„Es ist so ein dankbarer Beruf. Ich glaube, es gibt wenige Berufe, in denen man so viel Dankbarkeit erfährt“, sagt Linda Beckmann. Die 26-Jährige weiß, wovon sie spricht. Seit acht Jahren arbeitet sie im Bestattungshaus Deppe in Bielefeld, zunächst als Auszubildende, heute als Bestattermeisterin. Ein Beruf, der viel mehr umfasst als Sarg, Urne und Trauerfeier – und in dem immer mehr junge Frauen ihren Platz finden.
Dass ihr Weg einmal ins Bestatterhandwerk führen würde, war nicht geplant. Nach dem Abitur wusste Linda Beckmann vor allem eines: Studieren wollte sie nicht. Sie wollte selbst etwas tun, praktisch arbeiten, anpacken. Das Thema Bestattung hatte sie schon vorher interessiert, ein Praktikum während der Schulzeit machte daraus schließlich eine berufliche Perspektive. 2018 begann sie ihre dreijährige Ausbildung zur Bestattungsfachkraft.

Und lernte einen Beruf kennen, der mit vielen Vorstellungen vom Bestatterhandwerk wenig zu tun hat. Beratung, Organisation und Büroarbeit gehören ebenso dazu wie Überführungen, die Versorgung Verstorbener oder die Begleitung von Trauerfeiern. „Ich glaube, es gibt in jedem Beruf eine versteckte Tür, die sich öffnet“, sagt Linda Beckmann. Vieles, was zum Bestatterhandwerk gehört, erschließt sich erst im Arbeitsalltag.
Auch in den Umgang mit Menschen in Ausnahmesituationen wächst man hinein. „Berührungsängste in den ersten Monaten sind normal, aber man lernt viel von erfahrenen KollegInnen. Wichtig ist während eines Beratungsgesprächs, die Leute reden zu lassen, ruhig zu sein und zuzuhören, aber auch die Angehörigen durchs Gespräch zu führen, um die Beerdigung zu planen“, erklärt Linda Beckmann. Manchmal gehört dazu auch, Stille auszuhalten. Trauerpsychologie und Gesprächsführung sind deshalb Teil der Ausbildung. Denn es sterben nicht nur alte Menschen, sondern auch junge – durch Krankheit oder Unfall. „Es gibt Momente, wo ich selbst schlucken muss“, sagt Linda Beckmann. „Im Team sprechen wir darüber, wenn uns ein Schicksal besonders nahegeht.“
Stillstand war für die Bielefelderin nach ihrem Abschluss 2021 keine Option. Als Landessiegerin in NRW und zweite Bundessiegerin erhielt sie ein Weiterbildungsstipendium und machte berufsbegleitend ihren Meister. Im April 2025 war sie am Ziel. „Ich bin noch jung und unabhängig und habe lieber gleich den Meister drangehängt“, erklärt die 26-Jährige. Jung, weiblich, Bestattermeisterin: Das passt nicht unbedingt zu dem Bild, das viele noch im Kopf haben. Doch genau das verändert sich. Inzwischen sind über 50 Prozent der Auszubildenden im Bestatterhandwerk Frauen. Auch in ihrem Meisterkurs spiegelte sich das: Sechs der 14 Teilnehmenden waren Frauen. „Auch für einen Ausbildungsplatz bewerben sich bei uns inzwischen vermehrt junge Frauen“, so Linda Beckmann. Dass eine Ausbildung viele Perspektiven eröffnen kann, weiß sie aus eigener Erfahrung. „Mit meinem Meistertitel habe ich jetzt auch einen Bachelor Professional. Und der ist meiner Meinung nach nicht weniger wert, als wenn jemand seinen Bachelor an der Uni macht.“ Längst gibt sie ihr Wissen weiter. Mit dem Meister hat sie auch ihren Ausbilderschein erworben und bereits zwei junge KollegInnen durch die Ausbildung begleitet. Seit Kurzem ist wieder eine Auszubildende im Team. „Mir macht das total Spaß“, sagt Linda Beckmann.
Dass auf der anderen Seite des Beratungstisches eine junge Frau sitzt, überrascht Angehörige trotzdem manchmal noch. Die einen finden sie zu jung, die anderen gerade deshalb gut. „Wenn ich mein Wissen teile, was ich mir erarbeitet habe, kann ich auch zeigen, was ich kann.“ Und das zeigt sich nicht allein in Organisation und Fachwissen. Es geht um Empathie, ums Zuhören und darum, einen passenden Abschied möglich zu machen. Wenn Angehörige anschließend sagen, dass alles genauso war, wie sie es sich vorgestellt haben, ist das einer dieser Momente, die bleiben. „Genau deswegen mache ich meinen Beruf“, unterstreicht die Bielefelderin.
Zahlen, Daten, Fakten
Rund 1.000
Menschen in Deutschland machen eine duale Ausbildung zur Bestattungsfachkraft.
57 Prozent
der Auszubildenden waren 2024 Frauen, der Männeranteil lag bei 43 Prozent.
Vor mehr als 10
Jahren lag der Frauenanteil im Bestatterhandwerk noch bei 45 %.
Quelle: Statistisches Bundesamt
3.300
Bestattungsunternehmen mit mehr als 5.000 Filialen gibt es bundesweit.
Quelle: Bundesverband Deutscher Bestatter e.V.