Bald sind Ferien. Unser Tipp: Lassen Sie noch ein wenig Platz im Koffer.

Kathryn Stockett – Der Club der Unbeugsamen

btb, 28 €

Für mich das beste Buch, das ich in diesem Jahr bislang gelesen habe. Selbst nach 840 Seiten hätte ich diese ungewöhnlichen und höchst couragierten Frauen, die sich trotz aller Widrigkeiten nicht unterkriegen lassen, gern noch weiter begleitet. Sie sind mir mit all ihren Stärken und Schwächen ans Herz gewachsen.Und darum geht’s:

1933: Die Weltwirtschaftskrise macht allen das Leben schwer – den Armen jedoch ganz besonders. Deshalb reist die unverheiratete Birdie Calhoun nach Oxford, Mississippi, um ihre Schwester Frances um Geld zu bitten. Denn Birdies Familie läuft Gefahr, ihr Haus zu verlieren. Umso erstaunter ist sie über den Prunk, in dem ihre Schwester nach ihrer überstürzten Heirat mit einem wohlhabenden Mann im Haus der Schwiegermutter lebt. Doch schnell wird klar: Es ist längst nicht alles Gold, was glänzt. Im Waisenhaus, in dem Frances ehrenamtlich arbeitet, lernt Birdie die elfjährige Meg kennen. Seit ihre Mutter an Weihnachten spurlos verschwand, ist das blitzgescheite Mädchen auf sich allein gestellt und wird von der Heimleiterin ganz besonders schikaniert. Und dann ist da noch die geheimnisvolle Charlie, die nicht nur um ihr eigenes Leben kämpft. Als sich die Schicksale der drei Frauen kreuzen, schmieden sie einen kühnen Plan, um für ihr Recht einzustehen. Doch in einer heuchlerischen Zeit ist die Freiheit von Frauen gefährdet, wenn sie sich weigern, den gesellschaftlichen Konventionen zu folgen und dieses Korsett abstreifen wollen. Es sind große Themen, die Kathryn Stockett hier verhandelt – und das mit großer Wärme, viel Empathie und feinem Humor. Ein Roman, den ich unbedingt mit auf die sprichwörtliche einsame Insel nehmen würde. (E.B.)

C.K. McDonnell – Bunny McGarry und die Engel im Mondschein

Eichborn, 18 €

Es ist 1999, und Bunnys hart erkämpfter Ruf als Nervensäge unter Dublins Kriminellen wird leider von seinen Vorgesetzten geteilt. Doch er und sein Partner erhalten endlich die Chance, ihr Können unter Beweis zu stellen: Sie sollen die dreisteste Raubüberfall-Serie der irischen Geschichte aufklären. Das Letzte, was Bunny jetzt gebrauchen kann, sind weitere Komplikationen, wie das Glücksspielproblem seines Partners – oder eine neue Frau in seinem Leben: Ihr Name ist Simone. Sie ist klug, witzig, talentiert und hat eine äußerst schwierige Vergangenheit.

Bunny muss eine Entscheidung treffen: entweder Recht und Ordnung zu schützen oder die Menschen, die er liebt. Der bislang beste Band der Dublin-Reihe. Zum Schreien komisch – und zutiefst menschlich. Bunny offenbart seinen soft spot. Und der steht ihm gut. Die Dialoge sind wieder eine wahre Freude. So wird verbaler Schlagabtausch zu einem bedingungslosen Lesevergnügen. (E.B.)

Christian Huber – Solange ein Streichholz brennt

dtv, 23 €

Was muss passieren, damit ein Leben aus der Bahn gerät? Dieser Frage will die junge und ehrgeizige Fernsehjournalistin Alina im Obdachlosen-Milieu nachgehen. Bei ihren Recherchen trifft sie auf Bohm, der seit fünf Jahren auf der Straße lebt. Er besitzt so gut wie nichts. Einen alten Rucksack, geschnitzte Holzmäuse und einen Brief, den er nicht öffnen will. Mit seinem Hund Fox kämpft er sich durch die Tage und Nächte. Sie findet ihn verstockt und stört sich an seinem Geruch. Er will nicht für ihren Beitrag gefilmt werden – auch nicht für viel Geld. Doch dann gerät Fox in höchste Not und plötzlich braucht Bohm Alina. Für den Dreh verbringen sie viel Zeit miteinander und merken: Da ist etwas zwischen ihnen, was beide nicht für möglich gehalten hätten.

