Schachcomputer schlagen jeden Menschen, Algorithmen prägen unsere Kaufentscheidungen, Roboter könnten immer mehr menschliche Arbeitskräfte ersetzen – Künstliche Intelligenz ist allgegenwärtig. Doch was genau bedeutet KI eigentlich und wo kommt sie zum Einsatz? Wir haben genauer hingeschaut: In Bielefeld und auf der Bühne.

Heute redet alle Welt über KI bzw. Artificial Intelligence (AI): Für die einen wird sie die Welt revolutionieren, für die anderen ist sie gefährlich, unkalkulierbar und ein Jobkiller. Sci-Fi-Filme über aus der Kontrolle geratene Roboter, die die Herrschaft übernehmen – wie schon 1984 beim „Terminator“ mit Arnie Schwarzenegger – tragen nicht gerade zur Aufklärung bei.

„KI ist ein Teilgebiet der Informatik, das sich mit der Automatisierung intelligenten Verhaltens und dem Maschinellen Lernen befasst. Der Begriff ist insofern nicht eindeutig abgrenzbar, als es bereits an einer genauen Definition von „Intelligenz“ mangelt“, heißt es bei Wikipedia. Hier deutet es sich bereits an: DIE Künstliche Intelligenz gibt es nicht. Und Begrifflichkeiten wie Data Mining, Big Data, Deep Mining, Deep Learning oder eben Machine Learning sind allesamt Teilbereiche der KI, die Entwickler für ihre Produktlösungen nutzen.
Anders als herkömmliche Programme, die ihre Aufgaben nach dem „Wenn-dann-Prinzip“ abarbeiten, sind die selbstlernenden Algorithmen in der Lage, sich weiterzuentwickeln. Und sind in unserem Alltag bereits angekommen. „Siri“ und „Alexa“ sind die prominentesten Beispiele von KI-Anwendungen aus dem Bereich Sprachbefehle. Auch bei der Bilderkennung sind clevere Programme ganz weit vorn. Sie können unfassbar große Datenmengen nahezu in Echtzeit verarbeiten und unter Umständen Zusammenhänge erkennen, für die ein Mensch Jahrzehnte bräuchte. Allerdings verfügt die Maschine nicht über die Kreativität des Menschen.

Bühne frei für Androiden

Spin von David Gieselmann

Eine Alexa käme ihm nicht ins Haus. Die Liaison mit Siri währte nur kurz – die Bedenken
in Sachen Datenschutz waren zu groß. Doch jetzt ist eine Neue in sein Leben getreten: Spin.
Geschaffen hat sie David Gieselmann selbst. Spätestens, seit der Autor mit „Sissy Murnau“
bewiesen hat, dass Serien auch theatertauglich sind, ist er am Theater Bielefeld kein Unbekannter mehr. Jetzt überlässt er die Androiden nicht länger dem Kino, sondern holt sie auf die Bühne.

Spin“ ist der Name der superschlauen „Frau“ und zugleich des Auftragswerks, das anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Universität Bielefeld entstanden ist. Für das Stück hat David Gieselmann mehrfach die Universität besucht, um sich mit ihrem Flair vertraut zu machen.

Das Ergebnis verhandelt in komödiantischem Gewand Fragen der modernen Wissenschaft im Bereich der Künstlichen Intelligenz sowie Grundfragen der Wissenschaftsethik. „Ich habe eine mehrstündige Führung über den gesamten Campus bekommen und war als Gasthörer in verschiedenen Seminaren und Vorlesungen in Erziehungswissenschaft, Geschichte und Physik. Letztere war für fortgeschrittene Semester und ich habe eigentlich nichts verstanden“, lacht der gebürtige Kölner. Hängen geblieben ist aber, welch unterschiedlichen Fachsprachen und Sprachmilieus man an der Uni begegnet – eine Erfahrung, die sich auch in dem Stück widerspiegelt.
Besonders begeistert hat den 47-Jährigen die interdisziplinäre Ausrichtung der Universität. „Das ist Teil ihrer Identität und auch mein Stück ist interdisziplinär. Es geht um eine betrügerische Bio‑
chemikerin, die einen Roboter bauen möchte. Um an EU-Gelder zu kommen, erfindet sie zwei weitere Personen an anderen Fakultäten und schlüpft selbst in diese Rollen. Solche Fälle gibt es in Wissenschaft und Forschung ja tatsächlich manchmal.“ Der Betrug fliegt zwar auf, doch „Spin“ ist in der Welt – und löst prompt eine Menge Begehrlichkeiten aus. Der Geheimdienst ist hinter Spin her, die „Church of Spin“ erhebt sie zur spirituellen Leitfigur, die AktivistInnenbewegung „Private-I-See-You“ fordert dagegen ihre sofortige Abschaltung.
Dass seine Figur mehr kann, als in der Robotik derzeit möglich ist, weiß David Gieselmann. „Einerseits sind wir etwa in Form von Algorithmen von deutlich mehr KI umgeben, als uns bewusst ist“, unterstreicht der Autor. „Gleichzeitig ist die Entwicklung noch nicht so weit, wie wir glauben. Gerade bei Bewegungsabläufen stehen Roboter noch am Anfang. Schon eine Treppe raufzulaufen ist eine echte Herausforderung. Aber als Künstler kann ich Denkmodelle entwerfen und Dinge behaupten, das macht mir einfach Spaß.“
Und die Androidin selbst? Die leidet darunter, dass die Biochemikerin vergessen hat, ihr Gefühle einzubauen. Spin weiß alles und fühlt nichts. „Das Schöne an Spin ist, dass ihr Denktempo einerseits der Komödie vorauseilt, ihre Naivität in Bezug auf ihre Sehnsucht Mensch zu sein, aber wiederum der Komödie hinterherhinkt“, so David Gieselmann. „Im besten Falle lässt sich das Publikum in diese sich widerstrebenden Tempi hineinziehen und verdrängt sein Wiedererkennen in den Figuren vor lauter Ablenkung erfolgreich – ganz gleich wie menschlich oder transhuman diese handeln. Es wird dies also hoffentlich eine allzu menschliche Komödie.“ (S.G.)

