JOEL „JONNY“ GRODOWSKI
Tempo, Torgefahr, Teamgeist – und dazu eine Portion Bodenständigkeit. Wer Joel Grodowski erlebt, versteht schnell, warum ihn fast alle „Jonny“ nennen – außer seiner Familie. Bei allem, was der 28-Jährige im vergangenen Jahr mit Arminia Bielefeld erlebt hat, wirkt er so, als komme er gerade vom Bolzplatz nebenan. DFB – Pokalfinale in Berlin, Aufstiegsfeiern auswärts und zu Hause – fast jede Woche ein Highlight.

Das Finale in Berlin war schon das Größte“, so der 1,85 Meter große Stürmer. Und doch bleibt ihm vor allem ein Moment unvergessen: sein erstes Tor für den DSC. „Es hat ja etwas gedauert. In den ersten Spielen hat es noch nicht geklappt und ich wollte unbedingt den Baby -Jubel machen.“
Am 21. Februar war es in der 36. Minute gegen 1860 München so weit: Grodowski netzt ein, schnappt sich den Ball, steckt ihn unter das Trikot und den Daumen in den Mund.
Zu dem Zeitpunkt war Jonny noch keinen Monat bei den Blauen. Er kam aus der bei manchen Bielefeld-Fans nicht sonderlich beliebten Stadt bei Telgte. Mit den Preußen war er in die 2. Liga aufgestiegen und hatte mit seinen Treffern großen Anteil an diesem Erfolg. Doch nun saß der Stürmer meist auf der Bank. Kurz darauf folgte der Winter-Wechsel nach Bielefeld. Eine gute Entscheidung, wie er lachend sagt. Seine offene und unverstellte Art machte ihm die Integration ins Team leicht. Und auch die Skeptiker unter den DSC-Fans überzeugte er durch seine Leistung, seinen Kampfeswillen und nicht zuletzt durch seine vielen Tore. I n dieser Saison trifft der Stammspieler im Schnitt in jedem zweiten Spiel. „Das dürfen gern noch mehr werden“, betont der Torjäger. „Momentan arbeite ich intensiv an meiner Körpersprache. Nach einer schlechten Aktion mache ich mir zu viele Gedanken und brauche zu lange, um wieder voll fokussiert sein. Das ist nicht gut, denn in der Zeit, in der ich noch über die vorherige Szene nachdenke, könnte ich ein Tor schießen.“ Außerdem stehen die Verbesserung des Kopfballspiels und des Defensivverhaltens auf dem Trainingsprogramm.
Wo liegt eigentlich dieses Bradfort?
Fußball spielt Joel Grodowski seit er denken kann. „Mit meinem Bruder und meinem Papa bin ich in jeder freien Minute bei uns auf den Bolzplatz gegangen“, erinnert er sich. Seinem Vater hat er es zu verdanken, dass er heute beidfüßig schießen kann. „Du darfst heute nur auf den Platz, wenn du ausschließlich mit links schießt, hat er gesagt“, grinst der 28 -Jährige.
2017 kam es dann zum wohl bislang verrücktesten Moment in seiner Karriere: Ein Anruf aus England. Bradford City will ihn verpflichten – direkt aus der Kreisliga. „Ich habe das für einen Scherz gehalten und musste erst mal googeln, was die League One ist und wo Bradford liegt.“ Zwei Wochen später stand der 1 9 -Jährige beim englischen Drittligisten unter Vertrag.

Was als Traum begann, sollte schnell zu einem Härtetest werden. „Ich war verletzt, kannte niemanden, beherrschte die Sprache nicht und wohnte in einem dunklen Hotelzimmer. Ich hatte Heimweh, aber meine Eltern haben mich bestärkt, nicht aufzugeben und für meinen Traum zu kämpfen.“ Er biss sich durch, erfüllte seinen Vertrag in England und nutzte damit das, was er seine zweite Chance nennt. „Mit 1 6 war ich faul. Vielleicht habe ich Talent vergeudet, aber ich wollte keinesfalls ins Internat. Deshalb habe ich nie ein Nachwuchsleistungszentrum von innen gesehen.“ Man bekommt die Kreisliga nicht aus Jonny Grodowski heraus. „Mein Spiel hat sich zwar verändert, aber manchmal ist es effektiver, wenn ich den Ball am Gegner vorbeilege, hinterherrenne und keine 20 Übersteiger mache. Ich bin immer noch derselbe Mensch, der ich in der Kreisliga war, auch wenn ich jetzt in der 2. Bundesliga spiele.“ Er ist ein Spieler ohne Allüren, erfüllt immer gern Selfie-Wünsche. „Ich kann gar nicht richtig verstehen, warum ein Autogramm von mir etwas Besonderes ist, ich bin doch nur Jonny .“ Wenn er auf dem Weg zum Stadion jemanden sieht, der sein Trikot trägt, berührt ihn das. Und manchmal ruft er dann ganz spontan aus dem Autofenster: „Geiles Shirt! “
Weil er sich nicht über andere erhebt, bedeutet das im Umkehrschluss, dass er selbst keine Angst vor großen Namen hat. „Klar, Jonathan Tah war ein echt harter Gegner, aber auf dem Platz sind wir alle gleich.“ Er ist ein J unge vom Dorf, mag das Ü berschaubare, das Verlässliche. Spaziergänge mit seiner Frau, Play station mit den J ungs von früher, Nachbarn, bei denen man sich Mehl leiht. Seine Hochzeit und die Geburt seiner Tochter im August 2025 nennt er „die schönsten Momente meines Lebens“. Schlechte Laune? Selten. „Wenn ich nach einer Niederlage heimkomme und die Kleine sieht mich an, weiß ich sofort: Es gibt ein Leben neben dem Fußball.“ Und das sieht nicht viel anders aus als bei Millionen anderen. Tattoos erzählen seine Geschichte: „Alles wird gut“ ziert u. a. seinen Oberkörper, „Thankful“ prangt auf dem Kehlkopf. „Dankbar für meine Familie und dafür, nach langer Rückenleidenszeit wieder gesund zu sein“, erklärt er den Schriftzug, den er sich vor drei Jahren stechen ließ. „Ohne meine Frau wäre ich nicht da, wo ich heute bin.“ Und was könnte ein J ob nach der Profikarriere sein? „Ich habe schon mal nebenbei in einer Grundschule die Mittagsbetreuung gemacht und eine Fußball AG angeboten. Was mit Kindern und Fußball könnte ich mir gut vorstellen.“