ISABEL NIEMANN

Isabel Niemann denkt Mode anders: inklusiv, funktional und mit gestalterischem Anspruch. „Es ist keine Reha-Kleidung, die ich designe, sondern es ist Design“, sagt die Master-Studierende. Für ihre adaptive Mode wurde sie kürzlich auch in Paris ausgezeichnet.

Angefangen hat alles 2023 mit einem Studienprojekt. In einer Kooperation des Fachbereichs Gestaltung der HSBI mit Arminia Bielefeld entstanden Kleidungsstücke für die Wheel-Soccer-Mannschaft. Isabel Niemann begann, Schnitte neu zu denken. „Da habe ich mich zum ersten Mal gefragt, wie Kleidung funktionieren oder anders gestaltet werden muss, um beispielsweise im Rollstuhl gut zu funktionieren“, sagt sie. Die Frage ließ sie nicht mehr los. Für ihre Bachelor-Kollektion „Point of Return“ entwickelte sie Hosen, die im Sitzen bequem sind, nicht einschneiden oder hochrutschen und ohne störende Nähte und Gürtelschlaufen auskommen. Doch bei rollstuhlgerechter Mode hört ihr Ansatz nicht auf. „Ich möchte Kollektionen entwickeln, mit Kleidungsstücken, die für viele verschiedene Menschen geeignet sind“, betont die Studentin. Die Schnitte funktionieren für Rollstuhlfahrende ebenso wie für „FußgängerInnen“, wie sie selbst sagt. Reißverschlüsse am Hosenbein können das Anziehen erleichtern, wenn jemand eine Prothese oder Orthese trägt. „Wir alle haben unterschiedliche Ansprüche an Kleidung – wie sie funktionieren muss, wie sie gestaltet werden sollte und dass sie für einen persönlich im Alltag gut funktioniert“, unterstreicht sie.

Entworfen wird nicht nur am Schreibtisch. Isabel Niemann holt Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen früh dazu. Anziehen, ausprobieren, Rückmeldung geben, verändern – dieser Austausch gehört für sie zum Designprozess. „Schließlich geht es darum, ob meine Ideen funktionieren“, erklärt sie. Dass Diversität oder Inklusion oft erst beim Fotoshooting eine Rolle spielen, stört Isabel Niemann.

Sie will sie von Anfang an einbeziehen und wissen, wie eine Hose tatsächlich sitzt und sich im Alltag bewährt. Das kommt an. „Ich schätze an den Entwürfen von Isabel Niemann besonders, dass es keine starre Mode ist, sondern die Kleidung an viele Bedürfnisse angepasst werden kann“, sagt Rollstuhlfahrer Till Keller. Druckknöpfe oder Schlaufen machen Kleidungsstücke größer oder kleiner. Auch Kai Kramer sieht darin mehr als eine praktische Lösung: „An den Entwürfen von Isabel fällt auf, wie individuell Mode gestaltet werden kann. Die Kombination aus ästhetischen Designs, umweltfreundlichen Materialien und adaptiv gestalteten Schnitten für Menschen mit besonderen Anforderungen wirkt zukunftsorientiert. In den Entwürfen steckt Hoffnung für zukünftige Mode, die ein selbstbestimmtes Leben für viele Menschen erleichtern könnte“, erklärt Kai Kramer.

Ebenso wichtig ist Isabel Niemann, wie sich Menschen in ihrer Kleidung fühlen. Funktion allein genügt ihr nicht. „Grundsätzlich geht es mir darum, Lösungen für Probleme zu finden, für die es aktuell vielleicht noch gar keine wirklichen Lösungen gibt. Aber das Design soll eine genauso große Rolle spielen“, unterstreicht die gebürtige Detmolderin. Ihre Kollektion setzt bei konkreten Anforderungen an, soll aber nicht nach Sonderlösung aussehen. Mit diesem Ansatz überzeugte Isabel Niemann auch beim internationalen „Grand Prix Inclusive Design“ in Paris. „Point of Return“ erreichte den zweiten Platz und gehörte damit zu den beiden ausgezeichneten Projekten. Den Preis nahm sie am Institut Français de la Mode entgegen. „Die größte Freude war für mich eigentlich, dass es überhaupt eine Ausschreibung für so einen Preis gibt“, sagt sie. Denn in der Mode geht es häufig darum, wie Kleidung an einem Model aussieht.

Zurück in Bielefeld geht es für Isabel Niemann längst weiter. Im Master bei Prof. Philipp Rupp (Kollektionsentwicklung) und Prof.‘in Dr. Anna Zika (Theorie) nimmt sie die Zukunft ihrer Kleidungsstücke in den Blick.

Wie lassen sie sich adaptiv und zugleich nachhaltiger und recyclingfähiger gestalten? Sie experimentiert mit herausnehmbaren Knopfleisten, ersetzt Gummibänder durch Raffungen, arbeitet mit Naturmaterialien und testet Mesh für eine bessere Luftzirkulation. Noch wird ausprobiert. Isabel Niemann baut einen Pool an Kleidungsstücken auf, fittet erste Basics und testet, was funktioniert – mit Rollstuhlfahrenden ebenso wie mit FußgängerInnen. „Die Richtung ist klar, wo es hingeht, aber wie die Kleidungsstücke nachher wirklich aussehen werden, weiß ich noch nicht“, sagt sie. Ab Oktober führt sie ein freiwilliges Praktikum nach Antwerpen, danach geht die Arbeit am Master weiter. Und an Mode, bei der adaptive Lösungen nicht nach Sonderlösung aussehen. Sondern bei der im besten Fall der Gedanke entsteht, den Isabel Niemann selbst formuliert: „Hey, die Hose ist total cool, die will ich anziehen.“

Foto: P. Pollmeier/HSBI