Ein Vollbayer in Bielefeld

Noch sind es rund drei Stunden bis zum Anpfiff, doch die ersten Arminia-Anhänger sind bereits unterwegs. Wenn Maxi Bauer mit der Mannschaft vom Trainingsgelände zur SchücoArena fährt, beginnt der Spieltag für ihn schon auf der Stapenhorststraße. „Da sehen wir viele Fans. Das ist ein toller Empfang.“ Und wenn einer von ihnen seine Nummer 5 trägt, freut sich der Innenverteidiger: „Das ist extrem schön. Die meisten holen sich ja Trikots von Offensivspielern.“

Maxi Bauer wohnt in der Nähe des Stadions im Bielefelder Westen. Er mag den Bürgerpark, Cafés und die Altstadt. „Bielefeld ist viel schöner und lebenswerter, als ich mir das vorher ausgemalt habe.“ Für einen Vollbayern, wie ihn ein Mannschaftskollege liebevoll bezeichnete, ein schönes Kompliment. Seine Herkunft ist ohnehin nicht zu überhören. „Ich versuche, meinen Akzent ein bisschen zu verstecken. Sonst versteht mich ja keiner“, sagt er und lacht. Bielefeld ist seine neue sportliche Heimat – und, abgesehen von drei Monaten in Kaiserslautern, seine erste Station außerhalb Bayerns. Der 26-Jährige ist kein klassischer „Hau-drauf“-Verteidiger, sondern bringt neben seiner Zweikampfstärke auch Qualitäten im Spielaufbau mit. In der E-Jugend spielte er noch im Sturm, danach wanderte er mit jedem Jahr eine Position zurück.

Für seine Karriere sicherlich kein Rückschritt. Mit viel Erfahrung in der 1. und 2. Bundesliga – bei Greuther Fürth und dem FC Augsburg – prägt er das Spiel von hinten mit. „Ich bin nicht der Verteidiger, der nur verteidigt, sondern versuche auch, mit dem Ball das Spiel aufzuziehen.“ Sein Vorbild war lange Mats Hummels. „Er ist nicht der Allerschnellste. Bin ich auch nicht“, räumt er selbstkritisch ein.

Seinen ersten Treffer im Arminia-Trikot erzielte Maxi in Magdeburg per Kopf nach einer Ecke von Tim Handwerker – und feierte ihn mit den Fans im Auswärtsblock. Noch größer war für ihn bislang das Saisonfinale gegen Hertha BSC: Zur Pause auf einem Abstiegsplatz, am Ende ein souveränes 6:1. „Dass wir dann noch sechs Tore schießen, hat wahrscheinlich keiner geglaubt.“ Bislang sein „Highlight-Moment“ – auch wegen der Atmosphäre im Stadion. „So etwas habe ich noch nie erlebt. Wir haben seit dem ich hier bin nur ein Heimspiel verloren. Das zeigt, dass der Ansporn durch die Fans was mit uns als Mannschaft macht.“

Seit dieser Saison ist Maxi Bauer Kapitän. Für ihn eine große Ehre. „Wenn ich als Erster einlaufen darf, ist das extrem cool.“ Viel verändert hat sich an seiner Rolle bisher nicht. Als Innenverteidiger muss er ohnehin organisieren, dirigieren und Verantwortung übernehmen. Dort hat er mit Maximilian Großer einen Namensvetter an seiner Seite.

„Er ist der Max und ich bin der Maxi“, lacht Arminias Nr. 5. Dann weiß jeder auf dem Platz, wer gemeint ist, wenn Keeper Jonas Kersken ruft. Allerdings führt er auch außerhalb des Rasens jetzt deutlich mehr Gespräche mit seinen Mitspielern.

Ohne Ball unerträglich

Seinen ersten Stadionbesuch erlebte er 2006 mit seiner Mutter: Zur Einschulung steckte in der Schultüte ein Ticket für Bayern gegen Alemannia Aachen. Das 2:1 für die Bayern hat Maxi noch immer im Kopf. Heute liegen getauschte Trikots von Mats Hummels und Harry Kane bei ihm im Schrank. Es war auch seine Mutter, selbst Torhüterin, die ihren Sohn zum Fußball brachte. Sein Vater ist Polizist – vermutlich wäre Maxi ebenfalls Polizist geworden, wenn es mit der Profikarriere nicht geklappt hätte. Aber das Talent und die Leidenschaft waren groß. „Schon als kleines Kind musste der Ball immer mit, egal ob im Urlaub oder beim Familienausflug. Ohne Ball war ich unerträglich“, erinnert er sich. Mit 14 Jahren zog er ins Internat des Nachwuchsleistungszentrums von Greuther Fürth, zwei Stunden von zu Hause entfernt. „Wenn ich jetzt einen sehe, der 14 ist, denke ich schon: Das ist echt noch ein Kind.“ Obwohl er Familie und Freunde vermisste, hat er den Schritt nie bereut. Die Familie stand und steht hinter ihm. Sein Opa verfolgt jedes Spiel. Allerdings nur in kleinen Dosen. „Nach zehn oder 15 Minuten wird die Nervosität zu groß. Dann geht er entweder zum Beten in die Kirche oder schaut einen Krimi im Fernsehen. Die Oma ruft, wenn ein Tor gefallen ist.“ Maxi selbst analysiert seine Leistung, schaut sich Spielszenen noch einmal an, überprüft Entscheidungen und versucht, daraus zu lernen. „Das hilft mir, mit dem Spiel abzuschließen.“

Abseits des Platzes spielt er Padel und Golf, arbeitet an seiner Platzreife, verfolgt NBA und Tennis. Ausgerechnet beim Golf findet er Ruhe. „Ich bin allgemein kein geduldiger Mensch, aber beim Golf komischerweise schon.“ Beim Essen muss es nicht kompliziert sein: Schnitzel mit Pommes von der Oma stehen ganz oben. Und er weiß einen guten Espresso sehr zu schätzen.

Seine Leidenschaft für Tiere und Natur entdeckte er im Rahmen eines Trainingslagers mit Augsburg in Südafrika. Bei einer Safari im Krüger-Nationalpark sah er Elefanten am Wasserloch, Löwen in der Mittagshitze – die Big Five inklusive. Ein Erlebnis, das er unbedingt noch einmal teilen möchte: diesmal mit seiner Freundin.

Jetzt aber wartet die Saison. Bauer will vorangehen und an allen Spieltagen wichtig für die Mannschaft sein und in seine Kapitänsrolle noch weiter hineinwachsen, Vorbild sein. Vor allem aber wünscht er sich eines: „Es darf gern etwas ruhiger zugehen als in der vorherigen Saison.“ Langweilig? Für einmal wäre das vermutlich völlig in Ordnung.

Fotos: DSC Arminia Bielefeld