Gemeinsam geht mehr
Wenn unterschiedliche Generationen aufeinandertreffen, kann es knirschen – im Unternehmen ebenso wie im Alltag. Es kann aber auch etwas Neues entstehen. Wie gut funktioniert dieses Miteinander in Bielefeld?
Darüber diskutierte der Beirat des Tips-Verlags bei seinem jüngsten Treffen mit den Verlags-Geschäftsführenden Sigrid Förster und André Mielitz. Die Entscheiderinnen und Entscheider aus Handel, Wirtschaft, Kultur, Hochschule, Handwerk, Gastronomie und Stadtmarketing brachten unterschiedliche Perspektiven ein: Wo gelingt das Miteinander der Generationen bereits gut? Wo gibt es noch Reibung? Und welche Chancen sollten wir künftig besser nutzen?

Pastor Dr. Bartolt Haase – Vorstandsvorsitzender der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel
In Bethel wird besonders deutlich, wie Generationen ineinandergreifen. Ich denke zum Beispiel an die Diakonissen. Über Jahrzehnte haben sie einen großen Teil der fachlichen Arbeit geleistet. Ihre Erfahrungen und Geschichten prägen Bethel bis heute. Mittlerweile haben sie ihre Verantwortung an nachfolgende Generationen abgegeben.

Gleichzeitig kommen über das Betheljahr junge Menschen zu uns – und für viele wird daraus ein beruflicher Weg in Bethel. Ein Drittel kommt früher oder später zurück. So entsteht ein Austausch, von dem alle profitieren: Die Älteren geben Erfahrung und Werte weiter, die Jüngeren bringen neue Energie mit und tragen die Idee Bethels in die Zukunft.
Lars Kruse – Leiter Hochschulkommunikation der HSBI
Hochschulen sind Wahrer der Interessen der jungen Generation, der wir gute Startbedingungen in den Beruf mitgeben wollen. Gleichzeitig nehmen wir immer alle Generationen in den Blick: Das zeigt sich in Bielefeld z.B. in der „Wissenswerkstadt“, in der Uni und HSBI Wissenstransfer betreiben und Angebote vorhalten für Menschen von 6 bis 99 Jahren. Auch in Lehre und Forschung spielt der akademische Blick auf die verschiedenen Generationen eine wichtige Rolle, an der HSBI etwa im Fachbereich Gesundheit – Stichwort: Pflegenotstand – oder im Fachbereich Sozialwesen, wo u. a. zu KI für Kinder geforscht wird.
Martin Knabenreich – Geschäftsführer Bielefeld Marketing
Eine Stadt muss ein Versprechen an alle Generationen sein. Dafür brauchen wir öffentliche Räume, die von Jung und Alt gemeinsam genutzt werden können. Barrierefreiheit gehört ebenso dazu wie Spielangebote, Begegnungsorte und eine Infrastruktur, die unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht wird. Das setzt auch Toleranz voraus: Generationen müssen lernen, Räume miteinander zu teilen. An dieser Stelle würde ich mir ein bisschen mehr Gelassenheit von allen Seiten wünschen. Bielefeld ist bereits gut aufgestellt und hat durch seine Hochschulen und Institutionen eine ausgeprägte Generationentoleranz. Das ist eine gute Voraussetzung, diesen Weg weiterzugehen.
Jan-Erik Weinekötter – Hauptgeschäftsführer des Handelsverband Ostwestfalen-Lippe
Der Handel sollte sich weniger von starren Generationenbildern leiten lassen und stärker auf individuelle Bedürfnisse und Erwartungen in den verschiedenen Lebensphasen schauen. Klar ist aber: Transparenz, Nachhaltigkeit und digitale Angebote werden von der jungen Generation heute vielfach selbstverständlich erwartet.
Erfolgreich ist, wer Erwartungen versteht, nicht Generationen beschreibt. Der stationäre Handel braucht neue Gründe für einen Besuch: Beratung, Orientierung, Erlebnis und Gemeinschaft. Entscheidend ist deshalb, Zielgruppen klar zu definieren, Angebote verständlich zu strukturieren und konkrete Versprechen einzuhalten. Relevanz schlägt Reichweite – und das gilt für jede Generation!