Christian Huber hat eine ganz zarte Liebesgeschichte geschrieben und genau hingesehen, wie es ist, wenn der Großteil der Gesellschaft wegsieht und die Menschen auf der Straße ignoriert. Und wie leicht jeder von uns in eine solche Situation geraten kann. Eine fesselnde Geschichte, die lange nachhallt. (E.B.)

Simon Mason – Das kalte Herz von Oxford

Goldmann, 17 €

Für Rachel Clarke beginnen an einem strahlenden Sommertag in Oxford die dunkelsten Stunden ihres Lebens: Ihre vierjährige Tochter Poppy verschwindet, während sie kurz abgelenkt ist. Direkt vor dem Kindergarten – und niemand hat etwas gesehen. Sofort wird die Polizei eingeschaltet, aber der verantwortliche Ermittler, Oxford-Absolvent DI Ray Wilkins, tappt komplett im Dunklen. Eher zufällig – und ungefragt – erhält er Unterstützung von seinem ehemaligen Partner Ryan Wilkins, der ob seiner unkonventionellen Methoden aus dem Polizeidienst entlassen wurde.

Ryan arbeitet nachts als Security bei einem Fahrzeugverleih. Unmittelbar nach Poppys Verschwinden kam es dort zu einem Vorfall. Ein ihm wohlbekannter Kleinkrimineller bricht eines der Autos auf, um dort zu übernachten. Ryan erwischt Mick Dick, lässt ihn aber „der alten Zeiten wegen“ davonkommen. Allerdings ist sein ehemaliger Kumpel so panisch, was sich Ryan nicht erklären kann, zumal Mick Dick bei seiner Flucht in einen tödlichen Unfall verwickelt wird. Erste Spuren deuten darauf hin, dass er etwas mit Poppys Verschwinden zu tun hat. Der ehemalige Polizist, der sich absolut nichts zuschulden kommen lassen darf, wenn er zurück in den Polizeidienst will, bleibt dennoch off the record am Ball. Er nutzt seine Kontakte in Oxfords Unterwelt, um das Mädchen zu finden, bevor es zu spät ist. Die beiden ungleichen Ermittler Wilkins & Wilkins sind ein fantastisches Duo. Toller Plot, gute Dialoge und einfach sehr spannend. (E.B.)

Malachy Tallack – Der Ozean so wild und weit

Luchterhand, 24 €

Ich frage mich manchmal, was in den Lektorenköpfen der Verlage so vor sich geht – z. B. in Sachen Titelfindung. Der Vorgänger-Roman von Tallack hieß in deutscher Übersetzung „Das Tal in der Mitte der Welt“. Und jetzt dieser Ozean-Schmonzes. Sagt mal, habt ihr’s auch ne Nummer kleiner? Müssen solche Titel aus Marketinggründen immer mit Pathos, Ewigkeits-Appeal  und Pseudo-Poesie aufgeladen werden und dabei im Ungefähren wabern? Die Shetland-Romane von Tallack haben wahrlich Besseres verdient.

Der Protagonist dieses Romans heißt Jack, ein „Loner“, wie es so schön heißt. Er lebt in einer Kate in einem Winkel der atlantikumtosten Shetlands. Man erfährt in Rückblenden einiges über seine Eltern, seine Kindheit und Jugend, jetzt aber ist er über sechzig und allein. Zeit seines Lebens haben ihn eine alte akustische Gitarre und seine Vorliebe fürs Songwriting aufrechtgehalten. Eines Abends steht ein kleines Päckchen vor seiner Tür, darin ein kleines Kätzchen, das auf sanften Pfötchen frische Impulse in sein Leben bringt, einschließlich einer Freundschaft mit dem Nachbarmädchen Vaila und deren Mutter Sara. Aber da gibt es noch einige überraschende Wendungen. Mehr sei nicht verraten, nur so viel: Malachy Tallack ist natürlich selbst Songwriter und hat alle der hier eingefügten Songtexte vertont. Titel von Album und Buch: „That Beautiful Atlantic Waltz.“ Schöner als der deutsche Titel. (H.O.)

