Ein Netz, das trägt

Alleinerziehend zu sein, heißt oft, viele Dinge gleichzeitig im Blick zu behalten: Kinder, Beruf, Finanzen, Termine – und irgendwo dazwischen die eigenen Bedürfnisse. Die Lotsenstelle für Alleinerziehende der Diakonie für Bielefeld hilft beim Sortieren, vermittelt Unterstützung und schafft Räume für Begegnung. Dabei geht es immer auch um Gesundheit und Prävention.

Ein Sonntagsfrühstück kann mehr sein als Kaffee, Brötchen und ein gemeinsamer Vormittag. Wenn Alleinerziehende mit ihren Kindern im Nicolaihaus zusammensitzen, entstehen Gespräche, Kontakte, manchmal Verabredungen für den restlichen Tag. Für Marion Arens von der Lotsenstelle für Alleinerziehende sind solche Momente ein wichtiger Teil ihrer Arbeit. Denn Gesundheit beginnt für sie nicht erst dort, wo jemand krank wird. Sie beginnt auch mit Entlastung, Austausch und der Möglichkeit, zwischendurch einmal aufzutanken.

Der Alltag lässt dafür nicht immer viel Raum. „2024 waren 70 Prozent der alleinerziehenden Frauen mindestens in Teilzeit, viele auch vollzeitnah berufstätig“, weiß Marion Arens. Darüber hinaus leisten sie den Großteil der Care-Arbeit. Beruf und Kinderbetreuung müssen zusammenpassen, der Alltag organisiert und finanzielle Fragen geklärt werden. Gerade Arbeitszeiten außerhalb üblicher Betreuungszeiten – etwa in der Pflege oder im Kulturbereich – können zur Herausforderung werden. Sport, FreundInnen oder andere Freizeitaktivitäten fallen dann möglicherweise weg. „Viele Frauen haben erstmal ein großes Problem, sich nach der Trennung neu zu orientieren, auch wenn sich das später wieder zurechtruckelt“, sagt Marion Arens.

Genau hier setzt die Lotsenstelle an. Sie ist eine unkomplizierte Anlaufstelle für alleinerziehende Mütter und Väter in Bielefeld – unabhängig davon, wie lange sie bereits allein mit ihren Kindern leben oder wie alt diese sind. In der Einzelberatung geht es häufig nicht nur um eine Frage. „Das ist eher wie so ein großes Paket, was die Alleinerziehenden – meist sind es Frauen – dabei haben“, erklärt Marion Arens. Gemeinsam wird sortiert: Was ist gerade dringend? Wer kann weiterhelfen? Wo gibt es Unterstützung? Die Lotsenstelle kennt die Strukturen in der Stadt und vermittelt gezielt an AnsprechpartnerInnen weiter. Das spart Zeit und Kraft. Finanzielle Fragen gehören ebenso dazu wie flexible Kinderbetreuung, rechtliche Beratung oder die Suche nach Kontakten. Auch der aktuelle Lebenslagenbericht der Stadt Bielefeld von 2023 zeichnet ein Bild der Herausforderungen, die Marion Arens aus ihrer Arbeit kennt: Mehr als jeder zweite Alleinerziehenden-Haushalt in Bielefeld bezog 2022 SGB-II-Leistungen – obwohl die Beschäftigungsquote von Alleinerziehenden höher liegt als die der BielefelderInnen insgesamt. „Den Frauen hilft, gesehen zu werden, den Stress handhaben oder ‚teilen‘ zu können“, so die 53-Jährige. Neben der Einzelberatung schafft die Lotsenstelle mit dem offenen Treffpunkt, dem Spielplatztreff am Sonntag und dem Sonntagsfrühstück Möglichkeiten, andere Alleinerziehende kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen. Die Angebote sollen möglichst unkompliziert in den Familienalltag passen. Deshalb werden geeignete Zeiten ebenso mitgedacht wie Wege und Mobilität – ein eigenes Auto ist keine Selbstverständlichkeit. Und die Kinder gehören selbstverständlich dazu. „Wir denken die Kinder aller Altersgruppen immer mit“, betont Marion Arens.

Gleichzeitig arbeitet die Lotsenstelle eng mit anderen Akteuren zusammen und macht deren Angebote sichtbar. So bietet beispielsweise das Gesundheitsamt Bielefeld Stress- und Ressourcenmanagement an; hinzu kommen Angebote rund um Resilienz, Yoga oder andere Möglichkeiten, etwas für das eigene Wohlbefinden zu tun. Wo immer möglich, wird auch eine Betreuung für die Kinder angeboten. Denn Selbstfürsorge braucht freie Zeit – für einen Workshop, Sport oder einfach ein Gespräch mit anderen Erwachsenen. Wie wichtig solche Freiräume sind, zeigen auch die Zahlen: Rund die Hälfte der Ratsuchenden suchte laut Lebenslagenbericht gezielt Kontakt zu anderen Alleinerziehenden, etwa 30 Prozent nach flexibler Kinderbetreuung – unter anderem, um Entlastung und Selbstfürsorge möglich zu machen. „Wir sehen uns als Netzwerk für die Frauen, die hier auf Gleichgesinnte treffen“, erklärt Marion Arens. Es geht nicht um klassische Selbsthilfeangebote, sondern darum, Gemeinschaft zu erleben, Kontakte zu knüpfen und soziale Netze aufzubauen. „Das trägt sehr zur psychischen Gesundheit bei“, unterstreicht Marion Arens.

2025 lebten in Bielefeld 5.709 Alleinerziehende, rund 90 Prozent davon Frauen. Beinahe jede fünfte Familie mit minderjährigen Kindern ist eine Ein-Eltern-Familie. Marion Arens ist wichtig, daraus kein Defizitbild zu zeichnen. „Alleinerziehende möchten nicht bemitleidet werden – und meiner Erfahrung nach nehmen die Frauen ihr Leben in die Hand“, betont sie. Gleichzeitig lohnt sich der Blick auf unterschiedliche Gesundheitschancen: Wer wenig freie Zeit hat, finanziell stärker gefordert ist oder kaum Ausgleich findet, braucht Möglichkeiten, neue Kraft zu schöpfen. Dafür ist die Lotsenstelle trägerübergreifend vernetzt, unter anderem mit Gesundheitsamt, Gleichstellungsstelle, Kinderschutzbund und AWO. Und sie entwickelt ihre Arbeit entlang der Bedarfe weiter. Aktuell stößt sie das generationsübergreifende Projekt „Bonus-Großeltern“ an. Ehrenamtliche sollen Alleinerziehende freundschaftlich unterstützen und zu neuen Bezugspersonen für die Familien werden – nicht als Ersatz für Kinderbetreuung, sondern als zusätzliches Stück Netzwerk im Alltag. Denn Prävention kann ganz alltäglich sein: Zeit für sich zu haben, jemanden zum Reden zu finden oder zu wissen, an wen man sich wenden kann. „Es macht einfach viel aus, ob man im Alltag einen Ausgleich hat oder nicht“, resümiert Marion Arens.

Tipp: Jeden ersten Sonntag im Monat lädt die Lotsenstelle Alleinerziehende und ihre Kinder von 10.30 bis 12.30 Uhr zum Sonntagsfrühstück ins Nicolaihaus ein, Altstädter Kirchstr. 1. Anmeldung erforderlich.

Text + Foto: Corinna Bokermann