Es geht um das offene Ohr. Anteil an den Sorgen und Nöten ihrer Stammgäste zu nehmen, ist für Josefine Georgi selbstverständlich. „Trotz der vielfach dramatischen Lebensumstände gibt es immer auch Positives, was ich zu hören bekomme“, sagt die 30-Jährige, die seit Mitte 2018 die Bielefelder Bahnhofsmission* leitet. „Wenn jemand eine Wohnung gefunden hat, drogenfrei ist oder sich gerade über eine warme Mahlzeit freut.“

Ein weißes Zelt auf dem Bahnhofsvorplatz weist den Gästen der Bahnhofsmission seit Wochen den Weg. Sie freuen sich in Corona-Zeiten über die Essensausgabe. Täglich verteilt die Bahnhofsmission bis zu 80 Suppen plus einer kleinen Draufgabe wie Salat oder Joghurt. Das Gemeinschaftsprojekt, das als Privatinitiative begann, lebt von Spenden und großem Engagement zahlreicher Akteure. Der Bielefelder Tisch bereitet zum Beispiel das Essen zu, die Ev. Jugendkirche stellt die Fahrer und die Bahnhofsmission übernimmt die Vor- und Nachbereitung sowie die Logistik vor Ort. „Es ist nicht unser übliches Terrain. Eigentlich ist die Bahnhofsmission keine Suppenküche, jetzt in Corona-Zeiten sind wir es dann aber eben doch“, stellt Josefine Georgi ganz pragmatisch fest. Während des Studiums – sie studierte in Bielefeld Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Soziale Arbeit – erkannte sie, wo ihre Berufung liegt. „Ich hatte schnell das Gefühl, da passe ich hin“, macht sie deutlich. Mit allen Höhen und Tiefen. „Ich bin ein grundpositiver Mensch. Ein Stück weit Hoffnung ist immer da. Vor allem aber weiß ich, dass mein Team auch für mich da ist, sich kümmert und auch mir eine große Stütze ist. Das hilft.“

Rund 30 Ehrenamtliche engagieren sich normalerweise für die Bahnhofsmission, die neben ihren Stammgästen auch hilfebedürftige Menschen auf der Durchreise unterstützt. Durch die Corona-Pandemie hat sich alles geändert. Das Team ist halbiert. Und erstmals – nimmt man die Jahre 1939 bis 1945 aus, wo deutschlandweit alle Bahnhofsmissionen verboten wurden – musste auch die Bielefelder Bahnhofsmission in ihrer 120-jährigen Geschichte von einem Tag auf den anderen ihre Türen schließen. Ein schrecklicher Moment für die 30-Jährige. Sie ergriff die Initiative, nutzte ihre Netzwerke und stieg in die Projektleitung der Solidarischen Corona-Hilfe Bielefeld ein. „Durch die kooperative Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Stellen und Partnern sind wir gut auf den Fuß gekommen“, resümiert sie. Um die tägliche Arbeit zu bewältigen, braucht es allerdings zurzeit viel Koordination und Abstimmung. Geplant wird von Woche zu Woche. „Es trifft die am härtesten, denen es schon schlecht geht“, sagt Josefine Georgi. Die Teilhabe am Leben ihrer Gäste führt ihr dies täglich vor Augen. Viele hadern mit ihrem Leben. Die Not und Armut ist groß. Egal, ob alt oder jung. „Durch die Suppenausgabe können wir wenigstens wieder aktiv sein“, betont die Bielefelderin. Ihre Arbeit sieht sie darin, dicht an den Menschen zu sein. „Es ist ein buntes Völkchen, das zwar für Suppe und Brot kommt, aber die Hauptsache ist es, dass sie bei uns auf offene Ohren stoßen.“


www.diakonie-fuer-bielefeld.de
www.bahnhofsmission.de
*Träger sind die Diakonie für Bielefeld und der Caritasverband Bielefeld