Kristof Magnusson – Die Reise ans Ende der Geschichte

Klett-Cotta, 25 €

Nach der Auflösung des Ostblocks Ende der 80er/Anfang 90er Jahre sprach der Historiker und Philosoph Francis Fukuyama vom „Ende der Geschichte“. Der Kapitalismus habe den Wettbewerb der Systeme gewonnen und das Zeitalter der Konflikte sei vorüber. Weit gefehlt. Aber es gab eine paradoxe Zeitspanne, wo im Osten eine Art „Wilder Westen“ herrschte. Alte Hierarchien brachen ein, Geheimnisse wurden verhökert, Spionage-Ringe flogen auf. Für einen deutschen Geheimdienstmitarbeiter wie Germeshausen, der sein Leben als Doppelagent bislang gut zu tarnen wusste, eine hoch bedrohliche Zeit, er muss schleunigst untertauchen.

Für einen letzten großen Coup braucht er aber einen Strohmann. Da kommt ihm der junge aufstrebende Dichter Jakob Dreiser, den er auf einem Botschafts-Event kennenlernt,  gerade recht. Von Agententum und diplomatischer Finesse gänzlich unbeleckt, soll er für Germeshausen den Weg zu einem lukrativen Geschäft anbahnen. Doch der Poet hat seine eigenen Wege und ist zum Leidwesen des vermeintlichen Profis erstaunlich erfolgreich. Eine sehr vergnügliche und unterhaltsame Lektüre, ich habe selten einen lässigeren Spionageroman gelesen. (H.O.)

Jennifer E. Smith – Ein Riesenspaß für die ganze Familie

Lübbe, 22 €

Die meiste Zeit ihres Lebens waren die vier Endicott-Geschwister unzertrennlich. Doch ein Ereignis erschütterte die Familienbande. Sie verloren den Kontakt zueinander. Bis Jude, die Jüngste, überraschend alle in eine kleine Stadt in North Dakota zusammenruft. Jeder von ihnen steht an einem Wendepunkt: Gemma fragt sich nach einer Reihe erfolgloser Versuche, ob sie überhaupt noch Mutter werden möchte. Connor steckt nach einem großen Bestseller als Autor in der Krise. Roddy riskiert für seine Fußball-Karriere die Liebe seines Lebens – und Jude, eine Oscar-nominierte Schauspielerin, hat drei Geheimnisse vor ihren Geschwistern.

Damit will sie aufräumen, auch wenn es viele alte Wunden aufreißt. Können die einst so starken Familienbande noch geflickt werden? Und wie viel Wahrheit verträgt das Konstrukt „Familie“? Auch wenn einige Wendungen der Geschichte nicht ganz überraschend sind, ist „Ein Riesenspaß für die ganze Familie“ ein sehr unterhaltsamer Lesespaß. Warmherzig geschrieben umschifft Jennifer E. Smith gekonnt so manche Klischee-Klippe – bis hin zum stimmigen Ende, bei dem nicht alles happy, aber vieles gut ist. (E.B.)

Paula Hawkins – Die blaue Stunde

dtv, 14 €

Kurator James Becker ist Experte für die geheimnisumwitterte Künstlerin Vanessa Chapman. Sie ist schon vor etlichen Jahren gestorben und hat ihre Werke einer Stiftung vermacht. Doch die Regelung des Nachlasses verläuft schleppend. Als eines Tages ein mutmaßlich menschlicher Knochen in einer von Chapmans Skulpturen entdeckt wird, ist die Aufregung groß: Woher stammt der Knochen? Jetzt hat James gleich zwei gute Gründe, um auf die abgeschiedene Gezeiteninsel Eris Island zu reisen, auf der Vanessa Chapman zuletzt gelebt und gearbeitet hat. Er will nicht nur die Herkunft des Knochens klären, sondern auch dafür sorgen, die fehlenden Werke und Tagebuchaufzeichnungen für die Stiftung zu beschaffen.

Auf Eris trifft er auf die misstrauische Grace. Vanessa Chapmans Freundin verwaltet den Nachlass und hat mehr als nur ein Geheimnis zu verbergen. Will sie lediglich Vanessas Ruf schützen oder geht es um etwas ganz anderes? Ein vielschichtiger Psychothriller, der tief in die Abgründe menschlichen Handelns vordringt, und auf grandiose Weise Spannungsroman und Kunstweltkrimi vereint. (E.B.)

