#Helmliebe

Am 4. Oktober 2013 wurde es auf der Bielefelder Alm plötzlich ganz still. Beim Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern prallte Fabian Klos mit seinem Gegenspieler Mo Idrissou zusammen und blieb regungslos liegen. Die Diagnose war dramatisch: zahlreiche Frakturen im Gesichtsbereich sowie in Stirn- und Augenhöhle. Wenn Klos über Kopfverletzungen spricht, hört man genauer hin. Nicht nur, weil der langjährige DSC-Kapitän Kultstatus genießt, sondern weil er selbst erfahren hat, wie schnell aus einem Zweikampf ein lebensverändernder Moment werden kann.

Und es blieb nicht bei dieser einen schweren Kopfverletzung: Achteinhalb Jahre später zog sich Klos nach einem heftigen Zusammenstoß mit einem Mitspieler erneut Brüche in Stirn- und Augenhöhle zu – ein Moment, der beinahe sein Karriereende bedeutet hätte.

Wenn er heute sagt: „Ich bin nicht zu eitel, beim Fahrradfahren einen Helm aufzusetzen“, dann ist das keine Floskel, sondern eine Haltung, die auf schmerzhafter Erfahrung beruht. Genau deshalb ist Fabian Klos Schirmherr der Betheler Kampagne #Helmliebe. Die Aktion der Beratungsstelle „weiterleben“ der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel setzt dort an, wo viele Menschen ihren Helm eben doch im Flur liegen lassen: beim Blick in den Spiegel. „Die Frisur kannste richten – den Kopf meistens nicht“ lautet der Slogan der Kampagne, die mit Humor und Selbstironie für ein ernstes Thema sensibilisieren will. Wer mitmacht, postet ein Foto oder Video der eigenen „Helmfrisur“ – verwuschelt, plattgedrückt oder chaotisch – und nominiert andere, ebenfalls mitzumachen. Ob bei Instagram, TikTok, LinkedIn oder in der Familien-WhatsApp-Gruppe: Die Botschaft soll sich möglichst weit verbreiten.

Eine Frage der Physik

Was zunächst wie eine lockere Social-Media-Challenge wirkt, hat einen ernsten Hintergrund. Die Kampagne macht auf Menschen aufmerksam, die nach schweren Schädel-Hirn-Verletzungen zurück ins Leben finden müssen – oft mit bleibenden Einschränkungen.

Gleichzeitig wirbt sie für eine der einfachsten Schutzmaßnahmen überhaupt: den Fahrradhelm. Dass dieser Leben retten kann, bestätigt auch Univ.-Prof. Dr. med. Thomas Vordemvenne, Direktor der Universitätsklinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Evangelischen Klinikum Bethel (EvKB), Teil des Universitätsklinikums OWL der Universität Bielefeld. Aus medizinischer Sicht sei die Sache eindeutig: „Der Helm verhindert in vielen Fällen schwere Schädel-Hirn-Verletzungen“, so der Ärztliche Direktor des EvKB, der sich seit Jahren mit schweren Unfallverletzungen beschäftigt und an wissenschaftlichen Studien zum Thema beteiligt war. Zahlen, wonach zwischen 60 und 70 Prozent tödlicher Kopfverletzungen vermeidbar wären, hält er zwar für schwer exakt belegbar – am grundsätzlichen Nutzen ändere das aber nichts. Ein Helm könne zwar keine Wunder vollbringen, wenn enorme Kräfte wirken. Aber er entscheide oft darüber, ob ein Mensch mit einer Gehirnerschütterung davonkommt oder lebensgefährliche Hirnblutungen und Schädelbrüche erleidet.

Unter Beobachtung

Das Tückische an Kopfverletzungen ist, dass ihre Folgen häufig erst verzögert sichtbar werden. Manche Patienten kämen nach einem Sturz zunächst sogar noch selbstständig in die Klinik. Erst später entwickelten sich Blutungen im Schädel, die zu gefährlichem Hirndruck führten. „Der Raum im Schädel kann nicht größer werden“, erklärt der Mediziner. Steigt der Druck, werde das Gehirn regelrecht zusammengedrückt – mit möglicherweise dramatischen Folgen. Dann gehe es um Minuten: Neurochirurgen müssen Blutungen stoppen, manchmal Teile des Schädels öffnen, um dem Gehirn überhaupt wieder Platz zu verschaffen.

Selbst wenn Betroffene überleben, können schwere Einschränkungen zurückbleiben: neurologische Ausfälle, Sprachstörungen, Probleme mit Gleichgewicht, Gedächtnis oder Sehvermögen. „Das ist ein einschneidendes Erlebnis und bedeutet für viele Menschen lebenslange Folgen“, sagt der Unfallchirurg. Genau deshalb sei Prävention so entscheidend.

Immer mit Helm

Der Vergleich mit dem Sicherheitsgurt im Auto drängt sich für ihn geradezu auf. Auch dort habe es früher Vorbehalte gegeben: unbequem, störend, unnötig. Heute besteht kein Zweifel daran, dass Gurte Leben retten. „Schwere Gesichtsverletzungen, wie wir sie früher oft gesehen haben, gibt es heute kaum noch“, unterstreicht Prof. Thomas Vordemvenne. Der Helm könne beim Fahrradfahren eine ähnlich wichtige Schutzfunktion übernehmen.

Besonders mit dem Boom der E-Bikes gewinnt das Thema nochmals an Bedeutung. Die Räder werden schneller und schwerer. Gleichzeitig können Reaktionsvermögen und Fahrstabilität im Alter nachlassen – eine Kombination, die gefährlich werden kann. Gerade ältere Menschen profitierten zwar enorm von der neuen Mobilität durch E-Bikes, aber Geschwindigkeit und Fahrverhalten müssten realistisch eingeschätzt werden.

Die Kampagne #Helmliebe schafft es, all diese medizinischen und gesellschaftlichen Aspekte in ein Format zu übersetzen, das Menschen erreicht. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Humor, Prominenz und breiter Beteiligung. Neben Fabian Klos unterstützen auch zahlreiche prominente Persönlichkeiten die Kampagne – darunter Cem Özdemir, Britta Haßelmann und Claudia Middendorf. Auch Bethel-Chef Pastor Dr. Bartolt Haase, Diakonie-Präsident Pfarrer Rainer Schuch, Präses Dr. Adelheid Ruck-Schröder sowie die Johanneswerk-Vorsitzende Sabine Hirte, zeigen Flagge. Es ist ein Thema, das bewegt. Oder wie es Maël Corboz in seinem Post auf den Punkt bringt: lieber Helmfrisur statt Schädelfraktur.

In Bielefeld
 
2023 wurden in Bielefeld 238 Radfahrende bei Verkehrsunfällen verletzt.
Bei den Pedelec Fahrenden sind seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 2014 steigende Fallzahlen festzustellen. Im Jahr 2023 stieg die Zahl der verletzten Pedelec Fahrenden um 14 auf 124, davon 30 Senioren und 87 Erwachsene (24 – 64 Jahre).

Jahresbilanz Verkehr 2023 der Polizei Bielefeld