Wer als Erste*r in der Familie studiert, geht einen Weg, der Mut verlangt – und zeigt, wie wichtig Bildung für Chancengleichheit ist. Nach wie vor ist soziale Herkunft ein entscheidender Faktor, ob junge Menschen sich für ein Studium entscheiden. Eltern mit einer Ferne zur akademischen Welt haben vielfach Sorge, dass sie ihre Kinder nicht unterstützen können – fachlich wie auch finanziell.
Während 78 von 100 Kindern aus Akademikerfamilien studieren, sind es in nichtakademischen Familien nur Diese Zahlen verändern sich seit Jahrzehnten kaum, wie Studien des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zeigen. Die gemeinnützige Organisation ArbeiterKind.de, 2008 gegründet, möchte das ändern. Die Ortsgruppe Bielefeld bietet regelmäßige Sprechstunden an – zur Orientierung für Schüler*innen und zur Begleitung von Studierenden.
„Ermutigung spielt eine zentrale Rolle in unserer Arbeit“, sagt Sabine Hoffmann, die als hauptamtliche Koordinatorin die Gruppen in Bielefeld, Paderborn, Münster und Soest betreut. „Für Kinder aus Akademikerfamilien sind viele Dinge selbstverständlich – ein Auslandssemester, Praktika oder Unterstützung beim Schreiben einer Hausarbeit. Arbeiterkindern fehlen oft Vorbilder, die sie zu einem Studium ermuntern und es ihnen zutrauen.“ Die Erziehungswissenschaftlerin weiß, wovon sie spricht: Sie ist selbst die erste Frau in ihrer Familie, die ein geisteswissenschaftliches Studium absolvierte. Finanziert wird die Initiative durch Spenden und öffentliche Gelder. Getragen wird ArbeiterKind.de von Ehrenamtlichen – Menschen, die ihre Erfahrungen teilen und als Mentor*innen begleiten. Einer von ihnen ist Ulrich Kosok, dem Bildungsgerechtigkeit sehr am Herzen liegt. „Die Zahl junger Menschen ohne Berufsabschluss steigt weiter an. 2022 hatten fast 2,9 Millionen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren keinen Abschluss – das ist menschlich, aber auch wirtschaftlich eine Katastrophe.

Der frühere Personalleiter kennt die Hürden aus eigener
Erfahrung: „Als ich aufs Gymnasium wollte, sagte meine
Lehrerin: ‚Dein Vater ist Fernfahrer, für dich reicht die Realschule.‘“ Trotzdem studierte Kosok auf Lehramt, jobbte in einer Zuckerfabrik und fand seinen Weg. Heute gibt er diese Erfahrung weiter – als Mentor.
„Ich habe eine Studentin mehrere Monate bei ihrer Bewerbung nach dem Studium begleitet. Jetzt arbeitet
sie als Vorstandsassistentin“, freut sich der engagierte Ehrenamtliche. „Die erste Hürde ist der Zugang zur weiterführenden Schule, die zweite das Studium selbst.“
Die rund 20 Ehrenamtlichen in Bielefeld – bundesweit sind es mehrere tausend Menschen – beantworten Fragen zu Studienwahl, Finanzierung, Bewerbungen oder zum Berufseinstieg. „Typische Fragen sind: Soll ich studieren? Was soll ich studieren? Wie bewerbe ich mich mit meinem Abschluss?“, so Sabine Hoffmann. Wichtig ist dabei die Peerto-Peer-Beratung: Menschen mit ähnlichem Hintergrund schaffen Vertrauen und geben Zuversicht. Häufig geht es um finanzielle Themen. „Wie stelle ich einen BAföG-Antrag? Kann ich mich auf ein Stipendium bewerben, auch wenn ich kein Überflieger bin?“ „Es gibt viele Beratungsangebote,“ berichtet die Erziehungswissenschaftlerin, „aber wer neu an einer Hochschule ist, weiß oft nicht, an wen er oder sie sich wenden kann.“ Um möglichst viele junge Menschen zu erreichen, arbeitet die Initiative mit Schulen, Hochschulen und Universitäten zusammen und ist über ein Online-Netzwerk, Telefon, WhatsApp und Social Media erreichbar. „Die Vielfalt der Ehrenamtlichen ist unsere große Stärke. Jede*r darf und soll sich mit eigenen Erfahrungen einbringen. Das macht sehr viel Spaß“, erzählt Ulrich Kosok. Und oft reicht schon das Zuhören oder ein einziger Satz: „Du schaffst das!“.