Wladimir Kaminer

Meine Töchter mussten in ihrer letzten Deutscharbeit eine Analyse zu Wladimir Kaminers Kurzgeschichte „Berlin-Malawi“ aus „Coole Eltern leben länger“ schreiben. Und sind damit augenscheinlich nicht allein. „Meine Kinder mussten da auch durch“, sagt der Beststellerautor lachend. „Mein Sohn hat es gehasst und kam mit der Frage nach Hause, was die Botschaft meines Textes sei. Da musste ich mich erst einmal mit meinem Text auseinandersetzen!“ Das Ergebnis daraus: Eine neue Geschichte.

Seit zwanzig Jahren –es begann mit seinem Besteller „Russendisko“ – inspiriert ihn seine Familie. „Das sind die Menschen, die ich gut beobachten kann, aber ich schreibe auch viel über andere“, stellt Wladimir Kaminer fest, der am 11. Februar im Lokschuppen aus seinem aktuellen Buch „Rotkäppchen raucht auf dem Balkon“ lesen möchte und bereits sein neuestes im Gepäck haben wird. Es ist während der Pandemie entstanden und erscheint bereits im April dieses Jahres. „Ich beschreibe das Leben in der Pandemie, für viele eine Tragödie, aber als literarischer Stoff ein Geschenk Gottes und eine einmalige Gelegenheit, die Welt beim Durchdrehen zu beobachten“, betont der Autor, der in Berlin lebt.

Ausflüge nach Brandenburg bescherten ihm die Erkenntnis, dass sich auf dem Land auch in Corona-Zeiten wenig verändert hat. „Hier gab es schon immer eine natürliche soziale Distanz. Jetzt sehen sich die Brandenburger als Zukunftsentwurf für die Welt. Jeder will so leben wie sie“, lautet seine These. Tragik und Komik sind es, die im Leben oft nah beieinanderliegen und für die Wladimir Kaminer ein Gespür hat. Mit viel Empathie für Zwischenmenschliches. „Meine Mutter, 89 Jahre alt, plante kurz vor dem ersten Lockdown eine Weltreise, kommt aber kaum bis zur Kaufhalle um die Ecke; meine Kinder wollte ich ans andere Ende der Welt schicken, aber die bleiben wie Pflastersteine zu Hause“, resümiert er.

Um das komplizierte Verhältnis der Generationen geht es auch in seinen Geschichten aus „Rotkäppchen raucht auf dem Balkon“. Mit viel Liebe und Humor beschreibt der Familienmensch Kaminer, wie sie in der veränderten Welt klarkommen. „Ich studiere bei meinen Kindern die neue Weltordnung. Das ist interessant und erhellend.“ Dabei ist er sich keineswegs sicher, ob er darin seinen Platz findet. Sicher ist für ihn dagegen, dass Corona die Kultur bis ins Mark trifft. „Man kann nicht ohne Folgen auf Kultur verzichten“, unterstreicht er und fügt – durchaus mit erstem Unterton – hinzu: „Manch einer hat schon soziopathische Züge entwickelt und freut sich über wenig Kontakt.“ Er würde allerdings lieber auf Tour gehen. „Ich bin gespannt, ob es klappt!“, sagt Wladimir Kaminer.

Bielefeld ist neben Hamburg und Stuttgart die Stadt, in der seine größten Lesungen stattfinden. Auf die Party danach muss der Bestsellerautor allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit verzichten. „Es waren immer die tollsten Partys“, schwärmt er. Aber davon träumen, dass sie stattfinden könnte, ist erlaubt. Überhaupt trifft er zurzeit viele Menschen, die davon träumen, was sie machen werden, wenn Corona ‚vorbei ist‘. „Mein Sohn möchte auf ein Rap-Festival gehen, meine Tochter mit Freundinnen eine Radtour zur Ostsee machen“, erzählt Wladimir Kaminer. Und er? „Ich könnte auf Weltreise gehen.“ Schließlich sind seine Kinder inzwischen erwachsen und haben eine eigene Bleibe, seine Mutter hat eine neue Katze und seine Frau wollte schon immer Galeristin sein.

Wladimir Kaminer

Rotkäppchen raucht auf dem Balkon – und andere Familiengeschichten

20 €, Goldmann Verlag