„Ich wollte Homo Faber auf Deutsch lesen und in der Tiefe verstehen können“, sagt Agnieszka Salek zu ihrer Motivation in Deutschland Erziehungswissenschaften und Germanistik zu studieren und Polen zu verlassen. Damals war sie 21 – seitdem ist Bielefeld – mit kurzen Unterbrechungen – ihr Lebensmittelpunkt. Eine weitere Konstante im Leben der 44-Jährigen: ihr Engagement für Frauen. Chancengleichheit und Gleichberechtigung auch bei Bildung und Integration treiben die neue Leiterin der Gleichstellungsstelle an. Der Internationale Frauentag ist für sie Anlass, auf Benachteiligung und Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen.

„Am 8. März wollen wir auch in diesem Jahr daran erinnern, welches gemeinsame Anliegen wir haben, aber auch aufzeigen, was wir bereits erreicht haben“, erklärt Agnieszka Salek, die seit Oktober letzten Jahres die Gleichstellungsstelle leitet. Die Geburtsstunde der Gleichberechtigung von Frauen und Männern war 1949 und ein Meilenstein der Gleichberechtigung bevor es 1957 als Gesetz verabschiedet wurde. Befremdlich wirkt dagegen, dass Frauen noch bis 1977 nur dann berufstätig sein durften, wenn das „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar“ war. „Erst da trat das erste Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts in Kraft“ gibt Agnieszka Salek zu bedenken. „Heute sind glücklicherweise deutlich mehr Frauen erwerbstätig und sie starten mit guten Bildungsabschlüssen und Qualifikationen ins Berufsleben.

Doch noch gibt es keine echte Gleichberechtigung. „Frauen haben immer noch weniger Chancen im Beruf. Zwei Drittel befinden sich in geringfügiger Beschäftigung“, so die Gleichstellungsbeauftragte. Darüber hinaus sind Frauen überproportional häufig in den Bereichen Sorge und Pflege unterwegs, die generell schlechter bezahlt werden. Auch die geschlechterspezifische Arbeitsaufteilung hat sich noch längst nicht erledigt. „Die Hausarbeit liegt nach wie vor schwerpunktmäßig bei den Frauen und laut einer aktuellen Spiegel-Studie von 2018 gehen von 10 Väter nur 4 in Elternzeit und das für zwei Monate“, so Agnieszka Salek. Problematisch ist aus ihrer Sicht die geringe Vollzeitbeschäftigung von Frauen. Einen Grund dafür sieht die 44-Jährige in den bestehenden Geschlechterstereotypen. „Meine Aufgabe ist es, dem entgegenzuwirken.“

Da viele junge Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mitdenken, aber auch durch die Sozialisation wählen sie häufig aus einem eingeschränkten Berufsangebot. „Kinderbetreuung statt Karriere ist eine Folge“, so Agnieszka Salek, die auch die Politik in den Fokus nimmt. „Das Ehegatten-Splitting ist ein falscher Anreiz. Hier wird deutlich, wie weit die Schere auseinanderklafft. Frauen verdienen im Durchschnitt 22 Prozent weniger als Männer.“ Gleichzeitig ist die Erwerbsbiografie von Frauen durch Kindererziehungs- und Pflegephasen häufig nicht linear. „Teilzeit ist nachvollziehbar, aber objektiv nicht immer zu empfehlen“, stellt sie fest. Die Folge für Frauen: Ein geringeres Einkommen, das die Existenz nicht sichert und geringere Aufstiegschancen. „Die Qualifikationen der Frauen sprechen dagegen für höhere Aufgaben“, so Agnieszka Salek, die es nicht beim „Women are wonderful affect“ – das heißt Frauen werden mehr gelobt als gefördert – belassen möchte. Das Thema Erwerbstätigkeit rückt das Team der Gleichstellungsstelle deshalb seit Jahren kontinuierlich mit Projekten wie der Infobörse „Frau & Beruf“ in den Fokus. Netzwerkarbeit, u.a. mit dem Jobcenter, der Agentur für Arbeit oder dem Kompetenzzentrum Frau und Beruf dienen ebenfalls dazu, das Thema zu forcieren. „Ein existenzsicherndes Einkommen ist das Wichtigste, um ein gutes und eigenständiges Leben führen zu können. Jede dritte Ehe wird geschieden“, betont Agnieszka Salek, die Frauen motivieren möchte mit Kind und ohne Ängste weiterzuarbeiten. Männer müssten mehr Sorgearbeit übernehmen. „Das Thema Vereinbarkeit ist eine Familienfrage und –haltung“, macht sie deutlich.

Themen, wie den Schutz vor Gewalt nach vorne zu bringen, treibt Agnieszka Salek ebenfalls an. „Jede dritte Frau in Deutschland ist Opfer von Partnerschaftsgewalt“, unterstreicht sie. Von 141.000 Fällen sind 115.000 Betroffene Frauen. Bei sexualisierter Gewalt sind 98,1 Prozent weiblich. „Jede 45. Minute erlebt eine Frau in Deutschland einen Übergriff“, weiß Agnieszka Salek. „Perspektivisch wollen wir in enger Zusammenarbeit mit dem Feministischen Netzwerk für Mädchen und Frauen, Polizei und Jugendamt entgegenwirken und Projekte auf die Beine stellen.“

Unabhängig von Aktivitäten und Veranstaltungen geht es der neuen Gleichstellungsbeauftragen vor allem darum, strukturelle Veränderungen voranzutreiben. „Es geht darum Weichen zu stellen, die Verbesserungen ermöglichen. Und: Es lohnt sich für die Rechte von Frauen einzustehen“, sagt sie mit Blick auf Polen, wo Frauen gegen das neue Abtreibungsverbot auf die Straße gehen.

One Billion Rising

Ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen

Wie in zahlreichen anderen Städten bundesweit findet auch in Bielefeld am 14. Februar 2021 „One Billion Rising“ (Eine Milliarde erhebt sich) statt. Mit dieser Aktion setzen Frauen für Frauen in aller Welt tanzend ein Zeichen gegen Gewalt an Mädchen und Frauen und wollen darauf aufmerksam machen, dass ein Drittel aller Frauen mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Gewalt sind.