Wie das Wetter im April führen auch Bücher ein Eigenleben.
Judith Holofernes – Hummelhirn
KiWi, 24 €
Jedes Hirn tickt anders. Und wenn jemand, die so gut mit Sprache umgehen kann, wie Judith Holofernes ihr Hummelhirn von der Leine lässt, ist das überaus mitreißend. Bevor sie der „netteste Rockstar“ der Welt wurde, galt sie als komisches Kind. Nicht, dass das im Berlin der 1970er Jahre weiter auffiel.

Erst als sie mit ihrer Mutter, die ihre Zuneigung zu Frauen entdeckt, ins beschaulich-spießige Freiburg zieht, wird es für Judith schwierig. Sie versucht, es allen recht zu machen – einfach nett zu sein. Doch dieser Spagat wird zum Kraftakt und hat manchmal auch viel mit sich verbiegen zu tun. Judith Holofernes erzählt von ihrer Kindheit, wechselt die Erzählebene zu ihrer Zeit bei „Wir sind Helden“, reflektiert und ist letztlich sehr froh, dass sie weiter hummelig sein kann und darf. Mit ungeheurem Sprachwitz, einer genauen Beobachtungsgabe und ganz viel Gefühl für Tempo und gelungene Formulierungen wünscht man sich, dieses Buch hätte noch viele Seiten mehr gehabt. (E.B.)
Garry Disher – Zuflucht
Unionsverlag, 24 €
In diesem Spannungsroman rückt der australische Autor ab von seinem bewährten Personal und ihm gelingt mit diesem Stand-alone wieder einmal ein Meisterstück. Im Mittelpunkt des Geschehens steht Meisterdiebin Grace. Wie einst Robin Hood stiehlt sie von den Reichen, allerdings teilt sie die Beute nicht mit den Armen. Dieses Leben hat seinen Preis: ständig auf der Flucht, immer in Alarmbereitschaft mit dem sprichwörtlichen Koffer unter dem Bett. Identitäten streift sie ab wie Perücken, falsche Papiere hat sie ebenso schnell zur Hand wie erfundene Vergangenheiten.

Als sie in den Adelaide Hills landet, verspricht der kleine verschlafene Ort genau das, wonach sie sich sehnt: Ein Leben, bei dem sie sich nicht ständig umgucken muss. Sie findet Freude an ihrer Arbeit in einem Antiquitätenladen und freundet sich mit der Eigentümerin Erin Mandel an. Es läuft gut für die beiden – doch Grace weiß, dass so manch alter Feind auf der Suche nach ihr ist. Was sie nicht weiß: Auch Erin ist eine Frau mit einer Vergangenheit. Toller Plot, gutes Setting und zwei starke Frauenfiguren machen „Zuflucht“ zu einem großen Lesevergnügen. (E.B.)
Anne Stern – Die weiße Nacht
Piper, 25 €
Es ist bitterkalt im Hungerwinter 1946/47. Die Berliner Bevölkerung ist voll und ganz mit Überleben beschäftigt. Da bekommt es Kriminalkommissar Alfred König mit einer Frauenleiche im Schnee zu tun.

Die junge Fotografin Lou Faber hat die Tote in den Ruinen gefunden und heimlich Fotos von der auffällig drapierten Toten gemacht. Als auf mysteriöse Weise die Polizeifotos von der Frau aus dem Präsidium verschwinden, wird Lou unfreiwillig in die Ermittlungen eingebunden, denn es gab einen weiteren Leichenfund, der auf einen Serientäter hinweist. König gerät unter Druck und schon bald weisen die Spuren in Richtung Vergangenheit, die noch nicht einmal ansatzweise aufgearbeitet ist. Anne Stern tritt hier nicht nur in Volker Kutschers Fußstapfen, sondern ist ihm mit dem ersten Band um Lou & König mit zwei herausragenden Figuren und einer grandios erzählten Geschichte schon einen Schritt voraus. Man darf sich auf die Fortsetzungen freuen. (E.B.)
Perry Chafe – Sommer auf Perigo Island
mare, 24 €
Sommer 1991 auf Perigo Island vor der Küste Neufundlands. Das Meer und der Fischfang bestimmen das Leben der Inselbewohner. Der zwölfjährige Pierce und seine Freunde Bennie und Thomas verbringen ihre Ferien damit, den im Hafen ankommenden Fischern beim Sortieren ihres schwindenden Fangs zu helfen. Bis sie erfahren, dass ein Mädchen von der Insel vermisst wird: ausgerechnet Anna, die in geheimer Verbundenheit zu Pierce steht und als Einzige von seiner Angst vor dem offenen Wasser weiß, die ihn quält, seit sein Vater auf See verschwand.

