Heute schon an Weihnachten denken. Nee, war Spaß. Aber ein gutes Buch geht immer!

Heinz Strunk – Memories of Heidelberg
Rowohlt, 23 €
Bertram und Isolde, ein in die Jahre gekommenes Paar aus Oldenburg, möchten sich in Heidelberg mal einen richtig schönen Kurzurlaub gönnen. Vielleicht wird das auch eine Wellness-Kur für das eingefahrene Eheleben. Doch das Boutiquehotel entpuppt sich als Blenderhotel und auch der vermeintliche Lieblingsitaliener auf einem alten Restaurantschiff gegenüber wird von Besuch zu Besuch immer merkwürdiger. Was sich zunächst nach einer eher unspektakulären Ehegeschichte anhört, verwandelt Heinz Strunk in ein furioses Stück absurder Komik.
Beklemmend und zum Schreien komisch. Beklemmend, wie die Zwänge, unter denen Bertram und Isolde jeder für sich und auch zusammen leiden. Fast schnürt es die Luft beim Lesen ab. Doch dann die Befreiung. Das Paar identifiziert einen gemeinsamen Feind, Bertram verschafft sich endlich Luft. Doch damit wird eine Katastrophe strunk’schen Ausmaßes erst heraufbeschworen. (E.B.)
Sven Regener – Frankie und Freddie
Galiani Berlin, 24 €
Westberlin, Dezember 1980: Frankie will seinen älteren Bruder Freddie aus einem Probandenhotel am Kudamm abholen. Doch der Wagen springt nicht an, Freddie ist nach seiner Tätigkeit als Testperson für Antidepressiva völlig neben der Spur und zu allem Überfluss fällt Schnee. Was folgt, ist eine herrlich absurde Odyssee durch eine Stadt zwischen Aufbruch und Resignation, Kälte und Anarchie. Regener erweist sich einmal mehr als Meister der großen Missverständnisse: Seine Figuren reden pausenlos, hören einander aber nicht zu und verheddern sich immer tiefer in ihren eigenen Vorstellungen.

Die Brüder streiten, vertragen sich, streiten und am Ende finden sie dann doch irgendwie eine Ebene. Und in diesem Chaos entwickelt sich fast nebenbei eine spröde, überraschend zarte Liebesgeschichte. Das ist typisch Regener: lakonisch, poetisch, warmherzig und einfach komisch. Ein wunderbar schräger Roman über Brüder, die Liebe und die Kunst – auch die, sich durchs Leben zu manövrieren. (E.B.)

Lena Kupke – Pause
dtv, 23 €
Mit 36 zurück ins Kinderzimmer der Eltern – für Hanna klingt das nach allem, nur nicht nach einem guten Plan. Nach einem Zusammenbruch zieht sie von Berlin nach Lüneburg, zurück zu Mutter und Vater und in ein Zimmer, das inzwischen als Büro dient. Ausgerechnet dort muss sie sich mit den Gründen auseinandersetzen, die sie aus der Bahn geworfen haben. Lena Kupke erzählt Hannas Weg zurück ins Leben mit viel Wärme, Selbstironie und einem angenehm ungeschönten Blick auf Familie, Liebe und die eigenen Grenzen.
Besonders gelungen ist, wie sie zeigt, dass Heilung nicht geradlinig verläuft und Selbstfindung manchmal bedeutet, endlich auszusprechen, was man jahrelang verschwiegen hat. Hanna ist schonungslos ehrlich zu sich selbst – nun muss sie lernen, es auch mit anderen zu sein. Ein zart-witziger Debütroman über Krisen, Neuanfänge und die Erkenntnis, dass eine Pause nicht Stillstand bedeuten muss. Lesen! Oder wie es Comedian Till Reiners formulierte: „Das Buch ist von Lena Kupke! Was wollen Sie denn noch mehr?“ (E.B.)
Eva Menasse – Alleinruhelage
Kiepenheuer & Witsch, 24 €
Der Begriff „Alleinruhelage“ beschreibt im österreichischen Immobilienwesen ein Haus in ruhiger Lage, das sich etwas abseits befindet. Genau so ein Haus hat sich in der wilden Nachwendezeit die Ich-Erzählerin mit ihrer Familie gekauft. Irgendwo im Osten Deutschlands, in unmittelbarer Nähe zu einem See und in Nachbarschaft zu diversen Datschenbesitzern. Es sollte ein Wochenendparadies für die Familie sein und das war es lange Jahre auch. Nun aber ist die Familie zerbrochen, die Kinder ausgezogen, die Ehe geschieden und die auf einmal alleinstehende Hauptprotagonistin schaut sich verwundert um und erinnert sich der goldenen Zeiten und wie das Gold allmählich abblätterte.