KI aus BI

Klar ist, dass durch neue Technologien in einigen Bereichen Arbeitsplätze wegfallen und neue – qualifiziertere – entstehen werden. Gerade für immer wiederkehrende, monotone Tätigkeiten kann das ein Segen sein, denn dem Computer wird nicht langweilig – dem Menschen hingegen schon. Der Einsatz von Computern und Maschinen in Logistik und Produktion ist schon jetzt an der Tagesordnung. Der Gesundheitsbereich insbesondere in Anbetracht des Pflegekräftemangels – ist noch zurückhaltend, obgleich Roboter Tätigkeiten wie Essens- oder Medikamentenvergabe schon heute gut lösen könnten. Aber was läuft in puncto KI bereits in Bielefeld? Hier ein paar Beispiele.

Im Kundenservice laufen schon Testphasen, wie zum Beispiel mit dem Chatbot „Kim“ – Kitchen Intelligence by Maggi. Die Softwareplattform dazu hat das Bielefelder Start-up Mercury.ai entwickelt. Früher griff man zum Telefonhörer oder schrieb eine Postkarte, um Ratschläge und Rezepte aus dem Maggi-Kochstudio zu erhalten, jetzt erledigt Roboter Kim diese Aufgaben. Er kann – anders als ein Mensch – viele Anfragen gleichzeitig erledigen, merkt sich Vorlieben oder etwaige Allergien der Kunden. Sie ist also künstlich intelligent und um ein Vielfaches effizienter als menschliche Mitarbeiter. Außerdem steht Kim rund um die Uhr zur Verfügung – Feierabend ist ein Fremdwort für sie.
Machine Learning ist ein Teilbereich von KI, den ein Bielefelder Start-up für ein Projekt im Damentennis nutzt. „Das entwickeln wir mit und für SAP in Kooperation mit der Women’s Tennis Association“, so Julian Mayland, Biotechnologe und Mitbegründer von appweeve. „Dem Punktgewinn im Tennis geht zumeist ein Ballwechsel voraus – sofern nicht gleich der Aufschlag zum Erfolg führt. Die Ballwechsel zeigen Muster, die wir mittels Machine Learning live während eines Matches auswerten und übermitteln können. Das ist für Spielerinnen und Trainer nützlich; und für Kommentatoren interessant, die ihre Zuschauer während der Live-Berichterstattung mit zusätzlichen Infos versorgen können.“
KI-Lösungen kann sich Julian Mayland für sämtliche (Arbeits-)Bereiche des Lebens vorstellen. Ausnahmen bilden Tätigkeiten, die überwiegend manuell sind oder eine bestimmte Kreativität erfordern. Ein blindes Vertrauen in die Maschine lehnt er ab. „Es muss zumindest für den Entwickler immer nachvollziehbar bleiben, wie die Maschine zu ihrer Entscheidung gekommen ist“, und hat hierbei insbesondere den Medizinbereich im Blick.
„Insgesamt sehe ich in KI-Technologien eher die Vorteile, aber wir müssen auch mit ihren Schwächen umgehen. Insgesamt werden Maschinen Menschen unterstützen.“
Das sieht auch Wilhelm Klat so. Das Fachgebiet des Wissenschaftlers, der in Bielefeld die Plattform DigitalPatenschaft initiiert hat, liegt im Bereich Künstliche Intelligenz. „Maschinen das Sehen beizubringen, ist meins“, sagt er. Dabei vereint er seine digitalen mit seinen praktischen Fähigkeiten. „Aizubi“ heißt ein Konzept, hinter dem intelligente Kameras stehen.

Es muss zumindest für den Entwickler immer nachvollziehbar bleiben, wie die Maschine zu ihrer Entscheidung gekommen ist.

Julian Mayland

Sie können aus einer großen Anzahl von Objekten gezielt diejenigen identifizieren und herausfiltern, die nicht ins Schema passen. „Das selbstlernende System, das pro aktiv nachfragt, lernt durch Hinweise von Mitarbeitern“, betont Wilhelm Klat. Schlüsseltechnologien zu verbreiten und zu implementieren, treibt den erfahrenen Gründer und Wissenschaftler an. Seine Vision: Jeder Mitarbeiter hat künftig viele ‚Aizubis‘ und nutzt Künstliche Intelligenz, die zuarbeitet und hilft, Dinge besser zu verstehen. „Das hört sich vielleicht ähnlich verrückt an wie die einstige Vision von Bill Gates“, so Wilhelm Klat. Der wünschte sich damals einen Computer auf jedem Schreibtisch. Wichtig ist dem Bielefelder aber vor allem, Berührungsängste abzubauen. Die Angst vor smarten Technologien wie Künstlicher Intelligenz zu nehmen.
Anwendungen der KI kommen auch dort zum Einsatz, wo es für den Menschen schwierig oder unmöglich wird. Das Bielefelder Unternehmen Saltation setzt seit vielen Jahren Machine Learning/KI-Verfahren bei der Analyse von Bilddaten ein. Zum Beispiel zum Auffinden von Manganknollen in Tiefseebildern in Kooperation mit der Biodata Mining Group der Uni Bielefeld. Oder zur Erkennung von Schadstellen an Offshore Wind‑
energieanlagen aus Drohnenbildern oder zur Erkennung von Hautkrankheiten.