Regine Tönsing – Geschäftsführerin des DEHOGA Ostwestfalen e.V.
Die Gastronomie und Hotellerie erleben einen deutlichen Wandel: Junge Menschen haben andere Vorstellungen von Arbeit und Freizeit, und auch ihr Ausgehverhalten hat sich verändert. Für unsere Branche ist das durchaus eine Chance. Wir bieten eine große Vielfalt an Arbeitszeitmodellen – vom frühen Morgen bis zum Abend – und können damit unterschiedliche Lebensphasen und Bedürfnisse berücksichtigen. Gleichzeitig ist Gastronomie ein Ort der Begegnung und Gemeinschaft. Hier ist echte Teamarbeit gefragt. Diese soziale Dimension ist wichtig. Insbesondere bei der Ausbildung, beim Thema Inklusion und der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund zeigt sich: Wer sich in einem Team aufgehoben fühlt, bleibt.
Petra Pigerl-Radtke – Hauptgeschäftsführerin der IHK Ostwestfalen zu Bielefeld
Unternehmen profitieren besonders dann von mehreren Generationen, wenn Erfahrung und neue Perspektiven zusammenkommen. Ältere Beschäftigte bringen Fachwissen, gewachsene Netzwerke und langjährige Erfahrung ein, jüngere Mitarbeitende neue Ideen, digitale Kompetenzen und andere Sichtweisen. Entscheidend ist, dass dieser Austausch aktiv gefördert wird, etwa durch gemischte Teams, Mentoring oder gemeinsame Projekte. Angesichts des demografischen Wandels gewinnt der Wissenstransfer zwischen den Generationen zusätzlich an Bedeutung: Bis 2035 wird in Ostwestfalen rund jeder vierte heute Beschäftigte das Rentenalter erreichen. Unternehmen, denen es gelingt, Erfahrung, Fachwissen und neue Impulse zusammenzuführen, stärken ihre Innovationskraft und ihre Zukunftsfähigkeit und damit unsere Region.
Christina Végh – Direktorin der Kunsthalle Bielefeld
Kunst und Kultur sind Orte, an denen alle Generationen zusammenkommen. Natürlich braucht es Angebote für unterschiedliche Generationen, allerdings begegnen sich mit der Kunst immer unterschiedlichste Menschen gleichzeitig. Immer sind Themen angesprochen, die alle angehen, wie aktuell, wo wir Kunstwerke unter der Prämisse des „Teilens“ zeigen. In der Kunst können wir staunen, bewundern, genauso kann sie uns herausfordern, manchmal provozieren und immer macht sie unterschiedliche Perspektiven sichtbar.

Weil sie Ort der Reflexion und des Hinterfragens ist, kann man sie als Avantgarde bezeichnen, wo Neues gedacht und gesellschaftliche Veränderungen angestoßen werden. Das geht nie ohne Reibung und Konflikt. Ich empfinde es als großes Glück, am Ort der Kunst zu arbeiten und Räume zu gestalten, in denen gesellschaftliche Aushandlungsprozesse – auch zwischen Generationen – stattfinden. Denn gerade dort, wo Reibung entsteht, können wir voneinander lernen und gemeinsam weiterkommen.
Dominik Gross – CEO Founders Foundation
Avantgarde bedeutet, voranzugehen und Neues zu wagen – das gilt für die Kunst ebenso wie für die Gründerszene. Dabei sollten wir uns von Schubladen verabschieden: Gründer sind nicht immer jung, junge Menschen nicht zwangsläufig digital affin und Ältere sind nicht automatisch erfahren. Gemischte Teams sind gerade deshalb häufig erfolgreich, weil unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen. Technologie wird unsere Stadt und Gesellschaft tiefgreifend verändern – wenn etwa humanoide Roboter künftig selbstverständlich eingesetzt werden, zum Beispiel in der Gastronomie oder Pflege. Das führt zu einem Wandel im Stadtbild – auch, was bauliche Maßnahmen betrifft. Die Frage ist deshalb: Wollen wir mitgestalten oder gestaltet werden?
Henrich Hardieck – Prokurist WEGE mbH – Wirtschaftsförderung für Bielefeld
Bielefeld ist die Hauptstadt der Familienunternehmen. Was diese Unternehmen stark macht, ist ihr langfristiger Blick: Sie übernehmen Verantwortung für ihre Mitarbeitenden, pflegen stabile Netzwerke und planen über Generationen hinweg. Gerade in einer Zeit, in der eine Krise auf die nächste folgt, schafft das Resilienz. Zugleich hat Bielefeld eine starke Tradition der Innovation. Tradition bedeutet hier eben nicht: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Im Gegenteil: Dazu gehört der Mut, Neues zu wagen und als Mittelstand aktiv auf Start-ups zuzugehen. Unsere eigentliche Tradition ist die der Innovation.
Dilek Güzel, Stabsbereichsleiterin Kommunikation der Handwerkskammer OWL zu Bielefeld
Das Handwerk zeigt: Wir brauchen Erfahrung und Veränderungsbereitschaft. Die Älteren bringen Erfahrungswissen mit – vieles davon lernt man nicht aus einem Lehrbuch. Die Jüngeren bringen neue Technologien, digitale Kompetenzen und andere Perspektiven ein. Bei Betriebsnachfolgen gilt: Die neue Generation sollte den Betrieb weiterentwickeln dürfen, ohne die Erfahrung der Vorgänger zu verlieren. Zukunftsfähigkeit entsteht, wenn beides zusammenkommt: Wir bewahren, was sich bewährt hat, und verändern, was sich verändern muss. Für das regionale Handwerk würde ich daher folgende Gleichung daraus ableiten: Erfahrung trifft auf Innovation und erzeugt so eine solide Zukunftsfähigkeit.
Text: Eike Birck
Fotos: Jette Jenß