E.B.)
Alice Horáčková – Geteiltes Haus
Diogenes, 28 €

Gerade waren sie noch friedliche Nachbarn, haben untereinander geheiratet und ganz selbstverständlich deutsch und tschechisch gesprochen. Dann kommen die Nazis an die Macht und die Menschen in Benetzko im Sudetenland stehen vor großen Veränderungen und schweren Entscheidungen. Die einen werden zu Mitläufern, manche zu überzeugten Tätern und manche wagen leisen Widerstand.
. Ausgehend von der Geschichte ihrer eigenen Familie webt die Autorin eine mitreißende Familiensaga. Entwirft das ganz große Panorama des Sudetenlandes von der K.-u.-k.-Monarchie über die beiden Weltkriege bis zur Dritten Republik. Dabei versteht sie es, Geschichte unglaublich lebendig werden zu lassen, weil sie nah am Alltag der kleinen Gemeinde bleibt. Das Schicksal der Menschen, die einem auf mehr als 700 Seiten ans Herz wachsen, berührt mehr als reine Geschichtszahlen. Im Mittelpunkt stehen die beiden Freundinnen Zdenka und Anežka und ihre Familien. Die eine tschechisch, die andere deutsch, wachsen sie zwischen Regimewechseln und verheerenden Kriegen auf. Zwei eigensinnige Frauen, die im Laufe der Jahrzehnte mit so einigem kämpfen und hadern – wildernden Männern, keifenden Schwiegermüttern, desertierenden Kindern oder ihren Nationalitäten – und vieles verlieren, aber niemals ihre Freundschaft. (S.G.)
Barbara Honigmann – Mischka
Hanser Verlag, 22 €
„Die Meisterin des biografischen Porträts“ (Deutschlandfunk) schöpft einmal mehr aus dem unglaublichen Fundus ihrer eigenen Familie sowie des großen Freundeskreises. Wie eigentlich in jedem ihrer Bücher erzählt sie ihre Erinnerungen persönlich, nahbar und voller Menschlichkeit. Ein schmaler Band mit drei berührenden Porträts, die auf wenigen Seiten doch die ganz großen Themen aufmachen. Am eindringlichsten bleibt das Schicksal von Mischka im Gedächtnis.

Sie zählt zu den Freundinnen und Freunden ihrer Eltern, die den Lagern der Nazis und des Gulags entkamen. Junge jüdische kommunistische Intellektuelle, die für ihre Ideale teuer bezahlten und von denen einige doch immer wieder Auswege fanden. So wie Mischka, die in ihrer Moskauer Zweizimmerwohnung in den Siebzigerjahren Dichter und Dissidenten zusammenbringt, die dem Sowjetregime die Stirn bieten. Für die eigentlich unsagbaren Schrecken der mörderischen Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts findet Barbara Honigmann genau die richtigen Worte. (S.G.)
Lucy Foley – Agatha Christie Mord im Grand Alpine Hotel
Penguin, 24 €

Ein Luxushotel in den Schweizer Alpen, eine illustre Gästeschar und ein Todesfall, der keiner gewesen sein will: Als ein Gast tot aus der Gondel geborgen wird, macht sich Misstrauen breit. Ein Filmstar, ein Politiker, eine undurchsichtige Gattin und ein zwielichtiger Arzt – jeder scheint etwas zu verbergen. Zum Glück ist Miss Marple zur Stelle, jene unscheinbare Dame, deren Scharfsinn schon so manchen Mörder überführt hat.
Fünfzig Jahre nach dem letzten Miss-Marple-Krimi erweckt Bestsellerautorin Lucy Foley die legendäre Hobbydetektivin zu neuem Leben. Dabei findet sie genau den richtigen Ton: Der Auftakt trägt Foleys unverkennbare Handschrift, bevor sich die Geschichte ganz in den klassischen Christie-Krimi verwandelt. Das abgeschiedene Grand Alpine liefert die perfekte Kulisse für Intrigen, falsche Fährten und überraschende Wendungen. Charmante Anspielungen auf Christies Werk sind eine zusätzliche Freude für Kenner. Ein raffiniert konstruierter Krimi, der die Tradition ehrt, ohne bloß nostalgisch zu sein – und bis zur letzten Seite fesselt. (E.B.)
Oliver Hilmes – Ein Ende und ein Anfang
Siedler, 25 €
Der Sommer 1945 ist ein Sommer der Extreme: Die NS-Diktatur liegt in Trümmern, die Befreiung bringt Hoffnung, doch Hunger, Trauer und Angst bestimmen weiterhin den Alltag. In den vier Monaten von Mai bis September zeichnet Oliver Hilmes ein vielstimmiges Panorama, wie unterschiedlich das individuelle Kriegsende sein konnte. Während die Alliierten in Potsdam über die Zukunft Europas verhandeln, bangt die Berliner Hausfrau Else Tietze um ihren Sohn.

