Christopher Lannert
„Ruhig, gelassen, humorvoll, intelligent“, so beschreibt Stefano Russo seinen Teamkollegen Christopher Lannert. „Das würde ich unterschreiben“, lacht Arminias Nr. 24. Und fügt fast entschuldigend hinzu: „Ich versuche einfach, meinen Weg zu gehen.“ Er ist kein Lautsprecher, aber sehr präsent – auf und neben dem Platz. Mehr als 100 Spiele hat der Rechtsverteidiger mit konsequentem Offensivdrang seit seinem Wechsel zu Arminia für die Blauen bestritten. Chris, wie er in der Mannschaft genannt wird, avancierte schnell zum Führungsspieler.

„Als ich hierhergekommen bin, war die ganze Mannschaft neu. Wir waren ein zusammengewürfelter Haufen“, erinnert er sich an den holprigen Start in der 3. Liga im Sommer 2023. „Wir mussten uns erst mal finden. Was danach wuchs, war mehr als eine funktionierende Mannschaft. Es war eine Einheit. Wie wir uns steigern konnten und zusammengewachsen sind – das ist rückblickend das Prägendste.“ Wenn er darüber spricht, sagt er nicht „ich“. Er sagt „wir“. Das Bild, das sofort auftaucht, wenn er an diese Zeit denkt, ist Berlin. Das DFB-Pokalfinale unter Flutlicht.
Die Niederlage schmerzte, aber letztlich überwog der Stolz auf die Leistung. Damit meint er nicht nur das Spiel, sondern den Weg dahin. „Wenn du ein Finale spielst, willst du es gewinnen. Die Bedeutung für die Stadt und die Fans – das realisiert man erst Wochen später“, so Bielefelds Nr. 24.
„Ich versuche, Niederlagen nicht überzubewerten – genauso wenig wie Siege. In einer Saison verlierst du Spiele, Fehler gehören dazu. Entscheidend ist, es in der nächsten Woche besser zu machen.“ Chris ist keiner, der Emotionen versteckt. Aber er lässt sich nicht von ihnen treiben. „Es bringt nichts, loszubrüllen, ohne sicher zu sein, dass das, was ich sage, Hand und Fuß hat.“ Seine Autorität entsteht nicht durch Lautstärke, sondern durch Klarheit und Konstanz. Vielleicht wurde ihm diese Fähigkeit zur Differenzierung schon in die Wiege gelegt. Geboren in München, aufgewachsen zwischen dem FC Bayern und 1860 München. „Beides“, antwortet er auf die Frage nach der Vereinsfarbe seiner Kindheit. „Ich habe für beide Clubs gespielt und war nie der Typ, der die einen nur lieben und die anderen hassen konnte.“
Klar & konstant
Schon mit vier Jahren fing Chris Lannert an, Fußball zu spielen. Früh war klar, dass der Sport mehr ist als ein Hobby. Mit acht Jahren kam er ins Nachwuchsleistungszentrum von 1860 und zehn Jahre später trainierte er bei den Profis vom FC Augsburg mit.

„Da wusste ich: Jetzt bin ich hier – jetzt will ich auch reinrutschen.“ Und doch hat er sich nie ausschließlich auf den Sport verlassen, hat sein Abi gemacht und studiert momentan BWL an einer Fern-Uni. Der Immobilienmarkt interessiert ihn, aber auch eine Tätigkeit im Sport könnte sich der 27-Jährige nach seiner Profikarriere vorstellen. Aber er möchte in seiner Heimat leben, sesshaft werden. Das Nomadenleben ist Teil seines Jobs, aber für ihn kein erstrebenswerter Dauerzustand. Seine Familie ist ihm sehr wichtig. Eine Woche nach dem Pokalfinale hat er geheiratet. „Das war eine verrückte Zeit. Drei Tage Mannschaftsreise nach Mallorca, Westfalenpokal, dann direkt in den Flieger nach München. Einen Tag später stand ich vor dem Altar.“
In Ostwestfalen fehlen ihm manchmal die Berge und die Seen. Ein perfekter freier Tag – außerhalb der Saison – sieht so aus: Mit der Familie und den Hunden wandern am Tegernsee bei Sonnenschein, abends ein Halbes Hendl und zum Dessert auf jeden Fall Kaiserschmarrn. Während der Spielzeit lebt der Außenverteidiger allerdings sehr diszipliniert, achtet akribisch auf seine Ernährung und ausreichend Schlaf. Das könnte sonst die entscheidenden Prozentpunkte der Leistungsfähigkeit kosten. Auch das Skilaufen muss wegen der Verletzungsgefahr bis nach der Karriere warten. Wie Verzicht fühlt sich das für ihn nicht an. „Ich habe null das Gefühl, dass ich etwas verpasse. Ich mache das, was ich liebe. Ich wollte dieses Gesamtpaket.“ Chris Lannert weiß um die Privilegien, die er als Profifußballer hat. Wenn er durch Bielefeld geht und jemand sein Trikot mit der 24 trägt, findet er das surreal. „Am Anfang habe ich geschaut, ob das jemand ist, den ich kenne, dem ich mal mein Trikot geschenkt habe“, lacht er. Wichtig ist ihm der Kontakt zu den Fans. „Wir wollen ja alle dasselbe und sitzen in einem Boot.“ Er hat erlebt, wie viel Kraft diese Nähe geben kann – gerade in schwierigen Phasen. Auch Termine, die nichts mit Fußball zu tun haben, nimmt er gerne wahr, etwa Besuche in der Kinderklinik Bethel. „Für uns ist es ein Nachmittag. Aber wir machen einige Kinder sehr glücklich.“ Es ist dieser Blick für Relationen, der Christopher Lannert ausmacht: Dankbarkeit statt Selbstverständlichkeit.
Und dann ist da noch Rumänien. Die Heimat seiner Eltern, deren Staatsbürgerschaft Chris neben der deutschen besitzt. Für die Nationalmannschaft nominiert zu werden, wäre ein Traum. Kontakte in der Jugend waren bereits da. „Ein Münchner in der rumänischen Nationalmannschaft.“ Das wäre eine Headline, die er gern über sich lesen würde. Sachlich, leistungsbezogen. Vielleicht ist Chris genau das für Arminia: kein Spieler für ganz großen Schlagzeilen – sondern einer, der sie möglich macht. Und manchmal sind es genau diese Spieler, die eine Mannschaft wirklich prägen.