„Man kann immer alles anders erzählen“ – unter dieser Überschrift bringen die 31. Bielefelder Literaturtage vom 1.10. bis 6.11. elf renommierte Autor*innen in die Stadtbibliothek am Neumarkt.

„Angelika Teller, Leiterin der Literaturtage, hat ein Programm zusammengestellt, das persönliche Geschichten, politische Gegenwart und gesellschaftliche Fragen zusammenführt – wie immer begleitet von Musik. Mit gleich mehreren Gästen aus Österreich bekommt das Programm in diesem Jahr zudem einen besonderen Akzent. Den Auftakt übernimmt Norbert Gstrein mit „Im ersten Licht“ (1.10.). Im Mittelpunkt steht Adrian Reiter, dessen Lebensgeschichte sich durch das 20. Jahrhundert zieht – und mit ihr die Spuren zweier Weltkriege.

„Er ist ohne Zweifel einer der größten europäischen Erzähler, die wir haben“, sagt Klaus-Georg Loest von der Literarischen Gesellschaft OWL/Literaturhaus Bielefeld und dem Förderverein der Stadtbibliothek Bielefeld, die wieder vier Lesungen fördern. Weiter geht es mit Robert Menasse und „Die Lebensentscheidung“ (7.10.), einer Novelle über Krankheit, beruflichen Auf- und Ausstieg und eine ungewöhnliche Mutter-Sohn-Beziehung. Zwei Tage später reist Milena Michiko Flašar aus Wien an. In „Der Hase im Mond“ (9.10.) erzählt sie von Einsamkeit und unerfüllten Sehnsüchten, vom Verschwinden und Wegträumen – und erweitert ihre Geschichten humorvoll und spielerisch um eine surreal-phantastische Ebene. „Ihre Handschrift ist unverkennbar – der Rhythmus, die Wortwahl, dieser ganz besondere Stil. Ich finde sie ganz, ganz spannend“, sagt Angelika Teller. Persönlich und politisch wird es bei Judith Hermann. In „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ (14.10.) folgt sie den Spuren ihres Großvaters, der während der NS-Zeit der SS angehörte, bis nach Polen. Vergangenheit, Erinnerung und die Frage, wie tief man in der eigenen Familiengeschichte graben will, ziehen sich durch das Buch. „Was macht das mit ihr und was macht das mit uns? Ich war zutiefst berührt davon“, sagt Klaus-Georg Loest.

Mit „Am Meerschwein übt das Kind den Tod“ (16.10.) nähert sich Nora Gomringer schreibend ihrer verstorbenen Mutter. Tomer Gardi verbindet in „Liefern“ (20.10.) die Geschichten von Essenslieferanten in Metropolen rund um den Globus zu einem Gegenwarts-Epos über Rassismus und Ausbeutung, Liebe und die Sehnsucht nach Verbundenheit. Tragikomisch wird es mit David Vajdas Debüt „Diamanten“ (22.10.): Vier erwachsene Geschwister, ihre über die Welt verteilten Familien und ihr ex-jugoslawischer Vater treffen auf Trauer, Sarkasmus und Groteske. Hochpolitisch ist Oliver Bottinis Krimi „Die Summe aller Dinge“ (27.10.), der den Cum-Ex-Skandal in den Blick nimmt und Thriller und Zeitdiagnose verbindet.

Nava Ebrahimi richtet den Blick ins Emsland. „Und Federn überall“ (29.10.) verknüpft mit großer Erzähllust und feiner Ironie die Geschichten von sechs Menschen, die ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlagen, zu einem Gesellschaftsroman. „Es geht um die Frage, menschlich zu bleiben in einem immer härteren Umfeld“, erklärt Bielefelds Kulturdezernentin Birgit Beckermann, die die Lesung auch moderieren wird. Im März 2027 kommt der Roman zudem im TAM auf die Bühne. Wie lebt man mit dem Abschied? Gabriele von Arnim nähert sich dieser Frage in „Abschied leben“ (3.11.) aus persönlicher wie politischer Perspektive. Ein Jahr lang schreibt sie über Abschiede, Träume, Gegenwartsängste – und die unentbehrliche Lebensfreude. „Es ist ein durchaus trostreiches Buch. Abschied heißt nicht nur Beraubung und Trauer, sondern auch Verwandlung, Aufbruch und Abenteuer“, sagt Angelika Teller. Zum Finale kommt András Visky mit „Die Aussiedlung“ (6.11.), ausgezeichnet mit dem Internationalen Literaturpreis 2026. Sein autobiografischer Roman erzählt von einer Familie, die im kommunistischen Rumänien auseinandergerissen und zur Zwangsarbeit in die Steppe deportiert wird. „Ein eindringliches literarisches Zeugnis über Vertreibung, Verlust und die Kraft menschlicher Widerstandsfähigkeit“, unterstreicht Dr. Iulia Capros, Direktorin der Stadtbibliothek Bielefeld. Zugleich ist der Roman „eine Liebeserklärung an seine Mutter“. Ein gewichtiger Schlusspunkt für Literaturtage, die einmal mehr zeigen: Geschichten lassen sich immer anders erzählen.

1.10. bis 6.11., Lesungen jeweils 20 Uhr

Stadtbibliothek am Neumarkt

www.stadtbibliothek-bielefeld.de

Tipps:

Alle Lesungen – bis auf Judith Hermanns und David Vajdas – werden live gestreamt.

16.1.27, 20 Uhr, Stadtbibliothek am Neumarkt: „Sad Songs To Cry To“ – Mira Lu Kovacs und Clemens Wenger, zwei Ausnahmemusiker aus Wien, präsentieren Neuinterpretationen von Popsongs und Jazz-Standards.

Buch Print

Fesselnd

D.B. John – Red Star Down

Suhrkamp, 20 €

Februar 2017: Ein Nordkoreaner wird am helllichten Tag am Flughafen von Kuala Lumpur vergiftet. Ein hochrangiger russischer Geheimdienstoffizier stirbt unter mysteriösen Umständen in einem Hotel in Washington. Und Trump zieht ins Weiße Haus ein. Alles Zufall?

Während die Machtzentren der Welt aus dem Gleichgewicht gebracht werden, geraten eine CIA-Agentin, ein russischer Student und ein nordkoreanischer Spion in ein gefährliches Geflecht aus Intrigen, Verrat und Manipulation. John verknüpft reale Ereignisse mit Fiktion und stellt die Frage, wem eigentlich noch zu trauen ist. Auf 700 Seiten alle Bälle in der Luft zu halten und durchgehend Spannung zu erzeugen, ist meisterhaft. (E.B.)

Berührend

Stephan Lohse – Das Knistern im All

Suhrkamp Nova, 24 €

Schon mit seinem Sommerroman „Das Summen unter der Haut“ hat Stephan Lohse bewiesen, dass er ein Gespür hat für das Abenteuer des Jungseins, den Gefühlsüberschwang, die erste Verliebtheit. Auch Matti, die Ich-Figur in seinem neuen Roman, befindet sich in dieser aufreibenden Phase. Als Junge aus reichem Hause hat er eine Sonderstellung in seiner Clique, aber er ist dennoch einer von Ihnen.

Auf einer Klassenfahrt nach Amrum kulminiert das Ganze: Zwischen Kiffen, Küssen und Chillen am Strand erleidet er einen psychischen Zusammenbruch. Wie Stephan Lohse eine ganz eigene Sprache findet für tiefe Freundschaft und mentale Verirrungen, das macht ihm so leicht niemand nach. Am Ende dieser Geschichte hat man als Leser das Gefühl, selbst Teil dieser Clique gewesen zu sein. (H.O.)