Zeit für den Wechsel

Rund 7.000 Unternehmen in Ostwestfalen stehen bis Anfang der 2030er-Jahre vor einem Generationenwechsel. Das zeigt eine NRW-weite IHK-Studie von 2024, die sowohl Altersstruktur als auch wirtschaftliche Attraktivität berücksichtigt. Gleichzeitig wird es schwieriger, geeignete Nachfolger zu finden: Die geburtenstarken Jahrgänge ziehen sich aus dem Berufsleben zurück, während deutlich weniger Menschen nachrücken. Hinzu kommt der Fachkräftemangel. „Die Selbstständigkeit steht bei der Suche nach einer Nachfolge zunehmend in Konkurrenz zu lukrativen Beschäftigungsverhältnissen“, sagt Thomas Mikulsky, Nachfolgeexperte der IHK Ostwestfalen zu Bielefeld.

Seit 1998 begleitet der heutige Referatsleiter für Existenzgründung und Unternehmensförderung Unternehmensnachfolgen. Dabei hat er eine deutliche Veränderung beobachtet: Früher kamen häufig Unternehmerinnen und Unternehmer im Alter von 70 oder 80 Jahren zur Beratung. Heute sind die Übergebenden vielfach jünger – etwa Mitte 50 oder Anfang 60.

„Zum einen ist das Bewusstsein gewachsen, dass der Prozess komplex ist und Zeit braucht. Zum anderen wollen viele ihren nächsten Lebensabschnitt aktiv gestalten“, berichtet Thomas Mikulsky.

Doch manchmal wird das Thema Nachfolge noch immer auf die lange Bank geschoben. Denn wer ein Unternehmen über Jahrzehnte aufgebaut hat, gibt nicht einfach seinen Arbeitsplatz auf. Für viele ist der Betrieb Lebenswerk und Lebensinhalt. Hinzu kommt die Verantwortung für die Mitarbeitenden: Die Arbeitsplätze sollen erhalten bleiben, das Unternehmen soll erfolgreich weitergeführt werden. „Für viele, die in den Ruhestand wechseln, fühlt sich das an wie ein Wechsel vom Gaspedal auf die Bremse“, bringt es Thomas Mikulsky auf den Punkt. Der Schritt aus der Unternehmerrolle kann deshalb emotional schwieriger sein als erwartet.

Viele Wege führen zur Nachfolge

Wie die Übergabe aussieht, kann sehr unterschiedlich sein. Möglich ist eine familieninterne Lösung, die Übernahme durch Mitarbeitende oder einen externen Nachfolger ebenso wie der Verkauf an ein anderes Unternehmen. Auch die Eigentumsverhältnisse können bestehen bleiben, während eine externe Geschäftsführung die operative Verantwortung übernimmt. Die familieninterne Lösung ist nach wie vor die beliebteste Variante, wie eine IHK-Befragung zeigt. Selbstverständlich ist sie allerdings nicht mehr. Kinder entscheiden heute stärker selbst, ob sie den Betrieb der Eltern übernehmen möchten. Entscheidend ist für den Nachfolgeexperten deshalb nicht allein die Frage, wer die Rolle einnehmen könnte, sondern wer es auch wirklich will und fachlich dafür geeignet ist.

Häufig vollzieht sich der Wechsel bei familieninternen Übergaben über mehrere Jahre: Die ältere Generation gibt Schritt für Schritt Verantwortung ab, die jüngere übernimmt zunehmend. Das kann funktionieren – solange die Rollen und Erwartungen klar sind. „Hierbei kann es sinnvoll sein, eine Zeitachse zu definieren“, rät Thomas Mikulsky. Regelrechte Generationenkonflikte sind nach seiner Erfahrung eher selten. „Die meisten Nachfolgerinnen und Nachfolger wollen nicht sofort alles verändern. Sie hören zunächst zu, lernen die Abläufe kennen und nehmen das Wissen der Vorgängergeneration auf. Kontakte, Kundenbeziehungen, Netzwerke und Erfahrungswissen lassen sich schließlich nicht einfach aus einem Unternehmen herauslösen.“ Erst danach stellt sich die Frage: Was ist bewahrenswert, wo braucht es Veränderung?

Das gilt auch für externe Nachfolger. Die meisten, die sich für eine Übernahme interessieren, sind zwischen Mitte 30 und Mitte 40. Sie bringen Berufserfahrung mit und wollen diese in einem eigenen Betrieb einsetzen. Selbstständigkeit bedeutet für sie Verantwortung und unternehmerische Freiheit.

Veränderung als Chance

Am Anfang stehen andere Fragen: Was möchte ich persönlich nach dem Berufsleben? Und was soll mit meinem Unternehmen passieren? Soll der Betrieb am bisherigen Standort erhalten bleiben? Soll er in ähnlicher Form weitergeführt werden?

Diese persönlichen und unternehmerischen Ziele sind vielfach wichtiger als Fragen beispielsweise zum Kaufpreis. Sie können sogar dazu führen, dass ein Unternehmer bewusst einen geringeren Preis akzeptiert, wenn dafür die gewünschte Zukunft des Unternehmens gesichert ist.

Die IHK unterstützt Unternehmen bei diesen ersten Schritten. In einem persönlichen Gespräch werden Ziele, Möglichkeiten und der weitere Weg geklärt. Für steuerliche und rechtliche Fragen gibt es Nachfolgesprechtage, bei denen unter anderem Steuerberatung, Rechtsanwalt beziehungsweise Notar, Unternehmensberatung und IHK gemeinsam auf die Situation schauen. Wer eine externe Lösung sucht, kann zudem über die bundesweite Unternehmensbörse „nexxt-change“ Kontakte zu potenziellen Interessenten knüpfen. Manchmal scheuen Unternehmen aus strategischen Gründen davor zurück, Verkaufsabsichten öffentlich zu machen. Dafür haben 16 IHKs in NRW einen Nachfolgepool eingerichtet. Hier können Verkäufer und Interessenten anonymisiert ihr Profil hinterlegen. Zugriff haben nur IHK-Mitarbeitende, die sich bei einem Match um die Kontaktanbahnung kümmern. 

Eine Nachfolge ist nicht nur eine Herausforderung, sondern eine gute Chance, Transformationsprozesse auf den Weg zu bringen. „Digitalisierung, Nachhaltigkeit und die Frage, ob das Geschäftsmodell auch in Zukunft trägt, stehen ohnehin auf der Agenda vieler Unternehmen“, so Thomas Mikulsky. „Ein Generationenwechsel kann neue Perspektiven und Kompetenzen in den Betrieb bringen – und damit den notwendigen Wandel erleichtern.“ Eine gute Nachfolge verbindet Erfahrung mit neuen Ideen, Bewährtes mit Veränderung. Die Voraussetzungen dafür sind: früh anfangen, offen miteinander sprechen – und wissen, wohin die Reise gehen soll.

Text: Eike Birck

Foto: IHK Ostwestfalen zu Bielefeld