„Haus, ich verkaufe dich“ ist der erste Satz des Romans. Er formuliert einen Abschluss und skizziert gleichzeitig die Möglichkeit eines Neuanfangs. Das liest sich weitaus interessanter, als man zunächst glaubt. Die Qualität der Autorin und ihre subtile Sprachkraft machen den Roman zu einer Leseerfahrung, bei der man die Doppeldeutigkeit des Titels erst so richtig wahrnimmt und damit auch den Willen der Ich-Figur, einen Aufbruch aus ihrer persönlichen Alleinruhelage zu wagen. (H.O.)
Per Petterson – Nach Hause kommen
Hanser, 24 €
Alles beginnt mit einem Wildunfall an einem dunklen Novemberabend in Südnorwegen. Kasper, der Ich-Erzähler, hat sein Auto gerade von der Inspektion abgeholt und nun läuft ihm in der Dämmerung ein Reh vor den Wagen. Doch die Ricke ist noch nicht tot, sie bewegt sich noch, zuckt. Kasper setzt sich neben sie und spricht mit ihr. Als er zu seinem Auto geht, um die Forstaufsicht anzurufen, rafft sich das Reh noch einmal auf und verschwindet humpelnd über die Felder. Das Erlebnis sitzt bei Kasper tiefer als er zunächst glaubt und es setzt etwas in Bewegung in ihm. Das regelmäßige Leben, die Sicherheit ist plötzlich weg. Er verliebt sich in Signe, die seine Gefühle erwidert. Das gesteht er auch ganz offen seiner Frau Inger, mit der er zwei Kinder hat. Die reagiert erstaunlich gelassen, beinahe verständnisvoll. Der Schwebezustand zwischen zwei Menschen, die er liebt, ist für Kasper zunächst aufregend neu. Doch ergeben sich bald Spannungen, das Gefühlskonto ist für alle Beteiligten hoffnungslos überzogen. Mehr sei an dieser Stelle aber nicht verraten. Per Petterson hat einen lakonischen, fast lapidaren Sprachstil und doch lernt man in diesem Roman mehr über Liebe, Nachsicht, Großmut und die Ungeduld des Herzens, als man in vielen als „romantische Lektüre“ apostrophierten Werken jemals erfahren wird. (H.O.)
Karsten Dusse – Filmriss auf Immenhof
Heyne, 24 €
Kindheitsidyll trifft auf blutige Gegenwart: Zum 45. Geburtstag gönnt sich die geschiedene Kriminalpsychologin Sophia ein Wochenende auf dem Immenhof – der Sehnsuchtsort ihrer Jugend. Nach einer Retro-Party mit Pony-Romantik und Wodka Red Bull erwacht sie allerdings mit einem Filmriss und der abgetrennten Hand ihres Ex-Freundes neben sich. Verstörend ist dabei, dass sie am Vorabend noch Pläne für das perfekte Verbrechen geschmiedet hat. Also beginnt die Rekonstruktion einer Nacht, an die Sophia sich partout nicht erinnern kann.

Karsten Dusse verbindet schwarzen Humor, Krimispannung und eine Prise Selbstfindung, wobei das nostalgische Immenhof-Setting für hübsche Kontraste sorgt. Allerdings werden die Reit- und Pferdeanalogien mitunter gehörig über die Koppel getrieben, soll heißen: Sie werden etwas überstrapaziert. Leider reicht der neue Band nicht an den bissigen Witz der „Achtsam morden“-Reihe heran. Unterhaltsam und kurzweilig ist er trotzdem. (E.B.)

Samuel Bjørk – Splitterseele
Goldmann, 17 €
Eine Frau mit Sprengstoffgürtel in der Osloer U-Bahn, eine Explosion, ein anonymer Anrufer und die Ankündigung weiterer Anschläge: Samuel Bjørk setzt von der ersten Seite an auf maximale Spannung. Kommissar Holger Munch und die brillante Ermittlerin Mia Krüger stehen vor einem Rätsel, das mit jedem Fund verworrener wird. Eine kleine Luchsfigur und zwei weitere Gegenstände auf dem Küchentisch des ersten Opfers bilden den Auftakt zu einem verstörenden Spiel, dessen Regeln der Täter bestimmt.
Noch bevor Munch und Mia die Hinweise entschlüsseln können, explodiert die nächste Bombe. Bjørk erzählt rasant, baut geschickt falsche Fährten und lässt die Bedrohung stetig wachsen. Dabei überzeugt vor allem das Ermittlerduo, dessen unterschiedliche Charaktere dem düsteren Geschehen Tiefe geben. Ein packender Thriller mit hohem Tempo, beklemmender Atmosphäre und genau der richtigen Portion Rätsel – bis zur letzten Seite. (E.B.)
Birgit Bachmann – Ein Samstag im August
btb, 24 €
Elvira und Jobst sind auf der Heimreise aus dem Urlaub, als sie an einer Autobahnraststätte eine Pause einlegen. Elvira beobachtet ein junges Pärchen – augenscheinlich verliebt. In ihr keimt eine Melancholie und ein gewisser Neid auf, denn ihre Beziehung zu Jobst hat im Laufe der Jahre sowohl Leichtigkeit als auch Tiefe eingebüßt. Als der Wagen des jungen Paares nicht anspringen will, bietet Jobst unerwarteterweise an, die beiden mitzunehmen.

