Marco Kostmann

Sein Vater war Torschützenkönig der Oberliga – höchste Spielklasse der DDR – und auch sein Bruder war erfolgreich im Fußball unterwegs. „Bei mir war anfangs nicht so ganz klar, was aus dem kleinen Dicken werden sollte. Da ging nur ganz vorn oder ganz hinten“, erinnert sich DSC-Torwarttrainer Marco Kostmann an seine Anfänge als Fußballer. Es wurde dann „ganz hinten“.

Mit etwa 13 Jahren ging der gebürtige Rostocker ins Tor und blieb auf dieser Position. Mit 14 zog er nach Berlin und besuchte in der Hauptstadt der DDR die Sportschule. In Köpenick erlebte der seinerzeit 23-Jährige den Fall der Berliner Mauer. Wie so viele saß der Torhüter von Union Berlin am 9. November 1989 vor dem Fernseher und rätselte, was die Ankündigung von Günter Schabowski (Sekretär für Informationswesen des ZK der SED) bezüglich der „Reisen ins westliche Ausland“ bedeuten sollte. „Klar, die Montagsdemos in Leipzig haben wir alle verfolgt. Und in der Nacht zum 10. November war ich auch an der Warschauer Straße, um zu gucken, was passierte. Es war ja keineswegs klar, dass dieser Umbruch friedlich blieb. Bei anderen Gelegenheiten waren Panzer aufgefahren worden“, sagt er mit Blick auf die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung durch das kommunistische Regime in China auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ wenige Monate zuvor. Zunächst herrschte auch in Berlin eine große Verunsicherung. „Was das für den Fußball heißen könnte, daran habe ich erst viel später gedacht“, sagt Marco Kostmann heute. „Für mich bedeutete es, dass ich endlich freier leben konnte. Die Musik hören, die mir gefiel. Und den Mund aufmachen zu können, ohne drangsaliert zu werden. Und auch frei reisen und wählen zu können. Wenn mir heute jemand sagt, es war nicht alles schlecht in der DDR, drehe ich durch.“

„HEIMAT IST EIN GROSSES WORT“

Einblick in seine „Stasi-Akte“ nahm Marco Kostmann, als er 1991 für Saarbrücken spielte. „Ich lebte in Frankreich und es gab die Möglichkeit, sich Teile der Akten schicken zu lassen. Viel war geschwärzt. Es war erschütternd, wie sich Menschen für die Diktatur haben instrumentalisieren lassen; teilweise wurden sie vom Ministerium für Staatssicherheit erpresst, andere erhofft en sich Vorteile davon. Meine Akten sind voller Nichti gkeiten, etwa, dass ich eine Ritt er Sport Schokolade gegessen oder mit meinem Onkel in Wiesbaden telefoniert habe. Nach 1989 sind all diese Fesseln weggefallen.“
Von Saarbrücken zog es den Torhüter nach Hamburg, Norderstedt und nach Paderborn, wo er auch seine erste Trainerstation absolvierte. Seit 2011 ist Marco Kostmann in Bielefeld — 2015 kehrte er für zwei Jahre zurück in die Hansestadt und trainierte beim HSV II. Seither ist für die Blauen aktiv und fühlt sich in Bielefeld sehr wohl. Heimat ist ein zu großes Wort. „Alles, was ich mag, ist hier
Und was ich nicht mag, ist hier auch nicht“, bringt er es lakonisch auf den Punkt. Schon während der laufenden Spielzeit 2021/22 hat er seinen Vertrag beim DSC bis 2025 verlängert. „Wahrscheinlich kommt mir die Mentalität der Ostwestfalen als Norddeutscher entgegen.
Ich laufe ja auch nicht permanent mit einem Lächeln durch die Gegend. Das gibt meine Gesichtsmuskulatur gar nicht her.“ Lächeln vielleicht nicht, aber Humor, Sachlichkeit und Leidenschaft — eine Kombination, die sich nicht ausschließt — Professionalität und Verantwortungsbewusstsein sind Charaktereigenschaften, die man nach einem Gespräch mit Marco Kostmann sofort im Kopf hat.

BIELEFELD, DEUTSCHLAND – 20. JUNI 2022: Nils Hahne (L) und Trainer und Torwarttrainer Marco Kostmann waehrend des Training des DSC Arminia Bielefeld auf dem Trainingsgelaende an der Friedrich-Hagemann-Strasse in Bielefeld. (Foto: Thomas F. Starke)

VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN

Dass sich Marco Kostmann vier Spieltage vor Saisonende nicht weggeduckte und die Verantwortung als Chef-Trainer des DSC übernahm, zeichnet den gebürtigen Rostocker aus.Schließlich hat der renommierte Torwart-Trainer, der schon den SC Paderborn (Jugend), FC St. Pauli, Hansa Rostock (verschiedene Positionen), HSV II, die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste, die Jugend des DFB und die U20 trainierte, einen Ruf zu verlieren. „Es war von Anfang an klar, dass ich nicht die Position als Chef-Coach anstrebe. Ich bin sehr gerne Torwart-Trainer, da bin ich sicher und weiter neugierig. Ich habe den Zweck meiner Existenz gefunden“, berichtet Marco Kostmann.
2011 war bei Arminia vieles im Umbruch, der Verein gerade in die 3. Liga abgestiegen. Der im März frisch verpflichtete Samir Arabi stellte einen komplett neuen Kader zusammen — u. a. mit Fabian Klos, Sebastian Hille und Tom Schütz. Markus von Ahlen wurde Chef- und Stefan Krämer Co-Trainer. Marco Kostmann trainierte zu der Zeit die U20 des DFB, als ihn der Anruf des neuen DSC-Coaches erreichte, mit dem er 2006 die Lizenz zum Fußball-Lehrer gemacht hatte. „Marco, ich habe da eine doofe Idee: Wir haben kein Geld, brauchen aber einen Torwart-Trainer“, erzählt der heute 56-Jährige. „Nach einem Gespräch mit Samir Arabi habe ich dann nur gefragt, wann soll ich wo sein.“ Am nächsten Tag ging es ins Trainingslager.
Sportlich hatte Kostmann den Eindruck, dass in Bielefeld etwas entstehen könnte. Er vereinbarte mit dem DFB, dass er weiterhin bei der U20 bliebe und wurde sich mit Arminia einig. Die überaus erfolgreiche Zusammenarbeit mit Stefan Ortega begann.

IMMER 100 PROZENT

Marco Kostmann verlangt viel von seinen Schützlingen — am Spieltag und beim Training. „Auf der Position im Tor ist jede kleine Aktion spielentscheidend. Der Torwart muss die Konzentration immer voll hochhalten, auch wenn der Ball weit weg ist. Das ist wie beim Boxen, ein unachtsamer Moment und man liegt k. o. auf dem Boden.“ Zur Steigerung der Reaktionsfähigkeit haut er seinen Torhütern auch mal Tennisbälle um die Ohren. Sein Trainingsansatz, von Philosophie will Marco Kostmann nicht sprechen, basiert auf Vertrauen. „Ich muss meinen Spielern das Gefühl geben, dass ich es bedingungslos gut finde, was sie auf den Platz machen. Daraus erwächst Selbstvertrauen, das sie brauchen, um ein gutes Spiel zu machen.“Marco Kostmann hat das Privileg, mit einer kleinen Gruppe von zwei bis vier Personen zu arbeiten. Danach sind die Spieler „mental platt“. „Torhüter ticken anders als Feldspieler“, weiß der ehemalige Profi, der in seiner aktiven Zeit im Herren-Bereich weit über 300 Mal das Tor gehütet hat. „Torhüter sterben mit offenen Augen“, sagt er. „Die Augen sind immer auf den Ball gerichtet. Wenn der Stürmer angerauscht kommt, muss er im Eins-gegen-Eins mit allen Körperteilen das Tor verhindern, sich im Gesicht anschießen lassen und das auch noch schön finden. Dafür braucht es Charakter.“ Mut ist jedoch kaum trainierbar. „Man muss der Typ fürs Tor sein. In der Defensive finden sich häufig seriöse Charaktere, im Angriff sind es es oft hoch kreative. Aus einem Torhüter kann man keinen Charakter formen, den muss er per se mitbringen. Torhüter sind leidensfähig gegen sich selbst. Die Nr. 1 gibt alles dafür die Nr. 1 zu bleiben, während die Nr. 2 alles daransetzt, die Nr. 1 zu werden.“
Apropos Nr. 2. An Stefan Ortega gab es für den im August 2021 verpflichteten Stefanos Kapino kein Vorbeikommen. Lediglich als „Tego“ erkrankte, konnte er gegen Leipzig zeigen, welche Fähigkeiten in ihm stecken. „Ich habe ihn insbesondere für die erste Halbzeit gelobt. Dass mir seine Körpersprache, seine positive Energie und wie er die Mannschaft von hinten gecoacht hat, sehr gefallen habe. Das hat ihn überrascht, weil er doch in der zweiten Hälfte drei Bälle gehalten habe. Darauf habe ich erwidert, dass ich es von ihm auch erwarte, dass er die Bälle hält.“
„Kappi ist ein großes Talent und ein großartiger Teamplayer, das zeichnet eine gute Nummer 2 aus. Die sind rar auf dem Markt, denn sie müssen trotz wenig Spielpraxis immer bereit sein und dabei umgänglich bleiben. Meine Aufgabe ist es, ihn so gut vorzubereiten, dass er die Saison durchspielen kann.“
Jeder Torhüter ist anders. „Der eine tut vor dem Spiel noch etwas für seine Hand-Auge-Koordination, der andere wiederum widmet sich der muskulären Vorbereitung, während wiederum ein anderer einen Espresso trinkt“, erzählt der erfahrene Torwart-Trainer. Jeder Torwart hat einen Motivationsanker. „Bei Tego war es der gegnerische Torhüter. Für ihn war es wichtig, sich mit Neuer oder Casteels zu messen und nicht die direktenDuelle mit Haaland oder Lewandowski. Unser Job im Trainerteam ist es, diesen Anker zu identifizieren und zu stärken.