New Work
Vier Tage arbeiten, fünf Tage bezahlt bekommen und dabei dieselbe Leistung erbringen – kann das funktionieren? Die Bachelorarbeit von Jule Kruse zeigt:

Entscheidend ist weniger die Zahl der Arbeitstage als die Art, wie Arbeit organisiert wird. Die HSBI-Studentin hat untersucht, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit das sogenannte 100-80-100-Modell gelingen kann: 100 Prozent Leistung bei 80 Prozent Arbeitszeit und 100 Prozent Gehalt.
Dazu hat sich Jule Kruse mit der Bielefelder Unternehmensberatung Rheingans GmbH ein konkretes Beispiel aus der Praxis vorgenommen. Dazu hat sie den Forschungsstand aufgearbeitet, die organisatorischen und arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen beleuchtet und Interviews mit den Mitarbeitenden und der Geschäftsführung geführt. Für Unternehmen ist demnach ein strukturiertes Vorgehen unverzichtbar, das im Laufe des Prozesses immer wieder optimiert und an die konkreten Erfordernisse angepasst werden muss. Am besten unter aktiver Beteiligung der Belegschaft. Für die Mitarbeitenden sind noch weitere Aspekte wichtig. Dazu gehören die Transparenz der Regelungen, Klarheit und Realismus bei den Erwartungen des Unternehmens an sie und die Chance, die Arbeit eigenverantwortlich zu organisieren. Die Untersuchung macht deutlich: Eine kürzere Arbeitszeit lässt sich nicht einfach verordnen – sie verändert die Organisation der Arbeit.
Forschung für die Praxis
Die Rheingans GmbH als Kooperationspartner war nicht zufällig gewählt. Gründer und Geschäftsführer Lasse Rheingans beschäftigt sich seit vielen Jahren mit neuen Arbeitsmodellen. 2017 führte er in seiner damaligen Digitalagentur die 25-Stunden-Woche bei vollem Gehalt ein. Die Erfahrung: Die Teams wurden motivierter, kreativer und produktiver. Später passte der feste Fünf-Stunden-Tag nicht mehr zum Geschäftsmodell der Unternehmensberatung und wurde weiterentwickelt. Heute setzt das Unternehmen auf Selbstorganisation. Die Mitarbeitenden entscheiden selbst, wann, wo und wie viel sie arbeiten oder sich Zeit für Urlaub, Familie und Hobbys nehmen. Damit das funktioniert, muss für alle klar sein, wer welche Aufgaben übernimmt und welche Leistungen, Umsätze und Margen dahinterstehen. Arbeitszeit wird damit als Teil einer Arbeitsorganisation verstanden, die sich an Aufgaben und Bedürfnissen orientiert. Dadurch verändert sich der Blick auf die Arbeitszeit.
Die eigentliche Erkenntnis der Untersuchung liegt damit vielleicht in einem einfachen Gedanken: Weniger Arbeitszeit bedeutet nicht automatisch weniger Arbeit. Damit die Rechnung aufgeht, müssen Strukturen, Verantwortung und Erwartungen zusammenpassen. Genau dort entscheidet sich, ob aus der Viertage-Woche tatsächlich mehr Freiraum wird – oder nur mehr Arbeit in weniger Zeit.
Foto: Andra Bienert