Eric Pfeil – Hotel Celentano

KiWi, 17 €

Wer schon mal eine Lesung mit Eric Pfeil erlebt hat, weiß: Hier ist nicht nur ein ausgewiesener Kenner der italienischen Musik-Szene mit feinem Gespür für ironische Zwischentöne am Werk, sondern auch ein großartiger Entertainer. Dieses Mal nimmt er uns mit auf eine außergewöhnliche Reise ins Sehnsuchtsland der Deutschen. Was, fragt er, ist eigentlich mit all den legendären italienischen Orten aus Musik und Film: Lassen sie sich ebenso bereisen wie die Strände, die römischen Ruinen und die hochgelobten Restaurants? Wo genau drehte Adriano Celentano seine Filme?

Wo verbrachte Marcello Mastroianni regelmäßig seinen Urlaub? In welchem Strandclub gab die umjubelte Primadonna Mina ihr Abschiedskonzert? Und was ist heute an diesen Orten los? Eric Pfeil bastelt sich seine eigene Italien-Karte mit zahlreichen wenig besungenen Orten und fährt los. Einen ganzen Sommer durchkurvt er das Bel Paese und spürt dem Mythos der Leichtigkeit nach. Und nach dieser Lektüre können Sie definitiv mit richtig viel Nerd-Wissen glänzen. (E.B.)

Hjorth Thorsson & Bjarni Thorsson – Schlafende Vulkane

Rowohlt, 24 €

Blond, blass und splitterfasernackt ist die junge Frau, die ermordet in einem Reitstall am Rande von Reykjavik liegt, von ihrem 10-jährigen Sohn fehlt jede Spur. Es ist die erste Mordermittlung für Helga Jónsdóttir vom Dezernat für Gewaltverbrechen. Die frischgebackene Polizistin vermutet, dass der Junge vor seinem gewalttätigen Vater geflohen ist und sich in den Höhlen der isländischen Vulkanlandschaften versteckt. Die Zeit tickt runter, es ist bitterkalt und die Überlebenschance sinkt.

Um ihn zu finden, bittet sie Bjarki um Hilfe, denn niemand kennt die Wildnis besser als er. Während die beiden fieberhaft nach dem Jungen suchen, wird eine weitere Frau tot aufgefunden. Der Mörder scheint seine Taten akribisch zu planen. Er ist, das wird Helga klar, so genial wie skrupellos. Hochspannung vor der großartigen isländischen Kulisse. Mit Helga und Bjarki betreten zwei neue spannende Ermittler:innen die Krimi-Bühne. Gern mehr davon. (E.B.)

Tuomas Oskari – In den Fängen der Verräter

Lübbe, 24 €

Der ehemalige finnische Ministerpräsident Leo Koski hat sich nach einer persönlichen Tragödie in die USA zurückgezogen. Zu seiner großen Überraschung wird er am Geburtstag des US-Präsidenten auf dessen Geheiß von der CIA ins Weiße Haus beordert. Widerwillig folgt er der „Einladung“, denn gerade hatte der US-Präsident angekündigt, sich aus der NATO zurückziehen zu wollen. Für Finnland eine Katastrophe im Angesicht des übermächtigen und aggressiven Nachbarn Russland. Auch wenn Koski nicht mehr in Amt und Würden ist, betrachtet er es als seine Pflicht, das unberechenbare Staatsoberhaupt zu einem Meinungsumschwung zu bewegen.

Beim Gespräch mit dem Präsidenten ist zu Koskis Überraschung auch die Journalistin Ashley Pegula zugegen. Plötzlich bricht der „mächtigste Mann der Welt“ zusammen – offenbar vergiftet. Schnell wird klar, dass er um sein Leben kämpft. Hinter den Kulissen wird’s hektisch. Die NATO-freundliche Vizepräsidentin steht für den Fall, dass der Präsidenten stirbt, bereit, damit die USA handlungsfähig bleiben. Zeitgleich erfährt Koski per SMS, dass seine Tochter entführt wurde – und sie überlebt nur dann, wenn der Austritt aus der NATO beschlossene Sache ist. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.  Gemeinsam mit der Journalistin muss Koski so schnell wie möglich die wahren Täter im Weißen Haus finden – und vor allem: seine Tochter retten und dabei idealerweise nicht zum Vaterlandverräter werden. Das gleicht einer Quadratur des Kreises und bietet viel Raum für schnelle Wendungen. Ein Thriller in allerbester Dan-Brown-Manier vor einem hochaktuellen politischen Hintergrund. Atemlos gelesen. (E.B.)