Zusammen mit Bennies New Yorker Cousine Emily setzen die Freunde alles daran, Anna zu finden. Auf ihrer abenteuerlichen Suche begegnen sie in bester, weil literarischer, „5 Freunde“-Manier einem mysteriösen Meeresbiologen, der nicht zur eingeschworenen Inselgemeinschaft gehört. Was will der Fremde auf Perigo Island?
Gleich in seinem Debüt legt Perry Chafe einen außergewöhnlichen Roman vor. Es geht um die erste Liebe, um Freundschaft, um Verlust und Veränderung. Diese grandiose Coming-of-Age-Geschichte schildert der Kanadier meisterlich. Spannend, berührend und mit viel Liebe zu seinen Charakteren. Absolute Leseempfehlung! (E.B.)
Hans Rosenfeldt – Die Farm der Mädchen
Wunderlich, 24 €
Auch solo weiß Hans Rosenfeldt zu überzeugen. Nach „Wolfsommer“ schickt er erneut die Polizistin Hannah Wester ins Rennen.

Der Auftakt ist auch hier furios: Mitten in der Nacht fliehen zwei Frauen voller Panik durch einen schwedischen Wald. Beide sind hochschwanger und ihre Verfolger kommen immer näher. Am nächsten Morgen wird ein totes Baby im Unterholz entdeckt. Von der Mutter fehlt jede Spur. Hannah, die vor einem Jahr ihren Mann verloren hat und gerade erst im Dienst zurück ist, stürzt sich mit aller Energie in die Ermittlungen. Sie stößt auf einen Fall, der über alles hinausgeht, was sie sich je hätte vorstellen können. Ein überraschendes Wiedersehen wirft sie fast aus der Bahn. Düster und fesselnd. Fans von „Killing Eve“ werden definitiv ihren Spaß haben. (E.B.)
Wolfgang Schorlau – Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter
Kiepenheuer & Witsch, 16 €
Berlin im Jahr 2026. Die Gas-Lobby jubelt: Einer von ihnen soll zum Minister ernannt werden – der allseits beliebte Karsten Richter. Nun könnte es ihnen gelingen, die drohende Klimaneutralität abzuwenden. Doch plötzlich macht eine Ankündigung die Runde: „Pressekonferenz: Mein Sohn Karsten – die Ökosau!“ Karstens Mutter, eine Klimaaktivistin der ersten Generation, hat kein gutes Gefühl bei der Karriere ihres Sohnes. An ihrer Erziehung liegt es nicht, aber die Zukunft unseres Planeten liegt ihm so gar nicht am Herzen. Stattdessen persönlicher Erfolg und die Anerkennung seiner Freunde zwischen Wirtschaft und Politik.

Höchste Zeit, ein Zeichen zu setzen. Der Kanzler ist alarmiert, Richter versucht, die Situation zu retten, da erhält er einen Anruf: Seine Mutter wurde entführt! Die beste Nachricht seit Tagen. Er beschließt, auf Zeit zu spielen …
Diese Satire ist so nah an der Realität, dass das Genre eigentlich „Horror“ lauten müsste. Mit spitzer Feder legt Wolfgang Schorlau, bekannt für seine bestens recherchierten Krimis, die sich mit den Missständen unserer Zeit befassen, den Finger tief in die Wunde. Er zeigt Politiker, die sich ausschließlich mit dem eigenen Machterhalt befassen und denen das „Wohle des deutschen Volkes“ – das ist es, worauf Minister einen Eid leisten – am Allerwertesten vorbeigeht. Hier bleibt die Frage, gerade auch mit Blick auf Masken und Maut: Lässt sich das eigentlich nicht einklagen? (E.B.)
Hiro Arikawa – Die Reisenden der Hankyu-Bahn
Hanser blau, 20 €
Die Hankyu-Bahn ist ein weinroter Regionalzug, der zwischen den japanischen Großstädten Osaka und Kyoto verkehrt und sanft durch eine reizvolle Berglandschaft fährt. Er ist Schauplatz dieses Romans, der in unterschiedlichen Erzählsträngen immer wieder neue Protagonisten vorstellt. Aber der Zug, die Strecke und die Stationen bilden die Anknüpfungspunkte, an denen sich die Figuren begegnen, sich streiten oder verlieben. Ein junges unerfahrenes Pärchen findet sich, eine Witwe entschließt sich, ein neues Leben anzufangen, ein aufdringlicher und unverschämter Club neureicher Besserverdienerinnen wird von Mitreisenden verdientermaßen zurechtgestutzt. Es ist das Unprätentiöse, das Alltägliche und Schlichte, das diesen Episodenroman so reizvoll macht. Als wäre der Roman selbst ein Zug, in dessen Abteilen man als Leser gern Platz nimmt. Man begibt sich, ebenso wie die Figuren im Roman, auf eine Reise, lässt sich mittragen und weiß noch nicht, wo man ankommen wird. Die Antriebsenergie dieses Zuges ist die Herzenswärme der Autorin, die mit diesem Roman 2008 einen Millionenseller in Japan landete. (H.O.)
Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit
Fischer, 23 €
Viele Kritiker mögen ja diesen typischen „Hermann-Sound“ nicht, diesen Stil, der ostentativ das Nachdenkliche, Zurückhaltende, Asketische und Melancholische vor sich her trägt. Ich mag diesen Stil eigentlich schon, weil er eben nicht in Gewissheiten schwelgt, sondern das Unsichere und Vorläufige unserer Gefühle perfekt widerspiegelt. In diesem Roman funktioniert das aber nicht. Ausgangspunkt ist ein Foto, auf dem die autobiographisch angelegte Protagonistin eine Tätowierung unter dem Arm ihres Großvaters entdeckt, ein Zeichen, dass er der SS angehörte. Im Zweiten Weltkrieg war er im polnischen Radom stationiert.