Dass Elviras Skepsis nicht unbegründet ist, zeigt sich, als sie in ein Familiendrama sondergleichen hineingeraten, das auch ihre Ehe auf den Prüfstand stellt. Als parallele Handlung lenkt Birgit Bachmann den Blick auf Elviras Schwester. Für sie wird durch die „Beichte“ ihrer Mutter Existenzielles in Frage gestellt. Und Kathi, Elviras Schwägerin, verliert in diesem Sommer nicht nur ihren Job, sondern auch die Geduld mit ihrer angeheirateten Familie. Alle drei Frauen der Familie Wortmann müssen sich und ihre Beziehungen neu sortieren und verorten. Was bedeutet eigentlich Familie, wenn Gewissheiten urplötzlich verschwinden? (E.B.)
Heike Rommel – Heller Sand und dunkler Tod
KBV, 15 €
Norderney, alte Liebe und eine Leiche in den Dünen: Für den Bielefelder Mordermittler Dominik Domeyer beginnt der Inselaufenthalt zunächst romantisch. Seine Jugendliebe Kim ist wieder in sein Leben getreten, doch deren Ehemann Lars liegt nach einem mysteriösen Unfall querschnittsgelähmt im Haus.

Als Lars plötzlich stirbt und sich herausstellt, dass er ermordet wurde, gerät Kim unter Verdacht. Während Dominik von ihrer Unschuld überzeugt ist, verfolgt sein früherer Polizeischulfreund eine andere Spur. Und je tiefer Dominik gräbt, desto mehr bröckelt sein Bild von Kim. Als ein Sturm schließlich eine weitere Leiche freilegt, nimmt der Fall eine neue Wendung. Heike Rommel gelingt ein gut konstruierter Krimi, der geschickt mit Erwartungen und Verdächtigungen spielt: Nichts ist, wie es scheint. Lediglich die Dialoge könnten stellenweise etwas lebensnaher klingen. (E.B.)
Brigitte Glaser – Sonnenberg
List, 23,99 €
Mitte der 1970er-Jahre wagt Johanna als Erste ihrer Familie den Schritt an die Universität. In der Freiburger WG mit Freundin Luzie genießt sie die neuen Freiheiten – bis der Tod ihres Vaters sie zurück in den Kaiserstuhl zwingt. Gemeinsam mit Mutter und Großmutter übernimmt sie den Winzerbetrieb und kämpft nicht nur gegen traditionelle Rollenbilder, sondern auch für ihre Selbstbestimmung. Als sie sich nach der Geburt ihres Kindes für ein Leben ohne Ehemann entscheidet und sich dem Widerstand gegen ein geplantes Kernkraftwerk anschließt, wird aus der persönlichen Emanzipation zunehmend politischer Protest.

Brigitte Glaser verbindet Familiengeschichte, Frauenemanzipation und die Anfänge der Anti-Atomkraft-Bewegung zu einem atmosphärischen Zeitroman. Besonders stark ist die Geschichte dort, wo gesellschaftlicher Wandel durch Johannas persönliches Schicksal greifbar wird. Mitunter allerdings wirkt der Roman etwas überfrachtet mit historischen Fakten. (E.B.)

Neige Sinno – La Realidad – Ort der Frauen
dtv, 24 €
Zwei junge Frauen, ein Rucksack und die Suche nach einer besseren Welt: Die Ich-Erzählerin Neige und ihre spanische Freundin Marga, beide Anfang zwanzig, reisen als Backpackerinnen durch Mexiko. In Chiapas wollen sie den legendären Subcomandante Marcos treffen und Kontakt zu den Zapatistinnen aufnehmen. Sinno erzählt dabei auf höchst eigenwillige Weise: Reisebericht, innere Recherche, politischer Essay und Reflexion über weibliche Solidarität gehen ineinander über.
Gerade die anfängliche Leichtigkeit und Offenheit ihrer Erzählung machen den Roman besonders reizvoll. Doch leider verliert sich diese Sogwirkung zunehmend in gedanklichen Schleifen. Was zunächst wunderbar frei und unmittelbar wirkt, wird stellenweise verkopft und verliert an Fahrt. Ein formal außergewöhnliches, engagiertes Buch, das interessante Fragen stellt, dessen literarische Freiheit allerdings nicht immer in Leichtigkeit mündet. (E.B.)
Tamara Štajner – Luft nach unten
Zsolnay, 25 €
Ich-Erzählerin Iva sitzt zwischen allen Stühlen: Mit ihrem Freund versucht sie ein Kind zu bekommen und sehnt sich zugleich nach ihrem Geliebten. In Wien ist sie zuhause und doch lässt sie ihre Kindheit am Ohridsee in Mazedonien nicht los. Über all dem schwebt noch dazu ein ungelöster, tragikomischer Mutter-Tochter-Konflikt, der auch mit Familiengeheimnissen aus der Vergangenheit zu tun hat.

Denen versucht Iva auf die Spur zu kommen, als sie zur Beerdigung ihres geliebten Kindermädchens Marija reist, mit dem sie mehr Zeit verbracht hat als mit ihrer eigenen Mutter. Starke und zugleich verletzliche Frauen, die mehr Fragen als Antworten haben, prägen Tamara Štajner moderne Familiengeschichte. (S.G.)