Neue Horizonte für den Mittelstand
Russland fällt als Absatzmarkt weitgehend aus, die USA setzen zunehmend auf Protektionismus, in der Golfregion herrscht Krieg. Energie bleibt teuer und der Fachkräftemangel bremst das Wachstum. Während viele Unternehmen nach Antworten auf diese Herausforderungen suchen, richtet sich der Blick der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld auf eine Region, die bislang häufig unter dem Radar läuft: Lateinamerika. Mit „Ostwestfalen meets Latin America“ rückte die IHK einen Kontinent in den Fokus, der weit mehr bietet als Kaffee, Fußball und Traumstrände. Für den ostwestfälischen Mittelstand könnten Brasilien, Mexiko, Argentinien oder Chile künftig eine Schlüsselrolle spielen – als Absatzmärkte, Rohstofflieferanten, Innovationspartner und Investitionsstandorte.

„Wir wollen auf Märkte hinweisen, die Potenzial bieten und in denen Unternehmen aus unserer Region noch viel zu wenig aktiv sind“, sagt Jan Lutz Müller, Referatsleiter International bei der IHK. Die Idee hinter der 21. Auflage der Internationalen Begegnungstage entstand nicht am Reißbrett. Jedes Jahr entscheiden die mehr als 2.000 Abonnenten des IHK-Newsletters International darüber, welche Region im Mittelpunkt stehen soll. Dass die Wahl diesmal auf Lateinamerika fiel, zeigt: Das Interesse der Wirtschaft ist da.
Die vergangenen Jahre hätten deutlich gemacht, wie schnell sich internationale Rahmenbedingungen verändern können. Lieferketten geraten ins Stocken, Konflikte verteuern den Handel, politische Entscheidungen schaffen neue Unsicherheiten. Manche Branchen der ostwestfälischen Wirtschaft haben eine Exportquote von bis zu 50 Prozent. Für viele exportorientierte Unternehmen stellt sich daher die Frage, wie sie ihre wirtschaftlichen Beziehungen breiter aufstellen können.
Neue Märkte erschließen
Lateinamerika zählt deutlich mehr als 650 Millionen Einwohner und verfügt über eine wachsende Mittelschicht. Brasilien gehört zu den größten Kornkammern der Welt und liegt in der Zuckerrohrproduktion auf Platz 1. Zu den boomenden Branchen gehören Bergbau und Maschinen. Durch die vielen Sonnenstunden sind auch erneuerbare Energien ein Thema. In vielen Ländern des Kontinents besteht ein hoher Investitionsbedarf – etwa bei Infrastruktur, Wasser- und Abfallwirtschaft oder Gesundheitstechnik. Gerade dort liegen die Stärken vieler ostwestfälischer Unternehmen. „Wir haben einen ziemlich großen Blumenstrauß an Produkten, die dort gebraucht werden“, betont Müller. „Ein Vorteil ist die kulturelle Nähe zwischen Lateinamerika und Europa“, ergänzt Luisa Griese, Referentin International, mit Blick auf mögliche Kooperationen. Zwei weitere Themen beschäftigten die Wirtschaft: hohe Energiekosten und die Abhängigkeit von Rohstoffen. Lithium, Kupfer und andere kritische Mineralien sind unverzichtbar für Elektromobilität, Digitalisierung und Energiewende. Viele dieser Rohstoffe finden sich in Lateinamerika. „Zudem hat sich Lateinamerika zu einer der weltweit vielversprechendsten Regionen für die künftige Erzeugung von grünem Wasserstoff entwickelt“, berichtet Müller. Das sei vor allem auf die dortigen sehr günstigen Bedingungen für Solar- und Windenergie, die daraus resultierenden niedrigen Stromerzeugungskosten sowie die großflächig verfügbaren Standorte für entsprechende Produktionsanlagen zurückzuführen.
Verlässliche Partnerschaften
Auch bei der Fachkräftesicherung könnte Lateinamerika Teil der Lösung sein. Während Europa altert und Unternehmen händeringend qualifizierte Mitarbeiter suchen, wächst in Südamerika eine junge Bevölkerung heran. Aber es ging es nicht nur um Rekrutierung, sondern auch um das Thema (Weiter-)Bildung. Helga Grabbe, Honorarkonsulin Mexikos in Nordrhein-Westfalen, machte kürzlich deutlich, wie wichtig Investitionen in Bildung und Qualifizierung sind. In vielen Ländern Lateinamerikas verfügen Menschen zwar über praktische Berufserfahrung, jedoch oft nicht über formale Ausbildungsnachweise, teilweise sind die Hälfte der Beschäftigungsverhältnisse informell. Gleichzeitig wandern gut ausgebildete Fachkräfte häufig in andere Weltregionen ab. Bildung werde deshalb zu einem entscheidenden Faktor für wirtschaftliche Entwicklung und internationale Fachkräftepartnerschaften.
Lateinamerika befindet sich im Spannungsfeld der großen Wirtschaftsmächte. Durch strategische Investments in Infrastruktur und Rohstoffprojekte in Lateinamerika steigt die finanzielle Abhängigkeit von China massiv, die USA verfolgen eigene geopolitische Interessen und setzen teilweise die Länder des Kontinents unter Druck. „Sollte das EU-Mercosur-Abkommen nach Abschluss des Ratifizierungsverfahrens in Kraft treten, wird Europa vielerorts als die bessere Alternative betrachtet“, unterstreicht Müller. Deshalb erhalte das am 1. Mai vorläufig in Kraft getretene Handelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur-Bündnis besondere Aufmerksamkeit. Zu den Kernmitgliedern gehören Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay. Das seit 1999 verhandelte Abkommen soll Marktzugänge verbessern, Zölle senken und Handelsbedingungen vereinfachen. Rund 240 Unternehmen aus Ostwestfalen sind allein bereits in den Mercosur-Staaten aktiv, insbesondere in Brasilien.
Die IHK als Türöffner
Der Schritt in einen neuen Markt ist mit Herausforderungen verbunden. Unterschiedliche Rechtssysteme, politische Risiken oder Finanzierungsfragen lassen viele Unternehmen zunächst zögern. Genau hier setzt die Arbeit der IHK an. Während der Begegnungswoche standen Vertreter deutscher Auslandshandelskammern aus verschiedenen Ländern für individuelle Gespräche zur Verfügung. „Durch ihre lokale Expertise können sie Unternehmen beim Markteinstieg oder bei der Suche nach Geschäftspartnern unterstützen“, erklärt Griese.
Doch die Teilnehmer nahmen weit mehr mit als praktische Informationen. Erfolgreiche internationale Zusammenarbeit beginnt nicht allein mit Handelsabkommen oder Marktanalysen, sondern vor allem mit persönlichen Beziehungen und gegenseitigem Verständnis.
Oder, wie es ein Unternehmer treffend formulierte: „Geht raus, erschließt die Welt – aber Bielefeld darf nicht wackeln.“ Kaum ein Satz beschreibt besser, worum es für den ostwestfälischen Mittelstand geht: die eigenen Wurzeln bewahren und gleichzeitig den Blick mutig auf neue Horizonte richten.