Rundgang entlang der Stadtgeschichte

Der weite Blick über die Stadt. Der macht auch für Kerstin Schröder den besonderen Reiz des Johannisbergs aus. Doch jetzt kehrt die Grafikdesignerin und Herausgeberin den Blick um: Die inzwischen 15. Bielefelder Edition schaut nicht vom Berg herab, sondern genauer hin und legt seine vielfältigen Schichten und Geschichten frei.

Die Idee dazu hatte Werner Hennings, der an der Fakultät für Soziologie an der Universität Bielefeld mit den Schwerpunkten Stadtsoziologie und Entwicklungsforschung lehrte. „Er kennt den Johannisberg gut und hat sich als Autor der spannenden Geschichte kenntnisreich angenommen“, so Kerstin Schröder. Das Thema hat sie selbst sofort begeistert. „Ich finde es großartig zu wissen, was da früher eigentlich war. Man sieht zum Beispiel die Ruine des Musikpavillons. Das war so etwas wie ein Vorläufer der Oetkerhalle, das hat mich gepackt. Der Johannisberg hat eine fröhliche Seite, dort oben wurde viel gefeiert, aber auch einen ernsten Hintergrund, denn zwischen 1942 und 1945 befand sich hier das Zwangsarbeiterlager ‚Bethlem‘“.

Diese ganz unterschiedlichen Ge-Schichten nimmt die Herausgeberin auch gestalterisch auf. „Dazu inspiriert hat mich der Infopavillon aus Stampfbeton. Dessen Struktur habe ich als grafisches Motiv übernommen.“ Historische Aufnahmen und die stimmungsvollen Fotos von Nils Pisarsky runden den Band ab. So wird die neue Bielefelder Edition optisch und inhaltlich zu einer Einladung, einen bekannten Ort noch einmal neu und anders zu entdecken.

Und das ist durchaus wörtlich gemeint, denn mit dem neuen Band in der Hand geht es los zu einem Spaziergang durch ein Stück lebendige Stadtgeschichte. Startpunkt des Rundgangs ist der Info-Pavillon auf dem Johannisberg. Für ihn und seinen Zwillingsbau in der Sparrenburg erhielt der Schweizer Architekt Max Dudler zahlreiche Auszeichnungen, u. a. für vorbildliche Bauten in NRW (2015) und den Preis des Bundes Deutscher Architekten Nordrhein-Westfalens (2018). Geprägt ist der Johannisbergs seit rund 200 Jahren von einer menschgemachten Parklandschaft. Die Bielefelder Schützengesellschaft von 1831 kaufte dort 1840 ein knapp 3,3 Hektar großes Gelände und gestaltete es um. Ein beliebter Naherholungsort entstand: mit Ton- und Bierhalle, Schießanlage, Musikpavillon und vielem mehr. Die Zerstörungen des II. Weltkriegs, vor allem aber ein anderes Freizeitverhalten, versetzten den Park in einen Dornröschenschlaf, der erst durch die Neugestaltung der historischen Parklandschaft 2012 endete. Bis heute erinnern Spuren an frühere Zeiten: die Eichenallee, das Kriegerdenkmal „Verwundeter“ von Emil Cauer, die Ruine des Musikerrondells und die Gedenktafel des Gesangvereins „Kehlkopf“. Selbst das Hotel von 1980 steht fast genau auf den Fundamenten des alten Schützenhauses.

Der Weg führt weiter zum Südhang des Johannisbergs – Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts eine beliebte Wohngegend wohlhabender Bürger. Gegenüber der Sparrenburg entstanden prächtige Gründerzeitvillen, von denen einige noch existieren. Nächste Stationen sind der Winzer’sche Garten und an der Hochstraße der Ort, an dem sich bis 1986 das Ausflugslokal „Johannislust“ befand.

Das Ende des Rundgangs ist ein Ort des Erinnerns. Zwischen 1942 und 1945 befand sich hier das Zwangsarbeiterlager „Bethlem“. Vor allem Frauen aus den sogenannten „Ostgebieten“, die für den größten Rüstungsbetrieb der Stadt, die Dürkopp-Werke, arbeiten mussten, lebten hier in denkbar schlechten Verhältnissen. 2010 entstand an dieser Stelle die Installation „Unter Zwang“ von Susanne Albrecht. Sie erinnert an das Leid und das Unrecht jener Zeit.

Bielefelder Edition

Einmal im Jahr zeigt die Bielefelder Edition Entdeckungen aus interessanten regionalen Kultur-, Lebens- und Arbeitsbereichen der Stadt – gestaltet mit viel Herzblut: Die Projektbeteiligten arbeiten überwiegend ehrenamtlich. Die fünfzehnte Ausgabe wurde möglich durch die freundliche Unterstützung von Cordula Haux, Dr. Jost Streitbörger und Hans Gieselmann Druck und Medienhaus. Erhältlich ist sie direkt bei Kerstin Schröder (www.bielefelder-edition.de) sowie im Buchladen Eulenspiegel, beim Buchtipp und überall, wo es Bücher gibt.

Johannisberg Geschichten

Ein Spaziergang

Texte Werner Hennings

Fotografien Nils Pisarsky

(Hg.) Kerstin Schröder