Ihr Großvater war also ein Nazi-Täter. Hat er aber auch aktiv an Kriegsverbrechen oder der Vernichtung der Juden mitgewirkt? Die Ich-Erzählerin begibt sich auf Spurensuche nach Radom, wird dort aber nicht fündig. Wie die Erzählerin selbst, kommt auch der Roman nicht recht voran, er ergeht sich eher in der Beschreibung von Stimmungen, der nachwinterlichen Betrachtung der polnischen Stadt, den Vermutungen und Schuldgefühlen aufgrund einer verdrängten Familiengeschichte. Was am Ende bleibt, ist leider nur Bonjour Tristesse. (H.O.)

Maciej Siembieda – Katharsis
Polente Verlag, 24 €
Der griechische Partisanenheld Kostas Tosidos landet 1949 mit seiner Familie in einem geheimen Krankenhaus auf der polnischen Ostseeinsel Wollin. Obwohl er die Identität wechselt, holt ihn seine Vergangenheit ein und führt ihn geradewegs in die Tragödie. Der Schmuggler Sacharin beherrscht in den 1930ern den Gdingener Schwarzmarkt, bis Verrat und Krieg sein Leben in eine Abfolge schrecklicher Ereignisse verwandeln. Janis, Kostas‘ Sohn, muss unter dramatischen Umständen seine Boxkarriere aufgeben.
Er tritt in den polnischen Milizdienst ein und stößt bei einer seiner Ermittlungen auf das große Geheimnis seines Vaters. Zulus, einst Sacharins Zögling, will die kriminelle Nachkriegsgeschichte Gdingens selbst bestimmen. Doch das Schicksal hat andere Pläne mit ihm.
Die scheinbar eigenständigen Geschichten verwebt der preisgekrönte Autor auf über 600 Seiten zu einem epischen und spannenden Roman. Hier treffen sich die Protagonisten in einer Uranerzmine in Niederschlesien, wo die Sowjets zwischen 1948 und 1953 Material für ihre Atombomben abbauten. Maciej Siembieda thematisiert ein hierzulande noch wenig bekanntes Kapitel europäischer Geschichte – die Aufnahme griechischer Flüchtlinge in Polen nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs. (R.R.)
Martin Suter – Können Sie mich sehen
Diogenes, 26 €
Dem Schweizer Bestseller-Autor bereitet es diebische Freude, die Worthülsen der CEOs, CFOs, CCOs oder der Head ofs was auch immer zu entlarven. Kein Buzzword der letzten Jahre ist vor ihm sicher. Egal ob es um Agilität, proaktives Handeln oder skalierbare Lösungen geht. Die Topmanager dieser Welt waren schon da, sind Vorreiter, immer alert und bereit.

Die Fallhöhe ist hoch – und nun müssen sie sich mit der Haltung der jungen Generation beschäftigen und – was noch schlimmer ist – mit Frauen und Diversität in der Unternehmenskultur. All diese Fallstricke beleuchtet Martin Suter in seinen Kurzgeschichten. (E.B.)

Jens Henrik Jensen – Oxen: Interregnum
dtv, 17 €
Im siebten Band der Reihe läuft Jens Henrik Jensen wieder zu Höchstform auf. Während die beiden Vorgänger leicht schwächelten, hat Interregnum Tempo und entfaltet einen richtig guten Lesesog. Das hat vielleicht auch was mit der Konstellation zu tun. Axel Mossman, vorübergehend zurück auf seinem Posten als Geheimdienstchef, bittet Niels Oxen und Margrethe Franck um Hilfe. Denn es verdichten sich die Hinweise, dass hochrangige Persönlichkeiten der dänischen Politik den Wiederaufbau des Danehof vorantreiben.
Dabei dachte das Trio, dass es diesen mächtigen Geheimbund, der die Demokratie untergräbt, bereits vor Jahren vernichtend geschlagen hatte. Ein Trugschluss. Und die Gegner kennen keine Skrupel. Das ist spannend bis zur letzten Seite. (E.B.)