Klaus Mann spürt als US-Sonderberichterstatter NS-Verbrecher auf, Billy Wilder plant im zerstörten Berlin eine Komödie. Von Moskau bis Paris, von Bayreuth bis Tokio begegnen wir Siegern und Besiegten, Tätern und Opfern, berühmten Persönlichkeiten und Menschen, deren Namen nie bekannt oder längst vergessen sind. Gerade diese Mischung macht das Buch so lesenswert: Hilmes lässt Geschichte lebendig werden, ohne sie auf trockene Fakten oder große politische Entscheidungen zu reduzieren. Er zeigt, wie sehr Weltgeschichte auch von persönlichen Schicksalen, Zufällen und menschlichen Schwächen geprägt wird. Ein faszinierendes Geschichtspanorama, das die Widersprüche des Neubeginns eindringlich erfahrbar macht. Dieses Buch sollte Pflichtlektüre in den Schulen werden. (E.B.)
Christina Lund – Treibsand
Penguin, 17 €

Manchmal muss man erst alles verlieren, um wieder in Bewegung zu kommen. Cathrine Birklund, einst erfolgreiche Auslandskorrespondentin, steht nach einem traumatischen Einsatz in Afghanistan vor den Trümmern ihrer Karriere und ihres Privatlebens. Da kommt die Bitte ihrer Freundin Pim, einer Privatdetektivin in Bangkok, gerade recht: Die Tochter des dänischen Botschafters ist verschwunden. Was wie eine gewöhnliche Vermisstensuche beginnt, führt tief hinein in ein Geflecht aus Korruption, Machtmissbrauch und gefährlichen Geheimnissen.
Während Cathrine den Spuren folgt, muss sie sich auch den Schatten ihrer eigenen Vergangenheit stellen. Christina Lund verbindet einen packenden Kriminalfall mit dem Porträt einer Frau, die sich mühsam ins Leben zurückkämpft. Cathrine ist eine glaubwürdige, kantige Protagonistin, die gerade durch ihre Verletzlichkeit überzeugt. Mit viel erzählerischer Verve und einem authentisch gezeichneten Bangkok entwickelt Lund einen Thriller, der von der ersten Seite an Fahrt aufnimmt. Ein vielversprechender Auftakt, der Lust auf die beiden nächsten Bände der Trilogie macht. (E.B.)
Andrea Profetto – Irgendwann verglüht die Sonne
Hoffmann und Campe, 24 €
Ein Sommer in einer deutschen Kleinstadt. Carla und ihre Schwester Nora erleben, was Teenager bewegt: Freundschaften, Partys, erste Liebe. Mutter Monika kümmert sich, organisiert den Alltag, hält die Familie zusammen. Und doch spüren alle drei, dass etwas nicht stimmt. Aber was genau, dafür fehlen ihnen die Worte. Jede bleibt mit ihrer Ahnung allein, bis das Unausgesprochene schließlich nicht mehr zu verdrängen ist. Andrea Profetto erzählt aus drei Perspektiven und nähert sich so behutsam wie eindringlich einem erschütternden Geheimnis.

Dabei geht es auch um die zerstörerische Macht des Schweigens und darum, wie Gewalt Menschen die Sprache nehmen kann. Der jungen Autorin gelingt ein bemerkenswertes Porträt einer Familie, deren scheinbare Normalität Risse bekommt, während niemand den Mut oder die Möglichkeit findet, sie zu benennen. Ohne Effekthascherei, aber mit großer erzählerischer Kraft entfaltet der Roman eine beklemmende Sogwirkung. Eine aufwühlende, verstörende Lektüre, die zeigt, wie schwer es sein kann, aus einem diffusen Gefühl die Wahrheit zu benennen. (E.B.)
Tana French – Wie ein Fluss in der Nacht
Fischer Verlag, 26 €

In einer kalten Nacht verschwindet Rachel Holohan aus dem irischen Dorf Ardnakelty. Die junge Frau wollte den Sohn des örtlichen Großgrundbesitzers heiraten. Ex-Cop Cal Hooper beteiligt sich an der Suche, doch seine Verlobte Lena und seine Ziehtochter Trey ahnen, dass sie sich damit in ein gefährliches Netz aus alten Verbindungen und Abhängigkeiten begeben. Denn in Ardnakelty hat jedes Wort Gewicht – und jedes Schweigen seinen Grund.
Hier ticken die Uhren noch ganz anders. Tana French braucht keine spektakulären Ereignisse, um Spannung zu erzeugen. Unter der scheinbar ruhigen Oberfläche brodelt es: Gerüchte werden gestreut, Wahrheiten zurechtgebogen und gezielt als Waffen eingesetzt. Ein falsches Wort genügt, um die ungeschriebene Ordnung der Dorfgemeinschaft gehörig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Frenchs Stärke liegt in ihrer psychologischen Präzision und einer Sprache, die die Atmosphäre greifbar macht. Das verlangt Geduld und die Bereitschaft der Leserschaft, sich auf Zwischentöne einzulassen. Wer das tut, gerät unweigerlich in den Sog dieses Romans, der Literatur und Spannung auf besondere Weise verbindet. (E.B.)
Shari Lapena – Was sie nicht weiß
Goldmann, 17 €
Eine perfekte Ehe, ein schönes Zuhause, eine geliebte Tochter – Bryden und Sam scheinen alles richtig gemacht zu haben. Bis Bryden eines Abends ihre dreijährige Clara nicht aus dem Kindergarten abholt. Sam springt ein und fährt mit seiner Tochter nach Hause. Dort ist alles wie immer, nur Bryden ist verschwunden. Auto, Schlüssel, Handy und Geldbörse sind da, von der Mutter fehlt jede Spur. Was ist passiert? Und wie gut kennt Sam die Frau, mit der er sein Leben teilt, wirklich?

Shari Lapena schickt ihre Leser auf eine wilde Spurensuche, bei der sich die Verdächtigen geradezu abwechseln. Freunde, Nachbarn, Familie – plötzlich scheint jeder etwas zu verbergen und niemandem ist zu trauen. Nicht jede Wendung hält einer genaueren Prüfung stand, und sprachlich bleibt der Thriller eher schlicht. Doch Lapena versteht ihr Handwerk: Sie streut Zweifel, legt falsche Fährten und dreht die Perspektive immer wieder so geschickt, dass man die eigenen Vermutungen ständig über Bord werfen muss. Trotz der Schwächen ein lesenswerter Krimi. (E.B.)