Lernen kennt kein Alter

Wenn im Oktober das Wintersemester an der Uni Bielefeld startet, füllen sich wieder die Hörsäle, Seminarräume und Cafeterien. Und es sind längst nicht nur junge Studierende, die mit Stundenplan und Tablet auf dem Campus unterwegs sind. Auch viele Ältere starten ins neue Semester.

Eine von ihnen ist Karin Sautter. Die 66-Jährige ist seit zwei Jahren bei „Studieren ab 50“ dabei – und längst wieder mittendrin im Uni-Leben. „Das ist für mich wirklich ein Highlight in der Woche“, sagt Karin Sautter. Die ehemalige Lehrerin kennt die Uni Bielefeld gut. Hier studierte sie damals Englisch und Sport. „Ich habe hier wirklich die schönsten Jahre meines Lebens verbracht“, sagt sie noch rückblickend. Als sie mit 61 Jahren in den Vorruhestand ging, hat sie es erst sehr genossen, nicht mehr nach Stundenplan leben zu müssen. Doch nach zwei Jahren stellte sich die Frage: Was jetzt? Hobbys hatte sie genug, doch ihr fehlte der Austausch.

Psychologie hatte sie schon immer interessiert. Gemeinsam mit einer ehemaligen Kollegin, der es ähnlich ging, fiel schnell die Entscheidung für „Studieren ab 50“. „Wenn man zu zweit ist, kriegt man das viel eher hin zu sagen: Okay, ich mach das mal – das ist schon ein Schritt“, erklärt sie.

Inzwischen ist aus der Psychologie längst viel mehr geworden. Karin Sautter hat philosophische Vorlesungen besucht, sich mit deutscher Geschichte beschäftigt, Seminare zu Romantik und Shakespeare belegt und zuletzt über humanoide Figuren und Künstliche Intelligenz diskutiert. „Das ist eine ganz andere Sparte, bei der ich vor zwei Jahren nicht gedacht hätte, dass sie mich interessieren könnte“, stellt sie fest. Gerade diese Vielfalt gefällt ihr. Und davon gibt es reichlich: Für „Studieren ab 50“ öffnen die Fakultäten und Abteilungen der Universität jedes Semester Veranstaltungen aus ihrem regulären Lehrangebot. Aus bis zu 500 Angeboten können sich die Teilnehmenden ihren persönlichen Stundenplan zusammenstellen. Hinzu kommen Vorträge, spezielle Veranstaltungen und Arbeitsgemeinschaften. Wer zum Wintersemester neu einsteigt, kann die Uni bei Führungen, Informationsrunden und Einführungsseminaren kennenlernen.

Karin Sautter ist meist an zwei Tagen pro Woche auf dem Campus, andere kommen fünfmal. Prüfungen muss sie als Gasthörerin nicht ablegen – und genau das verändert den Blick aufs Studieren. Früher hat sie in Vorlesungen ordentlich mitgeschrieben. Heute kann sie Wissen viel entspannter aufnehmen. „Man notiert sich etwas oder man hört einfach zu“, erklärt Karin Sautter. Ganz nebenbei hat sie wieder mehr Lust aufs Lesen bekommen. Shakespeare, Mary Shelley–Texte. „Das macht den Kopf ein bisschen frischer“, sagt sie mit einem Lachen. Und nicht nur das. Das Studium öffne neue Perspektiven: „Ältere sehen Dinge oft aus bestimmten Blickwinkeln – ganz nach dem Motto: Und nur so geht es. Wenn man hier ist, weitet es den Blick absolut.“

Dabei treffen im Hörsaal auch Generationen aufeinander. Wenn Karin Sautter mit ihrem Tablet nicht weiterweiß, sind es schon mal die jüngeren Studierenden, die helfen. „Die sind unfassbar hilfsbereit“, betont sie. Dass sie als ältere Gasthörerin auf dem Campus auffallen könnte, beschäftigte sie anfangs durchaus. Inzwischen ist das kein Thema mehr. „In der Uni wird man wirklich gar nicht wahrgenommen, dass man hier gar nicht mehr dazugehört, weil man doch anscheinend dazugehört“, so Karin Sautter. Auch unter den Studierenden ab 50 entstehen schnell Kontakte. Beim gemeinsamen Mittagessen, in der Cafeteria oder nach einer Veranstaltung kommt man ins Gespräch. Geredet wird auch danach über das, was vorher im Seminar auf dem Stundenplan stand – von Literatur bis KI. Inzwischen gibt es eine kleine Gruppe, die sich auch außerhalb der Uni trifft. „Wir haben eine kleine Community aufgebaut, was ich total toll finde“, sagt Karin Sautter. Und die geht auch schon mal gemeinsam auf Reisen: In diesem Jahr war sie mit zehn Mitstudierenden aus ihrer Literaturgruppe eine Woche in London – mit Theater, Museen und Pub-Kultur. Mit dabei: Susanne Catic, die Wissenschaftliche Leiterin des Weiterbildungsprogramms Studieren ab 50. „Und jeder von uns hat zum Programm inhaltlich etwas vorbereitet“, schwärmt Karin Sautter.

Für das neue Wintersemester hat sie längst wieder nachgeschaut, was sie interessieren könnte. Philosophie, Literaturwissenschaft, Malerei des 19. Jahrhunderts oder vielleicht Erbrecht? Fünf oder sechs Veranstaltungen hat sie ins Auge gefasst. Mit anderen werden Stundenpläne abgeglichen und Tipps ausgetauscht: Geh doch mal dahin, die Dozentin ist toll. Manches passt, manches nicht. Auch das gehört für sie dazu. Nur mit einem Teil des Studierendenlebens kann sich Karin Sautter nach wie vor nicht so recht anfreunden: „Semesterferien? Langweilig.“

Infos: www.uni-bielefeld.de/studieren50

Tipp:

Zulassung für neue Gasthörer*innen für das Wintersemester 2026/27 noch bis 15.11.26