Madeline Cash – Verlorene Schäfchen

Penguin, 24 €

Es könnte die perfekte Familienidylle sein: Mutter, Vater und drei Töchter, sonntags geht man in die Kirche. Doch jedes Familienmitglied hat sein Päckchen zu tragen. Mutter Catherine versteht sich als Künstlerin, hat aber schon seit Jahren nichts Brauchbares mehr erschaffen. Ihre Cocktail-Zeit verschiebt sich immer weiter nach vorn und sie beansprucht für sich eine offene Beziehung. Mit dem einseitig beschlossenen „Arrangement“ stellt sie ihren Mann Bud vor vollendete Tatsachen. Dieser nächtigt fortan in seinem Minivan, was er jedoch tunlichst vor seinen Töchtern verbergen will. Unterstützung sucht er in der kirchlichen Selbsthilfegruppe, die am wenigsten nach Sekte klingt: die Verlorenen Schäfchen. Aber auch an den drei Töchtern geht die Familienkrise nicht spurlos vorbei.

Die jüngste, Harper, hackt sich in den Arbeitscomputer ihres Vaters und ist sich sicher, dass sie einer großen Verschwörung auf der Spur ist. Louise befindet sich in einem destruktiven Beziehungsstrudel mit ihrem fundamentalistischen Online-Lover – mit fatalen Folgen. Und die Älteste verliebt sich in einen schweigsamen jungen Mann, den alle nur Kriegsverbrecher-Wes nennen. Familien-Chaos pur! Madeline Cash hat eine einfühlsame Tragikomödie geschrieben, die den Familienwahnsinn auf die Spitze treibt. Die Charaktere sind großartig gezeichnet. Für meinen Geschmack hätte es die ganz große Nummer mit der Verschwörung um einen Tech-Milliardär nicht gebraucht, die Geschichte funktioniert auch ohne diesen Handlungsstrang sehr gut. (E.B.)

Sabine Hoffmann – Weiße Westen, schwarze Nächte

Aufbau Verlag, 13 €

Ruhrgebiet, 1960er Jahre: Hedy Voss muss überleben – und sich um ihre tablettenabhängige Schwester Elsa kümmern. Um den Lebensunterhalt zu bestreiten, macht sie das, was sie am besten kann: reiche Menschen bestehlen. Akribisch und mit viel Fantasie plant sie ihre Coups, bis sie bei einem Einbruch ein Notizbuch mitgehen lässt. Offenbar handelt es sich um Aufzeichnungen über Schmiergelder eines hochrangigen deutschen Beamten. Elsa ahnt nicht, dass die Unterlagen für Geheimdienste aus Ost und West interessant sein können. Hedy gerät dadurch zwischen die Fronten und versucht, ihre Schwester und sich aus der Schusslinie zu bringen. Meisterdiebin Hedy Voss wächst einem direkt ans Herz. Ein spannender Krimi zu Zeiten des Kalten Kriegs mit jeder Menge Ruhrgebietscharme. (E.B.)

Jung Chang – Fliegt, Wilde Schwäne

Heyne, 24 €

Über drei Jahrzehnte nach dem Erscheinen ihrer chinesischen Familienchronik „Wilde Schwäne“ versucht sich Jung Chang an der lange erwarteten Fortsetzung des legendären Weltbestsellers. In „Fliegt, Wilde Schwäne“ erzählt sie die Geschichte ihrer Familie – und damit auch die Geschichte Chinas – vom Ende der Mao-Ära und vom Beginn der Reformen unter Deng Xiaoping bis in die Gegenwart Xi Jinpings weiter: China hat sich von einem heruntergekommenen und isolierten Staat zu einer Weltmacht entwickelt, die die Vormachtstellung der Vereinigten Staaten herausfordert.

Während dieser Jahrzehnte war Jung Changs Leben eng mit ihrem Heimatland verflochten. Ihre Bücher waren und sind immer noch in China verboten. Leider gelingt es Jung Chang nicht, an den Schreibfluss von „Wilde Schwäne“ anzuknüpfen. Zu sachlich sind die Schilderungen der Gegebenheiten, zu sprunghaft ihre Erzählung. Die Rolle Maos kommt meiner Meinung nach viel zu kurz. Vielleicht ist das so, weil die Autorin bereits ein Buch zu seiner maßgeblichen Rolle in der chinesischen Geschichte vorgelegt hat. Das ist alles sehr schade, weil damit die Chance verpasst wird, das grandiose Buch, das vor mehr als 30 Jahren erschien, fortzuführen. (E.B.)