Menschen mit Missionen

Seit über 20 Jahren engagiert sich Nilgün Isfendiyar ehrenamtlich im Vorstand des Mädchenhaus Bielefeld. Für sie ist dieses Engagement weit mehr als eine Aufgabe – es zieht sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Leben.

„Ich habe diesen Auftrag, seit ich Kind war, angenommen“, sagt sie. Schon früh erlebte sie, wie ihre Eltern Frauen unterstützten, die als Gastarbeiterinnen allein nach Deutschland gekommen waren. Die elterliche Wohnung wurde damals zur Anlaufstelle für Frauen mit Sorgen, Ängsten und oft schweren Schicksalen. „Meine Mutter hat nie Geld dafür bekommen. Das war einfach selbstverständlich“, erinnert sich Nilgün Isfendiyar. Bereits als Teenager bekam sie mit, wie stark Frauen unter Ausgrenzung, Gewalt oder sexuellen Übergriffen litten. Erfahrungen, die sie geprägt haben. Ihr eigenes Engagement begann Ende der 1970er Jahre in Süddeutschland. Dort leitete sie gemeinsam mit einer Sozialarbeiterin eine Mädchengruppe für junge Migrantinnen. „Ich war damals Anfang 20 und selbst noch ziemlich unerfahren“, erzählt sie rückblickend. Trotzdem entwickelte sich daraus eine lebenslange Leidenschaft für die Arbeit mit Mädchen und Frauen.

Beruflich führte ihr Weg schließlich vom Stadtteilzentrum in der Dortmunder Nordstadt ins Jugendamt Bielefeld. Parallel blieb das ehrenamtliche Engagement als wichtiger Teil ihres Lebens. Die Entwicklung des Mädchenhaus Bielefeld e.V. begleitete sie seit der Gründung 1987. 2006 wurde sie schließlich gemeinsam mit Rechtsanwältin Heidi Saarmann und Steuerberaterin Jutta Fechtelkord in den ehrenamtlichen Vorstand gewählt. Zusammen bilden die drei Frauen bis heute ein Team mit unterschiedlichen fachlichen Perspektiven. „Wir decken drei Felder ab“, erklärt Nilgün Isfendiyar. „Juristisch, finanziell und pädagogisch.“ Inzwischen ist das Mädchenhaus professionell aufgestellt und in Bielefeld fest etabliert. Aufgabe des Vorstands ist es, die Einrichtung zu begleiten, Entscheidungen mitzutragen und die inhaltliche Ausrichtung im Blick zu behalten. „Wir dürfen unseren Fokus nicht verlieren – nämlich wofür wir eigentlich da sind: für Mädchen und junge Frauen.“

Aktuell bewegt sie die gesellschaftliche Entwicklung. Diskussionen über Frauenrechte, Migration oder Kürzungen sozialer Angebote beobachtet sie mit Sorge: „Manchmal denke ich: Bin ich wieder in den 80er Jahren gelandet?“ Gleichzeitig sieht sie Fortschritte, etwa wenn Themen wie digitale Gewalt, Femizide oder sexualisierte Gewalt heute stärker öffentlich diskutiert werden. Das Mädchenhaus hat sich über die Jahre kontinuierlich weiterentwickelt, neue Projekte angestoßen und auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert – etwa mit Angeboten für geflüchtete Mädchen oder der Fachstelle Gewaltschutz bei Behinderung. „Je sichtbarer wir werden, desto größer wird auch der Bedarf“, weiß Nilgün Isenfendiyar. „Das Motto ‚die Scham muss die Seite wechseln‘ trifft nach wie vor zu.“ Und so denkt sie trotz ihres langjährigen Engagements nicht ans Aufhören. Neben ihrer Arbeit im Mädchenhaus engagiert sich die 70-Jährige inzwischen auch im Seniorenrat und für die Initiative „Lesen gegen das Vergessen“, die Lesungen u. a. in der Zentralbibliothek durchführt.

www.maedchenhaus-bielefeld.de